Klang der Natur und des Waldes
Auf der Website des Musikfestivals „Eclat“ gibt es ein Foto der Freiburger Biologin Sandra Müller bei der Arbeit. Sie steht im Wald und befestigt ein Mikrofon an einem Baum. Sandra Müller ist Spezialistin für Öko-Akustik.
Dieser Zweig der Biologie untersucht Naturräume anhand dessen, was man dort hören kann, vor allem Tierstimmen. Seit einiger Zeit kooperiert die Biologin mit der Berliner Komponistin Kirsten Reese.
Lauschen ins Innere des Baums
„Wir teilen ein gemeinsames Anliegen: dass wir uns für den Klang der Natur und des Waldes interessieren. Das verbindet uns stark.“, sagt die Komponistin.
Reeses Werk „Future Forest“ wird jetzt bei „Eclat“ in Stuttgart uraufgeführt. Zu hören gibt es Aufnahmen von Klangabnehmern, wie man sie auch auf dem Korpus von Musikinstrumenten verwendet, hier aber montiert auf Baumstämmen. Man lauscht also ins Innere der hölzernen Organismen, fast wie mit einem Stethoskop.
Naturkitsch ist Kirsten Reese fremd
„Das Leitsystem des Baumes sind ja der Stamm und die Äste. Da hört man dann, wenn auf einem oberen Ast sich zwei Vögel niederlassen“, sagt Kirsten Reese. „Das kommt alles im Baum an, das ist faszinierend.“
Ohne Erläuterung würde man diese Sounds wohl eher für Unterwasseraufnahmen halten, zumal viele technische Störungen mitschwingen. Jede Form von esoterischem Naturkitsch oder deutscher Wald-Romantik ist Kirsten Reese völlig fremd. „Es wird nichts Reines, Schönes vorgegaukelt. Es gibt ganz schön viel Rauschen, auch mal ein Knacksen.“
Neue Spieltechniken für die Streicher
Den musikalischen Part von „Future Forest“ hat Kirsten Reese gemeinsam mit dem Freiburger Ensemble Recherche ausgetüftelt. Hier geht es darum, klassische Spieltechniken zu erweitern. „Bei den Streichern, da gibt es ziemlich viele Springbogen oder Getatostellen, das heißt der Bogen springt auf der Saite“,
Kirsten Reese geht es um die Klanglichkeiten des Waldes: Dieses rauschen, knistern, knuspern. „Das Springen ist eigentlich auch wie eine Stimme von dem Instrument.“
Der Wald: ein klanglicher Wunderkasten
Und auch die Stimme der Ökologie ist im gemeinsamen Projekt spürbar, ergänzt die Biologin Sandra Müller: „Das Stück heißt nicht umsonst Future Forest. Welche Beziehungen haben wir zum Wald? Wie stark wird er sich in den nächsten 20, 30 Jahren verändern?“
Für Kerstin Reese bedeutet der Umgang mit Klanglandschaften immer noch eine ganz besondere Erfahrung, die weit über das Komponieren Neuer Musik hinausgeht.
„Wenn ich im Wald Aufnahmen mache, verliere ich wirklich das Zeitgefühl. Er ist ein Wunderkasten ohne Ende und aus menschlicher Perspektive unglaublich erhaltenswert.“