Stefan Zweigs Roman verfilmt

Geschichte einer vorgetäuschten Liebe: „Ungeduld des Herzens“ ist ungewöhnlich gut

Der junge Soldat Isaac lässt die Rollstuhlfahrerin Edith glauben, er empfände Liebe für sie. Aus Scham und Mitleid weckt er in ihr die Hoffnung, eines Tages wieder laufen zu können. Lauro Cress ist eine sehr zeitgemäße Verfilmung von Stefan Zweigs einzigem Roman gelungen.

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Von Autor/in Rüdiger Suchsland

Unterklasse trifft höhere Tochter

Isaac, ein muskulöser Junge aus der Unterklasse, Soldat, sitzt mit seinen Kameraden auf der Bowlingbahn und erträgt den Gedanken nicht, dass seine Exfreundin kurz nach ihrer Trennung schon wieder einen neuen Mann hat.

Er spricht die nächstbeste Frau an, die ihm über den Weg läuft: Eine höhere Tochter. Er merkt zunächst nicht, dass Edith schwer behindert ist und querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzt.

„Ungeduld des Lebens“ von Lauro Cress
Zwischen Isaac (Giulio Brizzi) und Edith (Ladina von Frisching) entsteht eine ungewöhnliche Beziehung – voller Mitgefühl, Hoffnung und wachsender Abhängigkeit.

Stefan Zweigs Roman in die Gegenwart geholt

Liebe ist es allerdings nicht, was Isaac leitet, sondern eine sonderbare, leicht perverse Mischung aus Scham und Kalkül, aus Frechheit und „jener sonderbaren Vergiftung durch Mitgefühl", die der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig einst in seinem einzigen Roman beschrieb, die dem Film den Titel gibt.

Würde man die Nennung im Vorspann verpassen, käme man womöglich gar nicht auf die Idee, dies sei eine Adaption des gleichnamigen Romans von Stefan Zweig. Das Langfilmdebüt von Lauro Cress verhandelt die Risiken öffentlicher Gefühlsäußerungen und ist gnadenlos gegenwärtig.

Brandenburgische Provinz statt Donaumonarchie

Der Berliner Regisseur Cress und sein Co-Autor Florian Plumeyer übertragen die Geschichte aus der Donaumonarchie in die vage Gegenwart einer Provinzstadt in Brandenburg. Mode, Umgangsformen und Sprache sind rauer geworden, die Geschlechterrollen und der Status des Militärs haben sich entscheidend gewandelt.

„Ungeduld des Lebens“ von Lauro Cress
Je stärker Isaac versucht, Edith „zu heilen“ , desto tiefer verstricken sich beide in ein Geflecht aus Schuld, Selbsttäuschung und Sehnsucht.

Die Ästhetik ist die bekannter Filme über das Rebellische der Jugend und der Liebe: Motorrad, Muskeln, Musik und Melancholie, getaucht in knallbunte Neon-Ästhetik a la „One from the Heart“. Zärtlichkeit und Brutalität gehen in dem unbedarften Muttersöhnchen Isaac einher, der bei Edith seine zarten Seiten und dann auch, freilich etwas zu spät, seine inneren Skrupel entdeckt.

In Edith entdeckt er eine seelenverwandte Kämpfernatur, sie ist gerade wegen ihrer Behinderung durchsetzungsstark. Das kann nicht gut ausgehen, tut es auch nicht. Aber Happy Ends sind sowieso etwas für Langweiler. Ein ungewöhnlicher und über weite Strecken geglückter deutscher Film.

Trailer „Ungeduld des Herzens“, ab 5.2. im KIno

Ungeduld des Herzens [Offizieller Trailer DEUTSCH HD] – Ab 5. Februar im Kino

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Rüdiger Suchsland