Musikthema

Ein Festival in Vilnius feiert den litauischen Nationalkomponisten Mikalojus Konstantinas Čiurlionis

Während Estland Arvo Pärt feiert, dürfte der Name Mikalojus Konstantinas Čiurlionis nur wenigen etwas sagen. Dabei ist er für Litauen mindestens so bedeutsam wie Pärt für die Esten.

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Von Autor/in Jörn Florian Fuchs

Ein gefeierter Komponist

Eher selten begegnet man in den Konzertsälen in Deutschland mal einem Werk von Mikalojus Konstantinas Čiurlionis, meist sind es Klavierstücke und oft nur als Zugabe. Dass es sich bei Čiurlionis um den Nationalkünstler Litauens handelt und dass er auch Maler und Schriftsteller war, wissen die wenigsten. 150 Jahre alt wäre er heuer geworden und das südlichste der baltischen Staaten feiert ihn umfassend.

Bei der Reise nach Litauen und einer Strandung des Fliegers in Riga kommt ins Gespräch mit Litauern. Als der Name Čiurlionis fällt, bekommt eine junge Frau leuchtende Augen. Man werde überwältigt sein, den Stress der Reise vergessen, alles werde gut.

Solche Aufmunterungen, solche Freude erlebt man in den kommenden Tagen noch öfters. Selbst in einem Zentrum für geflohene Weißrussen, wo erwachsene, hoch traumatisierte Männer mit Bauklötzen spielen, öffnet der Name Türen und Herzen.

Litauens vergessener Nationalkomponist Mikalojus Konstantinas Čiurlionis: Der Mann, der den Wald vertonte

In seinem Heimatland Litauen wird Čiurlionis seit mehr als hundert Jahren als Nationalkünstler gefeiert. Sein Werk umfasst nicht nur Musik, sondern auch Gemälde.

Naturmystik als zentrales Element

Mikalojus Konstantinas Čiurlionis wird 1875 in einer litauischen Kleinstadt geboren, der Vater ist Organist und sein Sohn interessiert sich bald für die Orgel. Er studiert in Leipzig und Warschau Musik und Kunst. Als Maler und als Komponist begeistert er sich für existentielle Fragen und Naturmystik.

Viele religiöse Motive durchziehen seine oft expressiven Gemälde, manches bezieht sich konkret aufs Christentum, anderes bleibt auch ein wenig fremd und wirkt nach privater Mythologie. Das weitere sind Seestücke, Landschaftsbilder und auch Čiurlionis' wohl berühmtestes Musikstück „Jūra“ (Meer) taucht da im Wortsinn tief ein.

Čiurlionis bekammt Jūra nie vollständig zu hören, da der Orchestersatz teilweise so dicht und vertrackt ist, dass das Stück als unaufführbar galt. Erst jetzt, im Jubiläumsjahr, hat die Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla mit dem litauischen Nationalorchester alle Noten zum Klingen und Schwingen gebracht.

Das Interesse ebbt nicht ab

Die Bedeutung von Čiurlionis ist immens, eine Buchhandlung in Vilnius führt ein Werk über ihn auf Platz 4 der Bestsellerliste, streift man durch eines der zahlreichen Museen, die ihm gerade Ausstellungen widmen, begegnen einem Familien mit Kindern, die an Sandskulpturen arbeiten.

Darüber wacht ein Gemälde mit einem freundlichen Gesicht, in der typischen, leicht verschwommenen, dennoch fast rauschhaften Farbigkeit, die viele Bilder von Čiurlionis bestimmt. Und es gibt natürlich auch passende Musik, die den Raum flutet.

Mikalojus Konstantinas Čiurlionis: Märchen II, 1907
Anfang des 20. Jahrhunderts wendet sich Mikalojus Konstantinas Čiurlionis der Malerei zu. Als Inspiration dienen ihm die Landschaften und die Mythen seiner litauischen Heimat. (Im Bild: Mikalojus Konstantinas Čiurlionis: Märchen II, 1907) Bild in Detailansicht öffnen
Mikalojus Konstantinas Čiurlionis: Allegro (Sonata der Sterne), 1908
In seinen Werken nähert sich Čiurlionis stilistisch dem Symbolismus an. Er arbeitet sehr grafisch, produziert Diptychen und Triptychen. Häufig malt er in Tempera. (Im Bild: Mikalojus Konstantinas Čiurlionis: Allegro (Sonata der Sterne), 1908) Bild in Detailansicht öffnen
Mikalojus Konstantinas Čiurlionis: Andante (Sonata der Sterne), 1907
Ein Beispiel hierfür ist die Bildfolge „Sonata der Sterne“, die eindeutig vom Jugenstil der Epoche geprägt ist. (Im Bild: Mikalojus Konstantinas Čiurlionis: Andante (Sonata der Sterne), 1907) Bild in Detailansicht öffnen
Mikalojus Konstantinas Čiurlionis: Berg, 1906
Teilweise erinnern die Bilder in ihrer Ausgestaltung an japanische Holzschnitte. Die Motive sind aber eindeutig von Litauen inspiriert. (Mikalojus Konstantinas Čiurlionis: Berg, 1906) Bild in Detailansicht öffnen
Mikalojus Konstantinas Čiurlionis: Funken III, 1906
So auch Čiurlionis' Serie „Funken“, die an die harten litauischen Winter erinnert. (Im Bild: Mikalojus Konstantinas Čiurlionis: Funken III, 1906) Bild in Detailansicht öffnen
Mikalojus Konstantinas Čiurlionis: Das Sternzeichen Schütze (aus einem Zyklus über die Sternzeichen)
Čiurlionis setzt sich mit klassischen Motiven des Symbolismus auseinander, darunter auch ein Zyklus über die 12 Zeichen des Sternkreises. (Im Bild: Mikalojus Konstantinas Čiurlionis: Das Sternzeichen Schütze) Bild in Detailansicht öffnen

Unvollendete Oper mit KI zur Aufführung gebracht

Die Einzigartigkeit von Čiurlionis' Musik besteht in der engen Verbindung, manchmal auch Verschmelzung, von spätromantischem Klangvokabular mit litauischen Volksliedern und dazu oftmals sanft modernisierten Chorälen.

Was ihm allerdings nicht mehr gelang, war die Komposition einer Oper. Er starb unerwartet bereits 1911 und hatte gemeinsam mit seiner Frau, der Schriftstellern Sofija, an Jūratė gearbeitet. Der Stoff gehört zur baltischen Mythologie und behandelt die tragische Liebe zwischen einem Meereswesen und einem Landbewohner.

Das Contemporary Opera Festival in Vilnius hat jetzt eine 'imaginierte' Oper zur Uraufführung gebracht, gleich drei Komponisten, dazu noch eine KI, haben aus den wenigen überlieferten Skizzen und Musikbausteinen bestehender Werke ein sehr berührendes, heftig beklatschtes Werk geschaffen. Die nie geschriebene Oper klingt in Vilnius gar nicht so imaginär, sondern ziemlich konkret und vor allem klang-über-sinnlich.

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Autor/in
Jörn Florian Fuchs
Onlinefassung
Sebastian Kiefl
Sebastian Kiefl, Autor SWR Kultur