„Dann musst du sie wohl doch wegwerfen!“, meinte meine Frau, als die zehn Schwerlastkisten nicht mehr in den Umzugswagen passten. Wir sind nämlich aufs Land gezogen. Neben all den Möbeln, dem Geschirr, den Instrumenten gibt es leider etwas, auf das ich auf keinen Fall verzichten kann: ein paar tausend CDs und DVDs.
Aber in jenem Moment hatte ich mich selbst gefragt: Warum nicht alles entsorgen? Weg mit diesen uralten Medien, hin zu Streaming! The future is now! Und die Regale waren ja sowieso schon mit ein paar hundert Büchern voll.
Aber ich gebe zu, ich hänge am Physischen. Eine CD ist eben sehr viel mehr als eine Trackliste bei Spotify oder Amazon Music. Die CD ist ein Gesamtkunstwerk aus Tonträger, Booklet und den Kratzern auf der Verpackung, die den Grad der Liebe zum Album bezeugen.
Alexa, hol mir mal mein Reclam-Heft aus dem Auto
Einer der unheimlichsten Momente meines Lebens war, als ich einmal Freunde in ihrem neuen Zuhause besuchte und diese mir ihr smartes Wohnzimmer zeigten, in dem sich weder CDs oder DVDs, nicht einmal Bücher oder Zeitschriften befanden. Kultur, für sie waren das eine Festplatte und ein Tablet.
Mir blieb nur ein: „Alexa, hol mir mal mein Reclam-Heft aus dem Auto“. A propos smart: vom Regisseur John Waters stammt der clevere Satz: „Wenn Du mit Leuten nach Hause gehst und die haben keine Bücher, geh nicht mit ihnen ins Bett!“
Wer CDs kauft, besitzt Musik
Und natürlich können Sie jetzt sagen: Aber das Streamen von Musik und Filmen hat doch so viele Vorteile! Alle Titel zu jeder Zeit und das platzsparend. Mit Streaming haben Sie die größte Plattensammlung der Welt, Herr Sydow!
Nein. Eigentlich haben Sie nur ein besseres Jamba-Abo. Nur wenn ich eine CD kaufe, besitze ich die Musik. Beim Streaming erwerbe ich allein das Zugriffsrecht auf die Musik. Besitzt wird sie von Konzernen, die mir erlauben, diese Musik zu hören, wenn ich ständig und immer wieder dafür bezahle.
Streamer können Musik wieder wegnehmen
Der Besitzer kann mir auch jederzeit dieses Recht und damit einen wichtigen Teil meiner Identität, meine Musik, wieder wegnehmen. Und das wurde auch schon mehrfach gemacht. Netflix zum Beispiel nimmt regelmäßig die am seltensten gestreamten Filme aus seinem Programm. Das hat dazu geführt, dass dort nur noch 25 Filme angeboten werden, die vor 1950 entstanden sind.
Die ersten 55 Jahre der Filmgeschichte in nur 25 Filmen, das ist so als gäbe es von Beethoven bei Spotify nur noch die Neunte Sinfonie oder „Für Elise“. Oder schlimmer noch: Es gäbe nur noch Klassik-Kompilationen mit den Melodien, die eh jeder aus der Werbung kennt.
Wenn Sie sich jetzt fragen, wie unser Umzug gelaufen ist: Ich habe noch einen zweiten Laster angemietet. Und jetzt, wo ich all meine Schätze in Ruhe einsortiert habe, lege ich erst mal meine Lieblings-CD auf.