Eine Orgel ist zunächst ein erstaunlich variables Instrument. Entscheidend sind nicht ihre Größe, ihr Standort oder ihr klassisches Aussehen, sondern das Zusammenspiel von Luft, Pfeifen und Mechanik. Und genau dieses Prinzip lässt sich auf überraschend viele Arten umsetzen:
- Die Welle als Organistin – Meeresorgel in Zadar, Kroatien
- 100 Prozent Glas – Orgelpfeifen erinnern an die Opfer von 9/11
- Bambus statt Holz – Philippinischer Bambus statt deutsche Eiche
- Eine Orgel Marke Eigenbau – Heimorgeln aus dem 3D-Drucker
- Zweitverwendung fürs Altpapier – Orgel aus Papier
Die Welle als Organistin
Eine Orgel funktioniert vergleichsweise simpel: ein Luftstrom wird in den Pfeifen gebrochen und so zum Schwingen gebracht – ein Ton erklingt. Normalerweise entscheiden Musikerinnen und Musiker über Tasten und Register, welche Pfeifen angespielt werden. Doch es geht auch ohne sie: Bei der Meeresorgel im kroatischen Zadar übernimmt das Meer diese Aufgabe.
Die „Morske orgulje (Deutsch: Meeresorgel)“ befindet sich direkt an der Promenade von Zadar. Treppen laden zum Hinsetzen und Zuhören ein. Unter den Stufen liegen 35 Röhren, in die Wellen Luft hineindrücken oder wieder herausziehen. Dadurch entstehen Töne in den darüberliegenden Orgelpfeifen. Die Natur wird zur Musikantin – den Wellen zu lauschen bekommt in Kroatien eine ganz neue Bedeutung.
100 Prozent Glas
Als Denkmal für die Opfer des 11. Septembers wollte der österreichische Orgelbauer Xaver Wilhelmy über 3.000 Glaspfeifen bauen. Das Projekt kam allerdings nicht zustande. Letztendlich wurde es eine deutlich kleinere Stückzahl, die dennoch eine wahre Besonderheit darstellt. Denn die Orgelpfeifen sind ausschließlich aus Glas, kein Holz, Blei oder Zinn findet sich in dem Kunstwerk.
Eineinhalb Jahre benötigte Wilhelmy für die Planung und Konstruktion der 14 Glaspfeifen. Zu sehen waren sie unter anderem in Arlington Virginia, Washington D.C. und Los Angeles, Kalifornien. Ein komplettes Orgelwerk kann natürlich nicht auf 14 Pfeifen gespielt werden, aber eine Demonstration von Wilhelmy nutzt das Glaskunstwerk für die tiefen Basstöne und zeigt, dass die Pfeifen trotz des ungewöhnlichen Materials funktional sind.
Bambus statt Holz
Ungewöhnliches Material – zumindest aus europäischer Sicht – wird auch in den Philippinen für Orgeln benutzt. In der römisch-katholischen Kirche Heiliger Josef in Las Piñas ist eine Orgel aus Bambus zu besichtigen, die zum Großteil aus Bambuspfeifen besteht. Seit 2003 ist die Orgel nationales Kulturerbe, jährlich findet dort das Internationale Bambusorgel-Festival statt.
Die Bambusorgel wurde durch mehrere Umweltkatastrophen so sehr beschädigt, dass sie im Laufe des 20. Jahrhunderts kaum noch spielbar wurde. Ein Teil der Orgel wurde Mitte der 1970er-Jahre in Japan restauriert, der andere Teil in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn. Um die Klimabedingungen der Philippinen zu simulieren, wurde in der Orgelbauwerkstatt Klais eine Klimakammer gebaut.
Eine Orgel Marke Eigenbau
Dass die Orgelwerkstatt Klais für ihre Expertise bei der Bambusorgel herangezogen wurde, ist nicht überraschend: Das Unternehmen zählt zu den renommierten Orgelbauern weltweit. Aus der gleichen Werkstatt stammt auch die Orgel der Elbphilharmonie Hamburg. Kostenpunkt: rund zwei Millionen Euro.
Dass der Geldbeutel aber auch im Orgelbau geschont werden kann, zeigen Hobbydesigner auf YouTube. Dort sind etliche Orgeln aus dem 3D-Drucker zu finden.
Vergleichsweise simple Orgeln, die mit Ventilator und MIDI-Controller betrieben werden, erinnern an Drehorgeln vom Jahrmarkt. Die Technik ist dabei die gleiche wie bei der Orgel der Elbphilharmonie: Ein Gebläse erzeugt Luft, diese wird in Kammern gespeichert und gezielt über Ventile in die Pfeifen geleitet. Je nach Länge der Pfeifen ist der Ton hoch (kleine Pfeife) oder tief (große Pfeife).
Auch mit den eigenen Händen spielbare Orgeln sind über den 3D-Drucker möglich. Jonathan Gazeley schuf zum Beispiel ein Portativ, also eine tragbare Orgel. Sie lässt sich nicht nur über eine Klaviatur, sondern macht auch die Registrierung möglich, also das Spielen verschiedener Pfeifenarten.
Das Design orientiert sich dabei an den runden Metallpfeifen einer typischen Orgel, wie man sie aus der Kirche kennt (dort sieht man den sogenannten Orgelprospekt) und den gedeckten Holzpfeifen.
Zweitverwendung fürs Altpapier: eine Orgel
Holzpfeifen werden – wie der Name verrät – aus Holz gefertigt. Doch für Fans von mehrteiligen Verarbeitungsprozessen bietet sich eine interessante Gelegenheit: Denn auch aus Papier lassen sich kleine Orgeln bauen. Das hat der YouTube und Papierkünstler Aliaksei Zholner bewiesen.
2018 schuf er eine Orgel komplett aus Papier und Pappe, mit Zungenpfeifen die sich sogar stimmen lassen. Auch hier ist eine – wenn auch kleine – Klaviatur verbaut. Als Besonderheit ist der Blasebalg zu erwähnen, der für einen ständigen Luftstrom sorgt und eine sehr ähnlich Bauweise zu Kirchenorgeln aufweist.
Ob Papier, Glas, Plastik, Ton oder Bambus, Pfeifen lassen sich aus fast jedem Material erschaffen. Als Spieler oder Spielerin muss es auch nicht immer ein Mensch sein, selbst Ebbe und Flut können heutzutage Orgel spielen. Und das zeigt, dass selbst ein Instrument, dass es seit über 2000 Jahren gibt, noch lange nicht fertig mit der Entwicklung ist.