„Es gibt noch so viel zu entdecken“, schwärmt Silke Wenzel. Die promovierte Musikwissenschaftlerin ist Mit-Herausgeberin der Online-Forschungsplattform MUGI (Musik und Gender im Internet).
In den vergangenen Jahren war sie an der Entdeckung und Erforschung Hunderter von Musikerinnen-Biografien beteiligt. Gleichzeitig stellt sie fest, dass die Musik komponierender Frauen im allgemeinen Konzertbetrieb noch längst nicht angekommen sei.
Bei einer Studie vor zehn Jahren hatte sich unter den 100 meistaufgeführten Komponisten keine einzige Komponistin befunden. Clara Schumann rangierte weit abgeschlagen auf Platz 182.
Verdrängt aus der Musikgeschichte Vergessene Komponistinnen und warum wir über sie reden müssen
Vergessene Komponistinnen prägten die Musikgeschichte, doch patriarchale Strukturen löschten sie aus der Geschichtsschreibung. Wir stellen exemplarisch fünf Komponistinnen vor.
Wo sind komponierende Frauen im Konzertalltag?
Mittlerweile sieht es etwas besser aus, vor allem mit Blick auf lebende Komponistinnen. Im Jahr 2023 waren weltweit 36 der 100 meistgespielten lebenden Komponisten Frauen. Komponistinnen vergangener Epochen allerdings sind auf den Konzertprogrammen nach wie vor Ausnahmeerscheinungen.
Aber warum ist Musik komponierender Frauen noch immer so unterrepräsentiert in unserem Konzertalltag? Silke Wenzel bemängelt bei Konzertveranstaltern nicht nur seltsame Vorbehalte, fehlenden Mut und falsche Sorgen um die Akzeptanz beim Publikum.
Auch gebe es noch immer grundlegende infrastrukturelle Probleme. Denn Aufführungen scheitern oft schon daran, dass kein geeignetes Notenmaterial verfügbar ist, von kritischen Editionen ganz zu schweigen.
„Lexika können Herz und Hirn nicht verändern“
Es gibt bei der Wiederbelebung von Komponistinnen-Musik derzeit ein signifikantes Ungleichgewicht. „Bislang wurde sehr viel von wissenschaftlicher Seite dafür getan, Komponistinnen bekannt zu machen“, sagt Silke Wenzel.
Es fehle an musikalischer Institutionalisierung, die musikalische Verankerung der neu- oder wiederentdeckten Werke in unserem Konzertleben.
Das Problem ist, dass Lexika Herz und Hirn nicht verändern können.
Verlage, Musiker*innen und Konzertveranstalter stünden darum mehr denn je in der Pflicht, so Silke Wenzel, den nächsten Schritt zu machen. Angesichts der schieren Fülle an neu hinzugewonnenem Wissen über Komponistinnen, müsse das Bemühen um deren Sicht- und Hörbarkeit jetzt eine neue Stufe erreichen.
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Rückkehr vergessener Komponistinnen
Vorbildliche Brückenschläge von der Theorie zur Praxis gibt es bereits zahlreich. Silke Wenzel berichtet von der sensationellen Wiederentdeckung der Barock-Komponistin Antonia Bembo.
Der Dirigent und Ensembleleiter Jörg Halubek hatte das Aufführungsmaterial zur Oper „L‘Ercole Amante“ aufwändig rekonstruiert und das Werk 2023 in Stuttgart zur umjubelten Uraufführung gebracht.
Ob Florence Price, Liza Lehmann, Dora Pejačević, Louise Adolpha Le Beau, Augusta Holmès oder Pauline Viardot: In fast allen „Fällen“ gilt, dass diese Frauen von ihren Zeitgenossen oft völlig selbstverständlich als angesehene Komponistinnen wahrgenommen wurden.
„Aber seltsamerweise verschwinden sie nach ihrem Tod aus den Konzertprogrammen und werden aus der Musikgeschichte oft einfach rausgeschrieben“, so Silke Wenzel.
Neue Perspektiven auf Musikgeschichte
Aufklärung in dieser Hinsicht leistet das Online-Lexikon von MUGI, das sich seit mehr als 20 Jahren beständig erweitert. Mittlerweile verzeichnet es auch Artikel zu komponierenden Männern, etwa zu Johannes Brahms, Franz Liszt oder György Ligeti – und untersucht dabei auch, in welchen Verbindungen zu Frauen diese Komponisten standen.
Silke Wenzel ist hoffnungsvoll, dass mit der Aufklärung über Komponistinnen auch der Aufschwung ihrer Musik im Konzertbetrieb weiterhin an Fahrt aufnimmt.
Weitere Themen aus der Sendung
Treffpunkt Klassik
Mit Katharina Eickhoff
Gast im Studio:
Dr. Silke Wenzel, Mit-Herausgeberin von MUGI (Musik und Gender im Internet), über Komponistinnen
Musikthema
Zubin Metha zum 90. Geburtstag
Liza Lehmann:
Good morning, brother sunshine!
Lucile Richardot (Mezzosopran)
Anne de Fornel (Klavier)
Florence Price:
4. Satz: Scherzo. Finale, aus: Sinfonie Nr. 3 c-Moll
Philadelphia Orchestra
Leitung: Yannick Nézet-Séguin
Antonio Vivaldi:
2. Satz: Largo, aus: Konzert für Viola d'amore, Laute, Streicher und Basso continuo d-Moll RV 540
Fabio Biondi (Barock-Viola d'amore)
Giangiacomo Pinardi (Barock-Laute)
Europa Galante
Leitung: Fabio Biondi
Ellen Taaffe Zwilich:
Concerto Grosso 1985 Presto
New York Philharmonic
Leitung: Zubin Mehta
Unbekannt:
Krivo Sadovsko Horo. Bulgarisches Volkslied, Bearbeitung
Bridges-Kammerorchester
Leitung: Bar Avni
Pauline Viardot-Garcia:
Choeur des Elfes. Lied für 2 Soprane, zweistimmigen Frauenchor und Klavier
Julia Obert (Sopran)
Carmen Buchert (Sopran)
Anne Le Bozec (Klavier)
Vokalensemble Rastatt
Liza Lehmann:
There are fairies at the bottom of our garden
Cathy Berberian (Sopran)
Bruno Canino (Klavier)
Jean-Baptiste Lully:
Passacaille d'Armide, Armide
Café Zimmermann
Leitung: Skip Sempé
Antonia Bembo:
Scena Quarta und Scene Quinta, aus: L'Ercole Amante. Oper in 5 Akten
Yannick Debus (Bariton)
Alena Dantcheva, Anita Rosati (Sopran)
David Tricou (Tenor)
Flore van Meerssche, Chelsea Marilyn Zurflüh (Sopran)
Arnaud Gluck (Altus)
Andrés Montilla Acurero (Tenor)
Hans Porten (Bariton)
Hans Porten (Sprechstimme)
Il Gusto Barocco
Leitung: Jörg Halubek
Dora Pejačević:
3. Satz: Allegro con fuoco, aus: Klavierkonzert g-Moll op. 33
Peter Donohoe (Klavier)
BBC Symphony Orchestra
Leitung: Sakari Oramo
Augusta Holmès:
3. Satz: La fureur de Roland. Allegro feroce, aus: Roland furieux. Sinfonie
Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz
Leitung: Michael Francis
Camille Saint-Saëns:
"Mon coeur s'ouvre à ta voix", Arie der Dalila, aus: Samson et Dalila. Opéra in 3 Akten, Bearbeitung
Gautier Capuçon (Violloncello)
Frank Braley (Klavier)
Rachel Portman:
Vianne sets up shop, aus: Chocolat
Raphaela Gromes (Violoncello)
Rachel Portman (Klavier)
Luise Adolpha Le Beau:
"Ich bin eine Blume zu Saron", Duett, aus: Ruth, Biblische Szenen für Soli, Chor und Orchester
Jardena Flückinger (Sopran)
Thalia Hellfritsch, Marion Eckstein (Alt)
Markus Eiche (Bariton)
BachChor Tübingen
Ensemble
Württembergische Philharmonie Reutlingen
Leitung: Annedore Neufeld
Louise Farrenc:
4. Satz: Finale. Allegro, aus: Klavierquintett a-Moll op. 30
Ensemble Louise Farrenc
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