Kommentar zum Eklat rund um das Glücksgefühle-Festival

Wer Haltung auslädt, hat Popkultur nicht verstanden

Das Glücksgefühle Festival will „komplett unpolitische“ Bühnen und lädt die Band Alphaville nach einem Streit über politische Äußerungen aus. Wer Künstler aber nur für Hits und gute Stimmung bucht, degradiert sie zu Dienstleistern. Kultur muss widersprechen dürfen – auch dann, wenn das die „Good Vibes“ stört, findet Kulturredakteurin Samira Straub.

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Von Autor/in Samira Straub

„Unsere Bühne soll der Musik gehören – nicht politischen Auseinandersetzungen.“

So begründet das Glücksgefühle Festival die Ausladung von Alphaville. Die Band sollte am Freitag auftreten, konnte sich mit dem Veranstalter aber nicht darauf einigen, politische Äußerungen auf der Bühne zu unterlassen.

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Eine unpolitische Bühne gibt es nicht

Der Streit mit Alphaville kommt nicht aus dem Nichts. Sänger Marian Gold hat bei früheren Veranstaltungen desselben Veranstalters auf der Bühne gegen Rechts und gegen die AfD gesprochen. Für Glücksgefühle war damit offenbar klar: Solche politischen Ansagen sollte es diesmal nicht geben.

Ausgerechnet an einem Wochenende, an dem in Sachsen-Anhalt gewählt wird, erklärt eines der größten Musikfestivals Deutschlands: Politik? bitte draußen lassen. Aber: Wer politische Äußerungen von einer Bühne fernhalten will, trifft damit selbst eine politische Entscheidung.

Lukas Podolski und Markus Krampe, die Veranstalter
Hinter dem Glücksgefühle Festival stehen Markus Krampe und Lukas Podolski. Krampe machte sich zuvor unter anderem als langjähriger Manager von Michael Wendler einen Namen. IMAGO/BOBO

Die Grenzen zwischen Musik und Politik verlaufen fließend

Natürlich kann man irgendwann genug haben von politischen Debatten. Muss wirklich jedes Konzert noch politisch aufgeladen werden?

Nein. Natürlich nicht.

Nur die Schlussfolgerung ist falsch: Der Wunsch nach Eskapismus macht eine Bühne noch lange nicht politikfrei. Musik und Politik lassen sich nun mal nicht sauber voneinander trennen. Punk, Hip-Hop oder Reggae sind ohne Protest und gesellschaftliche Konflikte kaum denkbar. Und auch live besteht Musik eben nicht nur aus Songs: Ansagen und der direkte Kontakt mit dem Publikum gehören genauso dazu.

Wer Künstler auf ihre Hits beschränkt, behandelt sie am Ende wie Dienstleister für gute Stimmung. Hauptsache, der Refrain sitzt und die Ansage stört nicht. 

Wo soll diese Grenze überhaupt verlaufen? Ist ein Satz gegen Rassismus schon zu politisch? Ein Appell für Demokratie? 

Noch erstaunlicher als die Ansage des Veranstalters ist die Ruhe im Line-Up. Haltung scheint unter Musikern ein ziemlich hohes Gut zu sein – solange es der Kollege ist, der gerade ausgeladen wird.

Glücksgefühle-Besucher 2025 mit Mittelfingern oben
Beim Auftritt von Paula Hartmann beim Glücksgefühle Festival 2025 gingen im Publikum demonstrativ die Mittelfinger nach oben – ein Bild, das nicht so recht zum heutigen Anspruch einer möglichst konfliktfreien, „unpolitischen“ Bühne passen will. picture alliance/dpa

Gute Stimmung um jeden Preis?

Das Glücksgefühle-Festival nennt sich den „glücklichsten Ort der Welt“. Offenbar gehört zum Glück dort auch, bestimmte Debatten einfach draußen zu lassen. Das Versprechen ist klar: möglichst viel gute Stimmung, möglichst wenig Reibung. Aber heißt glücklich sein wirklich: Augen zu, Haltung aus?

Die Besucher des Glücksgefühle-Festivals scheint es bisher nicht zu stören, die Tickets verkaufen sich wie von selbst. Aber gute Laune und Haltung schließen sich nicht aus. Kultur muss nicht permanent stören – sie muss es aber dürfen.

Wer nur Hits ohne Haltung will, sollte vielleicht keine Künstler buchen. Sondern Playlists abspielen.

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Autor/in
Samira Straub
Samira Straub, Autorin und Redakteurin bei SWR Kultur Digital