Nach Ausladung von Alphaville

Pop ohne Politik? Warum das Glücksgefühle Festival an seinem eigenen Anspruch scheitert

Das Glücksgefühle-Festival lädt Alphaville wegen politischer Statements erst aus, dann wieder ein – und entfacht damit eine Debatte. Wie viel Kunst bleibt, wenn jede Reibung unerwünscht ist?

Teilen

Stand

Von Autor/in Samira Straub

Vier Tage lang soll der Hockenheimring ab Donnerstag wieder zum, wie es die Veranstalter nennen, „glücklichsten Ort der Welt“ werden. Mehr als 50 Acts stehen beim Glücksgefühle-Festival auf drei Bühnen: David Guetta neben Ayliva, Marteria neben Nura, Andreas Gabalier neben Scooter. Die deutsche Synthie-Pop-Band Alphaville gehört seit Mittwoch nicht mehr dazu.

Die Band um Sänger Marian Gold erklärte am Mittwoch auf Facebook, der Veranstalter habe ihren für Freitag geplanten Auftritt kurzfristig abgesagt. Als Begründung zitiert Alphaville aus einem Schreiben des Festivals: Man dulde „keine politischen Themen oder Äußerungen jeglicher Art“ auf der Bühne und wolle deshalb von einem Auftritt der Band Abstand nehmen.

Alphaville sprechen von einem „Maulkorberlass“ und sehen Meinungs-, Rede- und Kunstfreiheit eingeschränkt.

Alphaville-Sänger Marian Gold
Alphaville wehrten sich erst im Frühjahr dagegen, dass Donald Trump ihren Welthit „Forever Young“ für ein Video verwendete. Maximilian Koch

Glücksgefühle will „komplett unpolitisch“ bleiben

Inzwischen hat sich auch die Veranstalterseite öffentlich geäußert. Zuerst erschien die Stellungnahme bei „Bild“, die das Glücksgefühle-Festival an diesem Wochenende als Medienpartner live überträgt. SWR Kultur übermittelte der Veranstalter anschließend ebenfalls ein ausführliches Statement.

Darin weisen die Organisatoren den Vorwurf zurück, Alphaville wegen ihrer konkreten politischen Haltung ausgeladen zu haben. Zugleich bestätigt der Veranstalter aber den Kern des Konflikts: Das Festival sei „komplett unpolitisch“ – unabhängig davon, ob sich jemand nach rechts, links oder in eine andere politische Richtung äußere. „Unsere Bühne soll der Musik gehören – nicht politischen Auseinandersetzungen.“

Unsere Bühne ist keine Plattform für politische Äußerungen.

Der Glücksgefühle-Veranstalter verbietet seinen Acts damit nicht, politische Positionen zu haben. Die Grenze zieht der Veranstalter dort, wo Künstler diese Positionen auf der eigenen Bühne äußern. Aber kann der Anspruch, politische Äußerungen grundsätzlich von seinen Bühnen fernzuhalten, überhaupt gelingen?

Wo soll unpolitische Musik eigentlich anfangen?

Wie schwer diese Grenze in der Praxis zu ziehen ist, zeigt das eigene Line-Up. Nura verbindet ihre Konzerte ausdrücklich mit gesellschaftskritischen Statements; Marteria positioniert sich öffentlich gegen einen möglichen Wahlsieg der AfD in Mecklenburg-Vorpommern.

Wie alt dieser Konflikt ist, zeigt ausgerechnet die frühere Glücksgefühle-Band Donots: Beim Bundesvision Song Contest bestand sie einst darauf, eine Ansage gegen Rechts machen zu dürfen – gegen den Einwand, eine Unterhaltungsshow solle nicht politisch werden.

Auch Andreas Gabalier zeigt, wie unscharf die Grenze bleibt: Seine öffentlichen Äußerungen zu Heimat, Geschlechterrollen und gesellschaftlichem Wandel werden seit Jahren politisch gelesen. Entscheidend wäre also, was davon auf einer Glücksgefühle-Bühne noch als zulässig gilt.

Künstliche Trennung von Pop und Politik

Ist ein Satz gegen Rassismus schon Politik? Ein Appell für Demokratie? Eine Ansage zu Krieg, Klima oder queeren Rechten?

Gerade bei Popmusik ist diese Trennung künstlich. Livekultur besteht nicht nur aus dem abgespielten Werk, sondern aus Ansagen, Gesten, Kleidung, Selbstinszenierung und direkter Publikumsansprache. Wer eine Bühne „unpolitisch“ halten will, muss deshalb nicht nur politische Reden verhindern, sondern permanent definieren, was genau nur als bloße Unterhaltung gilt.

Ausgerechnet der Versuch, Politik von der Bühne fernzuhalten, ist ferner selbst eine politische Entscheidung: Er legt fest, welche Äußerungen im öffentlichen Raum eines Festivals erwünscht sind und welche nicht.

Alphaville ist offenbar deshalb zum konkreten Fall geworden, weil der Veranstalter mit Marian Gold bereits Erfahrung hatte. Nach eigener Darstellung hatte es bei einem früheren Krampe-Event politische Bühnenäußerungen gegeben; vor einem weiteren Auftritt sei Alphaville deshalb ausdrücklich zur Zurückhaltung aufgefordert worden. Andere politisch positionierte Acts im Line-Up sind bislang nicht nachweislich in eine vergleichbare Situation geraten.

Markus Krampe und Lukas Podolski, die Veranstalter des Glücksgefühle-Festivals
Krampe und Podolski kennen sich seit 2008: Über einen gemeinsamen Freund trafen sie sich bei einem Event in Köln, später betrieben sie gemeinsam ein Brauhaus. Heute veranstalten sie zusammen das Glücksgefühle Festival. picture alliance/dpa

Ein Festival, um das Wochenende zu füllen?

Dass Glücksgefühle seine Bühnen so eng als Unterhaltungsraum definiert, passt zum Selbstverständnis des Festivals. Hinter Glücksgefühle stehen Musikmanager Markus Krampe und der ehemalige Fußballprofi Lukas Podolski. Krampe sagte 2024 über die Entstehung: „Weder Lukas noch ich waren früher je auf einem Festival. Wir haben einfach überlegt, was zu einem schönen Wochenende gehört.“

Nicht eine bestimmte Musikszene, ein Genre oder eine gewachsene Festivalkultur standen also am Anfang, sondern die Vorstellung eines möglichst gelungenen Wochenendes. Das ist zunächst ein anderes Verständnis als das etablierter Musikliebhaberfestivals – und erklärt viel von der heutigen Logik des Events. Denn hier wird Musik weniger zelebriert als konsumiert.

Unterhaltung, aber bitte ohne Reibung

Das lässt sich auch an der Marketing-Sprache des Festivals ablesen: „Good Vibes Only“, „Endorphine garantiert“, „Nicht dabei sein ist keine Option“ – Glücksgefühle verkauft weniger einen Sound als einen emotionalen Zustand. Fahrgeschäfte, Erlebnisbereiche und Markenpartnerschaften machen daraus ein Festival als Gesamtprodukt.

Durch die Alphaville-Absage bekommt „Good Vibes Only“ jedoch eine zweite Bedeutung. Künstler bleiben als Personen politisch frei, auf der Bühne sollen sie jedoch vor allem das liefern, wofür das Festival steht: Hits, Nostalgie, Euphorie und gemeinsames Erlebnis.

Das Logo des Glücksgefühle-Festivals
Ein vierblättriges Kleeblatt prägt das Logo des Glücksgefühle Festivals – das Glücksversprechen steckt damit schon im Markenauftritt. picture alliance/dpa

Ein Festival als Freizeitpark mit Soundtrack?

Glücksgefühle verzichtet weitgehend auf jene Abgrenzung, über die Szenefestivals traditionell Identität erzeugen: gemeinsamer Sound, gemeinsame Codes, gemeinsame ästhetische Referenzen. Wer wegen EDM kommt, kann Andreas Gabalier hören, wer für Ayliva anreist, bei Scooter landen. Darin liegt eine Stärke des Festivals: Es schafft Gemeinschaft ohne gemeinsame musikalische Identität.

Gleichzeitig stellt sich dadurch umso stärker die Frage, welche Rolle Kultur innerhalb dieser Erlebniswelt überhaupt spielt. Wird hier das Programm noch kuratiert? Kuratieren bedeutet mehr, als populäre Namen möglichst breit nebeneinanderzustellen. Durch Auswahl entstehen Zusammenhänge und eine ästhetische Handschrift. Glücksgefühle folgt eher der Logik eines Sortiments: möglichst viele Geschmäcker gleichzeitig anzuschließen.

Hockenheim

Eklat um Ausladung der Band Alphaville Glücksgefühle-Festival: Wer Haltung auslädt, hat Popkultur nicht verstanden

Das Glücksgefühle Festival will „komplett unpolitische“ Bühnen und lädt die Band Alphaville aus. Warum Kultur widersprechen dürfen muss – auch wenn das die „Good Vibes“ stört.

SWR Kultur am Mittag SWR Kultur

Größe als eigenes Qualitätsversprechen

Auch in seiner Außendarstellung setzt Glücksgefühle auf Superlative: Das Festival bezeichnet sich als „größtes Musikfestival Deutschlands“ und wirbt für 2026 mit bis zu 250.000 Festivalbesuchern, einer Million Quadratmetern Fläche und 30.000 Campern.

Dass Größenangaben dabei verzerrt dargestellt werden, zeigte die Premiere 2023. Damals meldete das Festival mehr als 135.000 Besucher. Zugleich wurden rund 15.000 Gäste bei der Preparty, 55.000 am Freitag und 65.000 am Samstag genannt. Addiert ergeben diese Tageszahlen bereits 135.000. Wer Freitag und Samstag da war, wurde zweimal gezählt. 135.000 Festivalbesucher sind deshalb nicht zwangsläufig 135.000 verschiedene Menschen.

Besucher beim Glücksgefühle-Festival 2025
Zum Vergleich: Rock am Ring spricht 2026 bei 90.000 verkauften Wochenendtickets auch von 90.000 Besucherinnen und Besuchern – und addiert die drei Festivaltage nicht zu 270.000. picture alliance/dpa

Die verzerrten Besucherzahlen sind dabei nur eine von mehreren Baustellen. Kritik gibt es auch am Konsummodell des Festivals und am verpflichtenden Bezahlsystem. Der Verbraucherzentrale Bundesverband hat im August Unterlassungsklage gegen die Veranstaltergesellschaft eingereicht. Beanstandet werden unter anderem eine Gebühr beim verpflichtenden Bezahlsystem und Regelungen zur Rückerstattung von Restguthaben.

Gerade der Erfolg macht die Debatte relevant

Es wäre zu einfach, den Erfolg von Glücksgefühle als bloßen Triumph musikalischer Beliebigkeit abzutun. Die Nachfrage ist enorm, das Konzept funktioniert. Umso relevanter ist, welche Grenzen dieses erfolgreiche Modell nun sichtbar macht.

Die Alphaville-Absage wird inzwischen im Netz heftig diskutiert, bis hin zu Boykottaufrufen. Auf den eigenen Social-Media-Kanälen blendet das Festival zeitweilig Kommentare mit dem Begriff „Alphaville“ offenbar per Wortfilter aus. Auch die Debatte über die Entscheidung bleibt auf den eigenen Kanälen damit eingeschränkt.

Glücksgefühle unterscheidet klar zwischen politischer Haltung und politischer Äußerung auf der Bühne. Genau diese Trennung ist in der Livekultur schwer zu ziehen: Ein Konzert besteht eben nicht nur aus Songs, sondern auch aus Ansagen, Gesten und direkter Publikumsansprache.

„Good Vibes Only“ bekommt damit eine engere Bedeutung: gute Stimmung ja – politische Reibung nein.

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Samira Straub
Samira Straub, Autorin und Redakteurin bei SWR Kultur Digital