Neuer Anfang – neues Design
Zwei unterschiedliche, aber verbundene Notenschlüssel: Das Plakat der Donauschinger Musiktage von 1950 zeigt zwei ineinander verschlungene Violinschlüssel – einer ist traditionell geschwungen, der andere Bauhaus-mäßig eckig.
Der Baden-Badener Grafik-Design-Student Hubertus Mall hat dabei vielleicht an die musikalische Verschlingung von Historischem und Neuem gedacht. Vielleicht sogar: von Wohlklang und Experiment?
Oder aber die beiden Schlüssel stehen sinnbildlich für eine neue Verbindung der Institutionen und Orte. Donaueschingen und Baden-Baden, die Gesellschaft der Musikfreunde und der Südwestfunk.
Zwei Institutionen finden zusammen
Das Zusammengehen der beiden Institutionen verdankt sich parallelen günstigen Voraussetzungen: In Donaueschingen suchte man nach einer neuen künstlerischen Verantwortlichkeit für das bereits traditionsreiche, aber in Zeiten von Krieg und Nationalsozialismus organisatorisch wie ästhetisch aus dem Avantgarde-Tritt gekommene Festival.
In Baden-Baden war der neu gegründete Südwestfunk mit seinem Musikdirektor Heinrich Strobel und seinem Sinfonieorchester unter der Leitung von Hans Rosbaud der Neuen Musik gegenüber besonders aufgeschlossen.
Traditioneller Klangkörper trifft auf neuste Kompositionen
Seither liegt die künstlerische Verantwortung beim Sender und ist dessen Orchester mit neuen Auftragswerken eine feste Säule des Programms. Ausgerechnet ein so traditioneller Klangkörper als Vermittler neuster Kompositionsideen?
Immer wieder hat man bei den Musiktagen darüber diskutiert, und immer wieder gab es bahnbrechende und weltweit beachtete Uraufführungen mit dem Orchester. Seit 2005 vergeben dessen Musikerinnen und Musiker an die schönste des jeweiligen Jahrgangs den Donaueschinger Orchesterpreis.
Skandale und Aufreger
Grenzgänge werfen Fragen auf in Donaueschingen: Ist das noch Musik? 1951 klingt Pierre Boulez‘ „Polyphonie X“ für viele eher nach Mathematik und wird ausgepfiffen.
1954 spielen John Cage und David Tudor mit allerhand Gerätschaften auf und teilweise auch unter dem Flügel. Eine Aufführung, deren Klänge im Getuschel und Gelächter beinahe untergehen.
Orchestermusik? In „Atmosphères“ komponiert György Ligeti 1961 eine Klangfläche und keinen erkennbaren Verlauf; ein aufregend-statisches Hörerlebnis.
Ist das noch Neue Musik?
Der junge Wolfgang Rihm schockiert die seriell geprägte Avantgarde 1974 mit einem subjektiv-expressiven Orchesterklang. Überhaupt Kunst? In „Cerunnos“ lässt Thomas Hertel 1993 in der Viehauktions- und Konzerthalle als Interpreten mehrere Stiere auftreten.
Noch aushaltbar? 1994 schwingt Wolfgang Flatz zu wildem Schlagzeug kopfüber als lebendes Pendel durch die Realschul-Sporthalle. 2012 verknotet Johannes Kreidler in einer unangekündigten Protestaktion zwei Instrumente des spielbereiten Orchesters miteinander und zerstört sie dann.
Sporthallen und Reitställe statt Konzertsaal
Spektakulär-unspektakulär sind die Aufführungsorte: Gespielt wird in Sporthallen der Donaueschinger Schulen, in den Donauhallen, die zu anderem Zeitpunkt auch für allerlei Anderes wie Fastnachtsveranstaltungen oder eben Viehauktionen genutzt werden.
Im Park oder (seltener) in Räumen des Fürstlichen Schlosses, in Reitställen, historischen Kellergewölben oder in der Brauerei. Erst der Umbau der Städtischen Donauhallen in den 2000er Jahren schafft mit dem Strawinsky Saal einen tatsächlichen Kammermusik-Aufführungsraum.
„Die Verrückten kommen!“
Die Gesellschaft der Musikfreunde Donaueschingen ist bis heute Veranstalter der Musiktage. Der Fürst zu Fürstenberg ist ihr Schirmherr. Kultur- und Tourismusamt der Stadt und verschiedene Institutionen vor Ort sind involviert.
Vom SWR kommen die künstlerische Planung, Techniker und Redakteurinnen, Organisatorinnen und Musiker. Und das Publikum? „Die Verrückten kommen!“, hieß es früher vor Ort über die seltsamen, in einheitliches Schwarz gekleideten Programmbuchträger.
Inzwischen mischen sich etwa 200 Studierende des Nachwuchsprogramms und Musikliebhaber aus fern und nah mit den Neue Musik-Szenegängern. Die Konzerte sind fast alle ausverkauft.
Von Konzerten über Rituale zu Klanginstallationen
Was in den 1950er Jahren mit drei Konzerten, sortiert nach Chor-, Kammer- und Orchestermusik, begann, ist längst genre-multipel geworden. Jazzkonzerte gehören regelmäßig seit den 1960er Jahren zum Programm.
Die Siebziger Jahre sahen Happenings und Rituale, seit den 1990er Jahren sind Klanginstallationen dabei. Es gibt Aufführungen im Freien, und die Konzerte von Solisten, Ensembles und größeren Klangkörpern integrieren nicht selten Elektronik, Video und Performance.
Grenzen des Hörfunks werden gesprengt
Alles dieses macht die Rundfunkübertragungen der musikalischen Ereignisse nicht leichter. Trotzdem soll auch das Radiopublikum in jedem Jahr Teil des Festivals sein.
Das verlangt eine eigene Kreativität und gelegentlich Mut: So wurden, entgegen traditioneller Regelungen im Kulturradio, Radioredakteure zu Moderatoren der optischen Ereignisse während der Aufführung. Das fordert auch das Radiopublikum heraus.
75 Jahren gemeinsame Klang-Abenteuer in Donaueschingen
Seit 1972 wird der Karl Sczuka-Preis für „Hörspiel als Radiokunst“, den der SWR auslobt, im Rahmen der Musiktage in Donaueschingen verliehen. Aber auch im übrigen Programm haben Künstler in Donaueschingen immer wieder auf die Verbindung der Musiktage zum Rundfunk hingewiesen.
In „FM o99,5“ überzog Franz Martin Olbrisch Donaueschingen mit einer Radioübertragung in Festivallänge. Ein eigens errichteter Sendemast übertrug 1999 Olbrischs 48stündige Komposition aus Materialien der Donaueschinger Musiktage.
Dass die Rundfunkmitschnitte archiviert und also reaktiviert werden können, hat auch andere inspiriert. 2025 spielt die Turntablistin Mariam Rezael damit: Mit inzwischen 75 Jahren gemeinsamer Klang-Abenteuer in Donaueschingen.