Ist Ravels Klaviermusik wirklich so gut?
Maurice Ravels Klaviermusik ist virtuos, emotional und präzise. Doch was macht sie so besonders? „Man muss sich seiner Musik hingeben und vertrauen, dass er weiß, was er tut“, sagt Pianist Alexander Krichel. Ravels Musik könne erstmal kantig wirken, weil sie gleichzeitig emotional inspiriert und zugleich intelligent und virtuos ausgeführt sei.
Der Klavierzyklus „Miroirs“ (Spiegelbilder) hat keine feste Form, sondern besteht nur aus freien Skizzen. Er zeigt Ravels Liebe zu Natur- und Stimmungsbildern. Stücke wie „Oiseaux tristes“ (traurige Vögel) oder „Noctuelles“ (Nachtfalter) imitieren die Natur so genau, dass sie in sich lebendig wirken.
Ravel könnte auf den ersten Blick als Impressionist gesehen werden, doch Krichel sieht das kritisch: „Ravel und Debussy wollten nicht auf diesen Begriff reduziert werden.“ Ihre Musik sei präzise geplant, auch wenn sie improvisiert klinge.
„Oiseaux tristes“ sei ein gutes Beispiel dafür: Die Vogelrufe wirken spontan, sind aber rhythmisch exakt notiert. Dieser Notation werde das Wort Impressionismus nicht gerecht.
Das schwerste Klavierstück der Welt
Ravels Werke sind bekannt dafür, technisch extrem anspruchsvoll zu sein. „Alborada del gracioso“ aus „Miroirs“ fordert Pianisten mit schnellen Repetitionen heraus. „Wenn ich dieses Stück spiele habe ich oft Angst vor dem Instrument. Es ist problematisch, wenn auf dem Flügel die Taste nicht schnell genug wieder hochkommt“, erklärt Krichel.
Maurice Ravels Klavierzyklus „Gaspard de la Nuit“ („Kaspar der Nacht“) von 1908 ist ein Meilenstein der Klavierliteratur und berüchtigt für seine technische Schwierigkeit.
Der dreisätzige Zyklus basiert auf Schauergedichten von Aloysius Bertrand. Jeder Satz erzählt eine eigene Geschichte: von der verführerischen Wasserfee Undine, der düsteren Szene eines Galgens und dem unheimlichen Kobold Scarbo.
In „Scarbo“ spielt Ravel mit der Vorstellung eines Kobolds, der tanzt, wächst und uns verfolgt. „Es ist eine Art Horrorgeschichte“, so Krichel. Ravel skizziere ein holistisches Bild, in dem der Tanz des Kobolds und unser eigener Puls, Atem und Schrecken verschmelzen.
„Scarbo“ ist besonders wegen seiner Oktavsprünge und sehr schnellen Rhythmen schwer zu meistern. Krichel findet: „Es ist rein mechanisch und motorisch Höchstarbeit.“ Ravel selbst schrieb in einem Brief, er habe bewusst das schwerste Klavierstück der Welt komponieren wollen – und es sei ihm gelungen.
Ist Ravels Stil mit ihm gestorben?
Maurice Ravels Klavierzyklus „Le Tombeau de Couperin“ (1914–1917) (Grabmal von François Couperin), ist dem französischen Komponisten gewidmet. „Ravel zieht hier den Hut vor den Barockkomponisten. Es ist eine barocke Tanzsuite mit impressionistischen Parfums“, erklärt Krichel.
Doch Ravel betonte selbst, dass es nicht nur Couperin gelte. Jeder Satz des Zyklus ist einem im Krieg gefallenen Freund gewidmet. Doch statt Trauer dominiert eine helle, positive Stimmung. Ravel soll dazu gesagt haben: Seine Freunde sind in ihrer ewigen Ruhe schon traurig genug. Warum sollte er sie mit seiner Musik noch trauriger machen?
Ich finde diese Gleichzeitigkeit von jemandem, der so etwas sagt, und der auf der anderen Seite diesen Horror aus Scarbo komponiert, so spannend. Darum gibt es, glaube ich, auch keinen typischen Ravel.
Ravel verbeugt sich vor der Vergangenheit, doch wer hat sich später vor ihm verbeugt? „Spontan fällt mir niemand ein“, sagt Krichel. „Ravel war so vielschichtig, dass man sich immer nur vor einem Teil von ihm verbeugen könnte.“ Die Klavierzyklen von Ravel seien einmalig.
Freejazz auf dem Konzertflügel
Maurice Ravels Klavierkonzert in G-Dur verbindet scheinbar Gegensätzliches: den klaren Geist Mozarts und die Energie des Jazz. Für Alexander Krichl wirkt der Klaviereinsatz wie „ein verdurstender Solist in der Wüste, der absoluten Free-Jazz spielt“. Die Harmonik unterstreiche diese Freiheit.
Der zweite Satz offenbart Ravels Meisterschaft in der Melodiebildung. Die scheinbar mühelos fließende, „unendliche Melodie“, so Krichl, sei Ergebnis akribischer Arbeit. Inspiriert von Mozarts Klarinetten-Quintett, schuf Ravel eine Melodie, „die nie aufhört und sich immer weiter entfaltet“, voller Spannung und Emotionalität.
Im dritten Satz entfacht Ravel ein klangliches Feuerwerk. Kritiker sprechen von „Zirkusatmosphäre“, doch Krichl sieht darin eine Stärke: „Die Heterogenität macht dieses Konzert aus.“ Die Mischung aus Romantik, Jazz und virtuoser Orchestrierung zeigt Ravels Perfektionismus. Seine Musik, so Krichl, wirke spontan und mühelos, obwohl sie Ergebnis harter Arbeit sei.