Gegenüber Frauen herablassend und gewalttätig
In den Bands des weltbekannten Jazz-Trompeters Miles Davis hat es so gut wie keine Frauen gegeben. Die absolute Ausnahme: Marilyn Mazur, die in den Achtzigerjahren am Schlagzeug saß. Ansonsten hatten Frauen in seiner Welt meistens andere Rollen: Sie waren Mütter, Ehefrauen, Geliebte, Musen, Trophäen und am Ende auch Pflegerin.
Es ist kein Geheimnis, dass Miles Davis häufig sehr herablassend, sexistisch und auch rassistisch über Frauen gesprochen hat. Weiterhin ist auch bekannt, dass er viele seiner Partnerinnen betrogen, ausgenutzt und missbraucht hat. In seiner Autobiographie von 1989 schwärmt er stellenweise von ihnen oder bereut das Ende einer Beziehung. Und beschreibt, wie er seine Ehefrauen immer wieder bedroht und auch verprügelt hat.
Seine Jugendliebe Irene Cawthon Davis-Oliver ließ er als junge Mutter mit drei kleinen Kindern sitzen. Die Sängerin und Schauspielerin Juliette Gréco beschimpfte und beleidigte er, als sie ihn in New York besuchen kam.
Die Tanzkarriere seiner ersten Frau Frances Davis-Taylor, der ersten schwarzen Ballerina im Ballettcorps der Pariser Oper, beendete er, indem er ihr das Arbeiten verbot. Und seine dritte Ehefrau Cicely Tyson, eine erfolgreiche Schauspielerin, erniedrigte er, wo er nur konnte.
Es ist schwer, den Helden vom Sockel zu stoßen
Für alle, die den Musiker Miles Davis zutiefst verehren, führt sein frauenfeindliches Verhalten zu einem emotionalen Konflikt. So ging es auch der heute 52-jährigen kanadischen Trompeterin Lina Allemano. Sie war 16 Jahre alt, als Miles Davis‘ Autobiografie erschien.
„Es schien mir unmöglich, diese Musik in Verbindung zu bringen mit diesem drogenabhängigen Mann, der seine Frauen schlägt. Damit bin ich nicht klargekommen, also habe ich mich dafür entschieden, das Buch einfach nicht zu lesen und in meiner kleinen Fantasiewelt weiter zu leben, nur mit der Liebe zu seiner Musik.“
Inzwischen hat Lina Allemano ihre Meinung geändert. Sie hält es für falsch, die Musik von der Person zu trennen, die sie erschaffen hat. Deshalb will sie Davis‘ Autobiographie nun noch einmal lesen. „Wir müssen über diesen Widerspruch reden, dass etwas so Schönes von jemandem kommen konnte, der so – wie soll ich es höflich ausdrücken? – komplex war.“
Kann man als Schwarze Frau Davis' Musik mögen?
Schon kurz nach Erscheinen der Autobiografie von Miles Davis veröffentlichte die Schwarze Autorin Pearl Cleage 1990 einen Essay mit dem Titel „Mad at Miles“. Darin geht es um die Frage, wie man als Schwarze Frau, die die Musik von Miles Davis liebt, mit dem Wissen umgeht, dass er gewalttätig gegenüber seinen Ehefrauen und Geliebten war.
Muss ich seine Platten zerbrechen, seine Kassetten verbrennen, seine CDs zerkratzen, bis er sich entschuldigt und verspricht, seine Position gegenüber Frauen zu überdenken?
Eine Frage, mit der sich auch die Schlagzeugerin Terry Lyne Carrington beschäftigt. Sie ist Gründerin des „Institute of Jazz and Gender Justice“, dem Institut für Jazz und Geschlechtergerechtigkeit am Berkeley College in Boston. Auch ihr fällt es schwer, Miles Davis' Größe als Künstler und sein Verhalten gegenüber Frauen in Einklang zu bringen.
„Für mich ergibt das Ganze nur Sinn, wenn ich es als systemisches Problem betrachte, ein Problem, das so viel größer ist als Miles Davis“, sagt Carrington. Sie sieht den Musiker als Produkt seiner Zeit. Männliche Gewalt gegenüber Frauen sei damals innerhalb der Schwarzen Community ein größeres, ein strukturelles Problem gewesen.
Moralische Maßstäbe haben sich geändert
Heutzutage sei es normal, dass Menschen über psychische Probleme oder über ihren Therapeuten sprechen. „Der Maßstab, den wir heute haben, lässt sich aber nur schwer auf Menschen anwenden, die nicht mehr unter uns sind. Oder auf Menschen, die nicht mit dieser Art von Bewusstsein aufgewachsen sind“, so Carrington weiter.
Weder solle man die moralische Beurteilung von Miles Davis außen vor lassen, noch solle man ihm verzeihen. Viel wichtiger sei es, seinen Fall zu diskutieren, damit sich die Geschichte nicht wiederhole. Außerdem könne man Sexismus und Rassismus nicht trennen. „Wenn man von Rassismus betroffen ist, kann das diesen Schneeball-Effekt auslösen, weil alles miteinander verbunden ist.“
Auch die dunklen Seiten von Davis sehen
Gerade in jüngeren Generationen sei der Umgang mit solchen Themen anders, sagt Terry Lyne Carrington, die zurzeit an der Münchner Hochschule für Musik und Theater unterrichtet. Junge Musikerinnen und Musiker verehrten die großen Namen der Musikgeschichte nicht mehr blind oder bedingungslos, so ihre Beobachtung.
Das bestätigen auch die Aussagen des 1994 geborenen US-Trompeters Adam O'Farrill: Miles Davis habe wunderschöne Musik gemacht, sagt er, das ändere aber nichts daran, dass er diese dunklen Seiten gehabt habe. Und weiter: „Vielleicht bin ich ein zu großer Optimist, aber ich würde wirklich gerne glauben, dass Miles heute ein anderer Mensch wäre.“
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