Der unverwechselbare Ton von Miles Davis
Dieser unverwechselbare Ton an der Trompete: warm, sanft, zerbrechlich. Dazu diese große Ökonomie seines Spiels. Statt virtuoser Kraftdemonstrationen setzte Miles Davis auf maximale Verdichtung, subtile Eleganz und Offenheit für den Moment.
„Eine Note ist nicht falsch, wenn du ihr eine folgen lässt“, sagte Davis einmal über sein musikalisches Denken. Die vermeintlich falsche Note werde erst durch die nächste in einen Zusammenhang gesetzt. Entscheidend sei Erfahrung – und ein Gespür dafür, wie man Klänge, Farben und musikalische Räume gestaltet.
Der „King of Cool“
Die große Eleganz von Miles ist nicht nur in seiner Musik, sondern auch auf unzähligen Porträts und Plattencovern festgehalten, etwa dem von „Milestones“ von 1958. Miles zeigt sich in italienischer Designerkleidung, mit Kettchen am Arm und Trompete im Schoß, mit undurchdringlichem Gesichtsausdruck, den er auf der Bühne oft genug hinter einer Sonnenbrille verbarg oder gleich dem Publikum den Rücken zuwandte.
Seine Schroffheit auf und abseits der Bühne war legendär, seine Urteile unter Kollegen gefürchtet – ein großes Publikum blieb ihm durch seine vielen stilistischen Metamorphosen treu. Spätestens in den 1980er-Jahren wurde er vollends zur Popikone, mit Cover-Versionen tagesaktueller Hits, Gastauftritten bei der Fernsehserie „Miami Vice“ und zahllosen Talkshows.
Vom Bebop zum Cool Jazz
Die Wurzeln des „King of Cool“ liegen im Mittleren Westen, in East St Louis. Geboren im Mai 1926 in eine wohlhabende afroamerikanische Familie, wird er schon früh vom Jazzfieber gepackt.
1944 zieht er nach New York, eigentlich zum Musikstudium an der renommierten Juillard School – aber wie soll man sich aufs Studium konzentrieren, wenn die ganze 52nd Street voll ist mit Clubs, in denen Musiker wie Thelonious Monk oder Charlie Parker diesen aufregenden neuen Sound spielen, den Bebop?
Miles Davis heuert kurzerhand bei Parker an, diesem bahnbrechenden Erneuerer und manischen Selbstzerstörer. 1949 entstehen erste eigene Aufnahmen mit einem Nonett, in der Geschwindigkeit und Intensität des Bebops heruntergekühlt und mit klassischer Moderne ergänzt werden. „Birth of the Cool“ werden diese Aufnahmen später heißen, die Geburtsstunde des Cool Jazz.
„Kind of Blue“ und das große zweite Quintett
In der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre explodiert Miles Davis‘ Kreativität regelrecht. Gemeinsam mit dem Komponisten und Arrangeur Gil Evans und mit seinem Quintett und Sextett entstehen viele Aufnahmen, die zu den definitiven Platten des Jazz zählen.
Allen voran natürlich „Kind of Blue“, das mit über fünf Millionen Exemplaren das meist verkaufte Jazzalbum aller Zeiten ist. „Blue in Green“ heißt eines der schönsten Stücke darauf, auf dem Davis seiner Trompete mit dem Harmondämpfer diesen so typisch atmigen, aber auch scharfen Sound verleiht.
1964 findet Miles Davis‘ zweites großes Quintett zusammen, mit Saxofonist Wayne Shorter, Pianist Herbie Hancock, Bassist Ron Carter und Drummer Tony Williams – eine Band, an der kaum ein nachfolgender Jazzmusiker vorbeigekommen ist, mit ihrem hochsensiblen, abenteuerlustigen Zusammenspiel.
Elektrischer Jazz und neue Klangwelten
1969 folgt der nächste epochale Schwenk: Rock, Funk und Counter Culture halten Einzug in die Musik von Miles Davis. Er freundet sich mit Jimi Hendrix und Sly Stone an und Platten wie „Bitches Brew“ mit ihrem brodelnden Sound finden auch bei Rockfans großen Anklang.
Die elektrischen Bands dieser Zeit gelten bis heute als Kaderschmieden des Jazz. Der britische Bassist Dave Holland erinnert sich vor allem an das Vertrauen, das Miles Davis seinen Musikern entgegenbrachte. Er habe ihnen viel Freiraum gelassen und nur selten direkt eingegriffen.
Wenn Davis etwas sagte, sei es oft kryptisch gewesen, aber irgendwann habe alles Sinn ergeben. Letztlich sei die Zeit mit Davis für Holland ein Meilenstein gewesen.
Symbolfigur weit über den Jazz hinaus
Auch die britische Trompeterin und Produzentin Emma-Jean Thackray zählt zu den Bewunderinnen von Miles Davis’ elektrischer Phase. Besonders inspiriere sie, wie Davis gleichzeitig als Trompeter und Produzent gedacht habe – immer mit dem Blick auf die gesamte Klangarchitektur einer Performance.
Alben wie „On The Corner“ aus dem Jahr 1972 wirken wie elektroakustische Collagen und sind weit entfernt von den akustischen Jazzaufnahmen seiner frühen Jahre. Seine Trompete lässt Miles Davis nun immer häufiger durch Hall- und Wahwahpedale erklingen.
Symbolfigur der Popkultur
Miles Davis eckte an und kämpfte zeitlebens mit Widrigkeiten. Wohlstand und Publikumsgunst schützten ihn nicht vor institutionellem Rassismus, den er 1959 in einem vielbeachteten Vorfall vor dem New Yorker Club Birdland erlebte.
Er wurde von zwei weißen Polizisten brutal verprügelt und verhaftet, weil er sich geweigert hatte, die Straße zu räumen. Die Fotos von Miles mit blutbeflecktem weißem Anzug und ungebrochener Würde machten Schlagzeilen.
Auch mit der wandelnden Mode blieb Miles Davis ein Symbol von „black excellence“ und „black beauty“ – ob in den 70er-Jahren mit Afro und Schlaghose oder in den 80er-Jahren mit Haarteil und Hochglanzkostümen. Sein exzessiver Lebenswandel und chronische Krankheiten holten ihn in dieser Zeit immer mehr ein.
Die letzten Jahre seines Lebens wirkte Miles Davis auf der Bühne spürbar angeschlagen. Und trotzdem gab es bis zu seinem Tod 1991 immer noch diese magischen Momente, in denen er mit nur wenigen Noten so profunde menschliche Erfahrungen auszudrücken vermochte.