Kleidungsstücke als Komposition
New York, 1971. Miles Davis lädt den berühmten afroamerikanischen Fotografen Anthony Barboza in sein Brownstone-Haus ein. Keine Studioaufnahme: Davis will privat fotografiert werden – inmitten seiner eigenen Welt. Er steht vor seinem offenen Kleiderschrank wie vor einer Bühne: Maßgeschneiderte Anzüge. Lederjacken. Designerschuhe. Vor ihm ausgebreitet: Stapel mit schweren Gürteln mit Schnallen und Nieten. Jeans, Seidentücher. Jedes Kleidungsstück wirkt wie Teil einer sorgfältigen Komposition.
Miles Davis trägt eine schwarze Samtjacke über einem tief geöffneten Hemd. Die Hose eng geschnitten. Der Gürtel elegant mit großer Schnalle. Miles Davis posiert nicht einfach: Mit derselben Präzision wie auf der Konzertbühne kontrolliert er den Raum: „Ich glaube tatsächlich, dass Miles Davis sich selbst als kreative Leinwand verstanden hat“, sagt Monica Miller, Professorin für Africana Studies am Barnard College der Columbia University in New York.
Miller forscht seit Jahren zu Schwarzer Modegeschichte und der Inszenierung Schwarzer Männlichkeit. Musik, Kleidung, Auftreten und später auch Malerei – alles gehöre zu seiner Kunst. Für sie ist klar – für Miles Davis ist Mode ein Akt der Selbstinszenierung.
Wie vielen Schwarzen Musikern ging es Miles Davis darum, sich vom Bild des Schwarzen Entertainers in der Unterhaltungsindustrie abzugrenzen und sich als ernsthaften Künstler zu präsentieren, durch Haltung und einen eigenen Stil: „Schwarze Menschen, die damals sichtbar waren, wussten um die Bedeutung und die Macht von Selbstinszenierung. Wer in der Öffentlichkeit stand, hatte zugleich immer das Gefühl, auch die eigene Community repräsentieren zu müssen.“
Die Garderobe bis ins Detail geplant
Miles Davis kommt aus einer wohlhabenden Mittelschicht-Familie, sein Vater: Zahnarzt. Schon früh lernt er: mit gutem Auftreten lässt sich viel erreichen. Miles Davis plant seine Garderobe bis ins kleinste Detail – mit dem Schneider seines Vertrauens: „Er ließ seine Jackets zum Teil so schneidern, dass die Silhouette auch von der Seite perfekt aussah, wenn er sich beim Trompetenspiel zurücklehnte“, erklärt die Professorin.
Für Magazine wie GQ oder Esquire zählt Miles Davis bis heute zu den bestangezogenen Männern des 20. Jahrhunderts. Von den breitschultrigen Anzügen der vierziger Jahre über den Ivy-League-Look der Fünfziger mit Loafern, Polohemd und Chino bis hin zu italienischen Maßanzügen, Lederjacken und futuristischen Stoffen der siebziger Jahre: Miles Davis erfand sich immer wieder neu, genauso wie seine Musik.
Auf der Trompete experimentierte er mit Klangtexturen – in seinem Kleiderschrank mit Leder, Velours und Samt. Miles Davis jagte keinen Trends hinterher, stattdessen improvisiere er mit seinem modischen Repertoire – vor allem mit Accessoires wie Sonnenbrillen. Denn bei der Improvisation gehe es nicht nur darum, wie die großen Elemente zusammenwirken, sagt Miller, „sondern auch um die kleinen Details“.
Eine Sonnenbrille zum Beispiel, ein Ring oder die lässige Art, einen Mantel zu tragen.
Inspiration für Musiker heute: Jowee Omicil
Auch der haitianisch-kanadische Multiinstrumentalist und Komponist Jowee Omicil, bekannt für seinen extravaganten Look – eine Mischung aus Haute Couture und Street Style – erkennt darin bis heute ein Vorbild. Für ihn ist Miles „futuristisch, unverwechselbar, brillant, großartig“ und gleichzeitig minimalistisch. Miles habe schlichtweg: echte Klasse.
Wie Miles Davis arbeitet auch Jowee Omicil bewusst mit Kleidung und Accessoires als Teil seiner Bühnenfigur. Auffällige Sonnenbrillen gehören heute für Omicil genauso zum modischen Selbstausdruck, wie damals für Miles Davis. Dessen Stil drücke dabei, so Omicil, eine gewisse Haltung aus. Ein „Swag“, wie er sagt.
Swag: Ein Begriff aus der Black Culture. Gemeint ist damit mehr als Coolness: Ausstrahlung, Präsenz, Selbstsicherheit. Für Omicil entwickeln sich Musik und Stil gemeinsam: „Wenn du musikalisch wächst, entwickeln sich auch dein Stil, deine Präsenz und deine Ausstrahlung weiter.“
So auch bei Miles Davis: In den späten sechziger- und siebziger Jahren wird sein Look radikaler: afrikanisch inspirierte Tuniken, kräftige Farben, Schmuck. Parallel dazu verändert sich auch Amerika: Black Power, Bürgerrechtsbewegung, neue Formen Schwarzer Identität. „Schwarze Männer werden in dieser Zeit zu einer prägenden Kraft dafür, wie wir ganz allgemein über Mode denken“, betont Professorin Miller.
Schwarze Künstler werden prägend für Mode und Popkultur – und Miles Davis steht im Zentrum dieser Entwicklung. Für Jowee Omicil liegt das Geheimnis seines Stils nicht im Luxus: „Nicht Geld macht Stil aus, sondern deine Essenz, deine Persönlichkeit.“ Miles Davis trug Mode nicht einfach. Er benutzte Kleidung wie Klangfarben, Improvisation, wie Kunst. Das lebt heute weiter auf der Bühne, in Künstlern wie Jowee Omicil.