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Nach knapp 27 Jahren veröffentlicht: Nikolaus Harnoncourt probiert sich an Wagner

Am 23. Juni 1999 gab Nikolaus Harnoncourt in Graz sein Debüt als Wagner-Dirigent. Rechtzeitig zum 10. Todestag des Dirigenten erscheint nun der bislang unveröffentlichte Mitschnitt dieses Konzerts.

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Von Autor/in Christine Lemke-Matwey

Harnoncourt und Wagner: Ein spannungsreiches Verhältnis

Harmonielehre als eine Frage der Moral? Wenn Nikolaus Harnoncourt Wagner dirigiert, noch dazu „Tristan und Isolde“, dann wird‘s spannend. Weil der Rhetoriker und Spiritus Rektor der historisch informierten Aufführungspraxis mit Wagner seine liebe Mühe hatte, und weil Überwältigung und Analyse sich bei ihm so deutlich hörbar im Weg rumstehen.

Nun kann man viel reden, auch manches erklären – die interessante Frage ist: Hört man’s denn auch? Klingt Wagners Emanzipation der Chromatik unter Harnoncourt anders, analytischer, ja bewusster als bei Karajan oder Carlos Kleiber?

Dezidierte Akzente, aber sicher nicht der samtigste aller Streicherklänge: Nikolaus Harnoncourt will zeigen, wie das Narkotische bei Wagner funktioniert.

Nikolaus Harnoncourt Wien Neujahrskonzert 2003
Dirigent Nicolaus Harnoncourt beim Neujahrskonzert in Wien 2003.

Ein einmaliges Debüt

Trotzdem und bei aller Hochspannung, die auf diesem lang erwarteten, späten Wagner-Debüt 1999 lag, muss ich heute sagen: eine Revolution war das nicht. Es klingt eben, als würde Nikolaus Harnoncourt Wagner dirigieren, interessiert, aber auch etwas widerwillig. Prompt hat der Österreicher nach Graz nie wieder eine Note von Wagner angefasst.

Ich war damals im Konzert live dabei und fand‘s toll, fühlte mich bei meiner Wagner-Ehre ordentlich gepackt. Aber das mag auch an Violeta Urmana gelegen haben – und an der Tatsache, dass Harnoncourt Wagner kontextualisierte. Mit Musik von Schumann und Mendelssohn.

Erstmals publiziert am
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Autor/in
Christine Lemke-Matwey
Christine Lemke-Matwey
Künstler/in
Chamber Orchestra of Europe, Nikolaus Harnoncourt