1,5 Kilometer Schlange
Wann wollten das letzte Mal so viele Menschen auf einmal in die Kathedrale – und dann auch noch zu einem Orgelkonzert? Die britische Organistin Anna Lapwood sprengt seit einigen Jahren regelmäßig Besucher-Rekorde, immer wieder sind Kirchen, die sie eingeladen haben, von dem Ansturm überwältigt.
Vergangene Woche in Köln entschied sich Anna Lapwood dazu, zwei Konzerte hintereinander zu spielen, der Dom war proppenvoll, Menschen standen oder saßen auf dem Boden – und trotzdem schickten die Veranstalter noch 5000 Leute nach Hause.
Millionen Follower bei Instagram, TikTok & Co.
Waren Organistinnen nicht komische Freaks, die nachts in Kirchen rumhängen und gruselige Musik machen? Und was ist aus dem angeblich aussterbenden Publikum geworden, das seit Jahrzehnten herbeigeredet wird? Anna Lapwood ist Teil eines Phänomens, das in diesen Jahren mehr und mehr auch in die analoge Welt hineinschwappt: Momentan hat sie 1,3 Millionen Followerinnen und Follower auf TikTok und 1,1 Millionen auf Instagram.
Das Musikporträt Die Organistin Anna Lapwood
Von Hannah Schmidt
Sie ist in den sozialen Medien ein Star – und kann locker mithalten mit Musikerinnen und Musikern aus der Pop-Szene: Shirin David etwa hat ebenfalls 1,3 Millionen Follows, Helene Fischer steht gerade bei 236.000. Wenn die zu einem Event einladen, ist den Veranstaltern klar, dass sie einen Ansturm erwarten müssen. Wird das in Zukunft nun mehr und mehr auch bei klassischen Konzerten zu erwarten sein?
Einblick in den Alltag statt stumpfes Konzert
Nicht nur Anna Lapwood hat auf Social Media eine extreme Reichweite. Sondern zum Beispiel auch das Geiger-Duo TwoSet Violin, der Oboist Spencer Rubin, der Bariton Babatunde Akinboboye, der Pianist Louis Philippson oder die Violinistin Esther Abrami. Sie alle machen etwas, was in der Klassik bisher eher unüblich war: Sie verstehen sich als Klassik-Influencer, sie nehmen ihre Followerinnen und Follower mit in ihren Alltag und sprechen in ihren Videos nicht ausschließlich über Musik.
Babatunde Akinboboye etwa nimmt seine Fans mit ins Hotel und zeigt ihnen, wie er dort wohnt. Brett Yang und Eddy Chen von TwoSet Violin zeigen, wie sie zum nächsten Auftritt fliegen, oder verulken die Gepäckkontrolle am Flughafen, bei der der Security-Mitarbeiter den Geigenkasten malträtiert.
#playlikeagirl
Und Anna Lapwood? Sie fing damit an, sich beim Üben zu Hause an ihrer elektrischen Heimorgel zu filmen. Dann ging sie über zu Tutorials und Übesessions in der Londoner Royal Albert Hall. Einen ersten Schub bekam ihre Reichweite mit dem Hashtag #playlikeagirl (spiel wie ein Mädchen) mit dem sie auf Sexismus in der Branche aufmerksam gemacht hat.
Ich habe an einem Orgelwettbewerb teilgenommen, bei dem mir gesagt wurde, ich solle mehr wie ein Mann spielen – und ich dachte, das ist doch lächerlich! Ich werde einfach #spielenwieeinmädchen. Und ich wollte damit sagen, dass es okay ist, so zu spielen wie du.Denn letztendlich geht es in der Musik meiner Meinung nach darum, ein bisschen von sich selbst zu zeigen.
Wirklich durch die Decke ging es für sie dann, als Bonobo sie als Special Guest bei einem Konzert dazuholte – und das Video auf Social Media viral ging.
Evergreens statt Nischenrepertoire
Selbst nach so einem Erfolg steigert sich die Reichweite aber nicht von alleine. So unromantisch das klingt – diese Musikerinnen und Musiker haben verstanden, wie die Algorithmen auf TikTok, Instagram und YouTube funktionieren: In ihren Videos greifen sie Trends auf – etwa Songs, die gerade besonders viel gehört und geteilt werden, bestimmte Ästhetiken oder Witze.
Und sie spielen auf ihren klassischen Instrumenten immer wieder auch Popmusik oder Filmmusik oder sehr berühmte klassische Melodien. Sie zeigen ihre Gesichter und agieren und sprechen sehr natürlich über ihre Anliegen, strahlen dabei eine große Authentizität und Nahbarkeit aus.
Die Königin der Instrumente Von Bach bis Avicii: Wie die Orgel sich dem Zeitgeist widersetzt
Von wegen angestaubtes Kircheninstrument: Mit fettem Orgel-Sound begeistern junge Musikerinnen und Musiker in den Sozialen Medien ihre Fans. Und das nicht nur mit Coverversionen.
Anpassungsbedarf bei der analogen Szene
Ins Auge stechen bei diesen Influencerinnen ihre ganz klaren individuellen Profile: TwoSet Violin sind vor allem extrem witzig und klamaukig, Esther Abrami ist feministisch, Anna Lapwood spielt beliebte Filmmusiken auf dem größten Instrument der Welt, Babatunde Akinboboye mischt Operngesang mit HipHop. Und Louis Philippson eignet sich auf Wunsch seiner Fans in kürzester Zeit bekannte Melodien an und arrangiert und interpretiert sie neu.
Jeder und jede von ihnen erschafft so eine Illusion von Besonderheit, überschreitet die Genregrenzen, spielt auch immer wieder mit dem Klischee des spießigen klassischen Musikers und bricht ganz bewusst damit.
Am Ende machen diese jungen Klassik-Influencer genau das, wovon die Publikumsforschung immer schon spricht: Sie bringen die Musik zu den Leuten. Sie bauen die Barrieren ab, die der Klassikbetrieb über Jahrzehnte hinweg hochgezogen hat und wecken echtes Interesse an klassischer Musik. Und, als netter Nebeneffekt, kommen tausende Menschen ins Konzert. Ein Nachmittag wie der in Köln mit Anna Lapwood ist ein echtes Geschenk – die analoge Szene muss sich nur noch darauf einlassen.