Schlechte Arbeitsbedingungen an der Oper

Vom Opernsänger zum Whisky-Verkäufer: „Es wird immer mein Traumberuf bleiben“

Jahrelang sang er als Tenor, bis sein Traumberuf zum Albtraum wurde. Heute verkauft Thorsten Büttner Whisky auf Mittelaltermärkten – und findet Parallelen zu seinem alten Beruf.

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Von Autor/in Theresa Berwian

Er habe sich sofort in die Oper verliebt, sagt Thorsten Büttner. Geboren 1980, war er bereits als Kind Mitglied im Kinderchor der Staatsoper Stuttgart. In seiner ersten Rolle spielte er einen Bettelknaben in Richard Strauss‘ „Die Frau ohne Schatten“. „Diese ganze Atmosphäre, diese Art der Musik hat mich total fasziniert und in den Bann gezogen“, erinnert er sich heute.

Seine halbe Kindheit hat Thorsten Büttner in der Oper verbracht. Bis zum Stimmbruch stand er regelmäßig auf der Bühne – mit dem Chor, als Statist und in kleinen Solorollen. Die Erinnerungen daran füllen acht Fotoalben, die seine Mutter Elisabeth Büttner zu Hause in seinem Elternhaus bei Stuttgart aufbewahrt.

Unterstützung der Karriereträume durch die Familie

Bis heute erinnert sie sich an fast jede Produktion, in der ihr Sohn dabei war. Denn von Anfang an unterstützten seine Eltern Thorstens Wunsch Sänger zu werden, „weil ich ja gemerkt habe, wie er da drin lebt“, sagt Elisabeth Büttner. „Er konnte auf alles verzichten, nur nicht aufs Singen und auf die Oper.“

Thorsten Büttner erinnert sich mit seiner Familie in Leutenbach an seine Zeit im Kinderchor der Staatsoper Stuttgart.
Thorsten Büttner erinnert sich mit seiner Mutter und Schwester zu Hause in Leutenbach an seine Zeit im Kinderchor der Staatsoper Stuttgart.

Mehrmals in der Woche fuhr sie deshalb mit ihm mit der S-Bahn ins 25 Kilometer entfernte Stuttgart – und jedes Mal kam der Vater nach der Arbeit nach, wartete bis die Proben oder Vorstellungen vorbei waren und bis sie zusammen nach Hause fahren konnten.

Die Zeit in der Oper wurde zur gemeinsamen Familienzeit. Viele Feier- und Geburtstage hätten sie dort verbracht und obwohl sie viel auf sich genommen hätten, sei es eine schöne Zeit gewesen, die keiner in der Familie missen wolle.

Am Theater Trier stand Thorsten Büttner 2023 als Peter Grimes in der gleichnamigen Oper von Benjamin Britten auf der Bühne.
Am Theater Trier stand Thorsten Büttner 2023 als Peter Grimes in der gleichnamigen Oper von Benjamin Britten auf der Bühne – eine besondere Rolle für den Tenor, für die er auch einige gute Kritiken bekommen hat. Pressestelle © Theater Trier, Kaufhold

Erfolge als junger Tenor und große Ziele

Thorsten Büttners Plan war damals klar: „Das Ziel war für mich schon immer die große Karriere. Ich wollte immer auf den großen Bühnen stehen: La Scala, Covent Garden, New York, Metropolitan Opera.“

Dafür studiert er am renommierten Mozarteum in Salzburg. Das Gesangsstudium schließt er als Jahrgangsbester ab und nimmt 2008 am ersten „Young Singers Project“ der Salzburger Festspiele teil.

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Bevor er in die Freiberuflichkeit wechselt, wird er nach seinem Studium erst in Antwerpen und dann am Mainzer Staatstheater engagiert. Für seine Hauptrolle in Mozarts gleichnamiger Oper „Idomeneo“ wird er 2011 sogar von der Zeitschrift „Opernwelt“ als bester Nachwuchssänger nominiert.

Respekt und Wertschätzung: Veränderungen in der Opernwelt

Eigentlich ein gelungener Beginn einer Karriere – doch Thorsten Büttner merkt, dass sich die Opernwelt verändert. Immer wieder macht er schlechte Erfahrungen: „Früher war noch ein sehr großer Respekt für alle Sänger da, das hat sich leider stark gewandelt.“

In vielen Produktionen an unterschiedlichen Theatern vermisst der Tenor eine Wertschätzung gegenüber den Solisten.

Ein einschneidendes Erlebnis an einer deutschen Bühne führt schließlich dazu, dass Thorsten Büttner die Oper verlässt und seinen Traumberuf Sänger aufgibt.

Immer wieder hatte es in den Proben Probleme mit der Kulisse gegeben. Thorsten Büttner erinnert sich an einen chemischen Geruch und poröse Stoffe. Seine Stimmbänder entzünden sich kurz vor der Premiere, und auch andere Sänger hätten über Atemwegsprobleme geklagt, erzählt er.

Den Umgang mit den Sängern empfindet Thorsten Büttner damals als unmenschlich. Statt die Solisten zu schützen, hätten sie „heftige Ansage bekommen – und zwar wortwörtlich: ‚Ihr Sänger haben den Mund zu halten und euren Job zu machen.‘“

Auf der Opernbühne sei man „seelisch komplett nackt“, sagt er, und benötige deshalb ein schützendes Umfeld, um Höchstleistungen zu erbringen. Dieser Schutz und die Wertschätzung fehlten ihm.

Wenn der Traumberuf zum Albtraumberuf wird

Direkt nach der Premiere sei ihm dann klar gewesen, dass er unter diesen Bedingungen nicht mehr als Sänger arbeiten möchte. „Wenn der Traumberuf zum Albtraumberuf wird, wenn man nicht mehr die Möglichkeit hat, das Nötigste für die Gesundheit einzufordern, war für mich die Entscheidung klar: Ich mache das nicht mehr“, sagt er.

Ich mache diesen Beruf, der mein Traumberuf war und auch noch immer ist, nicht um jeden Preis.

Whisky statt Oper: Eine neue Karriere im Mittelalter

Für Thorsten Büttner wird schließlich seine zweite Leidenschaft zum Ausweg: Seit mittlerweile sechs Jahren verkauft er als „Whyskitianer“ Thor den Branntwein auf Mittelaltermärkten. „Whisky ist wahrscheinlich genauso extrovertiert und extrem wie das Singen an sich. Es ist so eine Art Perfektion, wie es auch der Operngesang von einem abverlangt.“

Als „Whyskitianer“ verkauft Thorsten Büttner Whisky auf Mittelaltermärkten, zum Beispiel auf Burg Satzvey in der Eifel.
Auf Burg Satzvey in der Eifel verkauft Thorsten Büttner als „Whyskitianer“ über 100 Sorten Whisky in seinem selbstgebauten Whisky-Haus.

In der Mittelalter-Szene erlebt er außerdem ein Miteinander, wie er es sich wünscht. Und: Es gibt durchaus Parallelen zu seinem alten Job, wie zum Beispiel das Tragen von Kostümen. Auch hier wird im Grunde eine Rolle gespielt. „Es ist ein Ausbrechen aus der normalen, üblichen Welt, die oft mit sehr vielen Dingen belastet ist“ , sagt Thorsten Büttner.

So ganz abgeschlossen hat der Tenor mit der Oper aber trotzdem noch nicht. Er leide nach wie vor darunter, nicht mehr zu singen, sagt er. „Es wird immer mein Traumberuf bleiben. Doch solange sich diese Opernwelt nicht ändert, wird man mich dort nur noch sehr, sehr selten sehen.“

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