Die großen Genies der Musikgeschichte waren durchweg Männer. So bekommt man es zumindest in der Schule und im Musikstudium vermittelt. Frauen kommen höchstens als Musen, Ehefrauen oder Schwestern an der Seite eines Mannes vor.
Dabei haben Frauen über die Jahrhunderte hinweg genauso komponiert und waren zu ihrer Zeit mindestens genauso erfolgreich. Sie suchten sich Wege abseits von ihrer Rolle als Mutter und Ehefrau.
Systematische Abwertung von Frauen
Große Denker der vermeintlich freiheitlichen Aufklärung – Immanuel Kant, Sigmund Freud, Albert Einstein und Arthur Schopenhauer – haben Frauen geringeren Verstand oder weniger Kreativität zugeschrieben. Schopenauer schreibt etwa: „Schon der Anblick der weiblichen Gestalt lehrt, dass das Weib weder zu großen geistigen, noch körperlichen Arbeiten bestimmt ist.“
Dieser Zeitgeist machte sich für Frauen natürlich auch im Alltag bemerkbar, wobei auch Komponisten-Kollegen nicht unschuldig blieben. Josef Rheinberger unterrichtete aus Prinzip keine Frauen. Robert Schumann wollte Clara an den Herd verbannen. Und Gustav Mahler verbot Alma das Komponieren.
Das ließ Frauen verstummen und so aus der Musikgeschichte verschwinden.
Trotz Forschung kaum Frauen in Konzertprogrammen
Obwohl es seit etwa 50 Jahren immer mehr fundierte Forschung und Wiederentdeckungen rund um Komponistinnen gibt, sind Werke von Frauen noch immer kaum in aktuellen Konzertprogrammen zu finden. Deswegen will Cellistin Raphaela Gromes mit ihrem Buch Komponistinnen ins Rampenlicht (zurück-)holen.
Gemeinsam mit der Musikwissenschaftlerin Susanne Wosnitzka vom Archiv Frau und Musik in Frankfurt am Main geht sie auf Spurensuche vergessener und verdrängter Frauen. Das Buch ist dabei ein leidenschaftlicher Aufruf zur Neugier mit der klaren Botschaft: Komponistinnen gehören auf die Bühne.
Fünf Komponistinnen, die Neugier auf mehr wecken:
Henriëtte Bosmans
Luise Adolpha Le Beau
Francesca Caccini
Matilde Capius
Marie Jaëll
Henriëtte Bosmans (1895-1952)
Die niederländische Komponistin schrieb große Orchesterwerke und hatte eine Vorliebe für den 5/4-Takt. Ihr Vater war Solo-Cellist im Concertgebouw-Orchester, starb jedoch an Tuberkulose als Bosmans acht Monate alt war. Ihre Mutter war eine gefeierte Pianistin. Sie förderte ihre Tochter zwar, war aber auch besitzergreifend.
Nach dem Ersten Weltkrieg bekam Bosmans ihren ersten Kompositionsauftrag und fand mit dieser Cellosonate ihre eigene Stimme als Komponistin. Sie schrieb bald große Orchesterwerke. Ihr zweites Cellokonzert widmete sie ihrer damaligen Partnerin Frieda Belifante.
1951 erhielt sie zwar kurz vor ihrem Tod einen wichtigen niederländischen Kultur-Orden, geriet aber trotz eines zwei Jahre später herausgegebenen Werkkatalogs schnell in Vergessenheit. Erst in den 1980er-Jahren wurde sie langsam wiederentdeckt.
Luise Adolpha Le Beau (1850-1927)
Le Beau wuchs in Rastatt bei ihrer unterstützenden Famile auf. Sie blieb „der Kunst treu“ und unverheiratet, um komponieren zu können. Nach kurzem Klavierunterricht bei Clara Schumann, mit einigen Diskrepanzen, wandte sich Luise Adolpha Le Beau dem Komponieren zu.
Der Klaviervirtuose und Dirigent Hans von Bülow, zunächst skeptisch, empfahl sie dem Lehrer Josef Rheinberger. Obwohl dieser eigentlich generell keine Frauen unterrichtete und sie zunächst ablehnte, war er von ihrem „männlichen Stil“ fasziniert und nahm sie doch als Schülerin auf.
1878 gründete Le Beau in München eine eigene Musikschule für Töchter gebildeter Stände. Vier Jahre später gewann sie als erste Frau den internationalen Preis-Concurrenz-Wettbewerb, ein Durchburch in ihrer Komponistinnen-Karriere. Doch eine Frau als Komponistin passte nicht ins damalige Weltbild und sie wurde nach ihrem Tod bald wieder vergessen.
Francesca Caccini (1587-1640)
Francesca Caccini wurde in Florenz geboren und erhielt früh Unterricht in Gesang und Komposition. Bereits mit 18 Jahren war sie als Komponistin anerkannt. 1624 beauftragte Erzherzogin Maria Magdalena von Österreich sie mit der Komposition einer Oper. Damit ist Caccini die erste überlieferte Frau, die eine Oper komponierte.
1628 für den polnischen Kronprinzen aufgeführt, ist Caccinis Oper „La liberazione di Ruggiero“ dank eines gedruckten Exemplars bis heute erhalten. Als Musikhistoriker diese Oper im 19. Jahrhundert wiederentdeckten, entbrannte ein Streit darüber, ob sie vielleicht eine bedeutendere Musikerin als ihr Vater gewesen sein könnte.
Matilde Capius (1913-2017)
Geboren in Neapel, komponierte Matilde Capius schon als Kind. Sie hörte als Sechsjährige den Fischern am Strand zu und schrieb deren Geräusche zu Hause in Melodie und Rhythmus.
Sie erhielt lange keinen Unterricht, weil ihre Eltern dagegen waren. Trotzdem komponierte sie weiter und studierte später als einzige Frau an der Accademia Chigiana in Siena Klavier, Orgel, Violine und Komposition.
Capius gewann viele Preise und wurde 1962 als Professorin für Tonsatz nach Turin gerufen. Dennoch kämpfte sie ihr ganzes Leben gegen die Ablehnung an, die ihr als Frau entgegengebracht wurde. Trotzdem entwickelte sie eine unverwechselbare Tonsprache, geprägt von der Authentizität ihrer Gefühle.
Marie Jaëll (1846-1925)
Geboren im Elsass als Marie Trautmann trat sie schon als Kind als Klavierwunder in Deutschland, Frankreich, England und der Schweiz auf. Sie studierte in Paris bei Henri Herz und erhielt Kompositionsunterricht von César Franck und Camille Saint-Saëns. Auch Franz Liszt förderte sie.
1882 schrieb Marie Jaëll vermutlich als erste Frau ein Cellokonzert. Im zweiten Satz verarbeitet sie den Tod ihres Mannes im selben Jahr und den ihrer Mutter vier Jahre zuvor.
Zeitgenössische Kritiker schätzten Jaëll hoch, sie wurde sogar in die berühmte Pariser Société Nationale de Musique aufgenommen. Doch auch sie geriet nach ihrem Tod schnell wieder in Vergessenheit und wird heute nur langsam wiederentdeckt.
100. Todestag Pianistin, Komponistin, Musikpädagogin: Die drei Karrieren der Marie Jaëll
Als Wunderkind brillierte sie am Klavier, Liszt ermutigte sie zur Komposition. Schließlich forschte sie an einer neuen Klavierpädagogik. Ihre Erkenntnis: Bloß nicht zu lange üben.