Tag der Schallplatte

Liebhaberobjekt Langspielplatte: Der Vinyl-Hype lässt auch Klassik-Fans nicht kalt

Vinyl liegt wieder voll im Trend. Nostalgikerinnen und junge Musikliebhaber haben die Schallplatte wieder für sich entdeckt – auch in der Klassikwelt. Egal ob Neueinspielungen, alte Referenzaufnahmen oder verborgene Archiv-Raritäten: Die Schallplatte ist heute Kultobjekt, Sammelgegenstand – und kreative Spielwiese für innovative Labels.

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Stand

Von Autor/in Dominic Konrad

Wilhelm Furtwänglers Wagner-Aufnahmen aus den frühen 1950er-Jahren, Karajans unvergessliche „Bohème“ mit Luciano Pavarotti und Mirella Freni oder Bernsteins eindringliches Dirigat von Mahlers „Lied von der Erde“ mit Dietrich Fischer-Dieskau und James King – viele legendäre Klassik-Einspielungen des 20. Jahrhunderts klingen nur „richtig“ mit dem leisen Surren, Knacken und Knistern, das entsteht, wenn die Abtastnadel auf eine sich drehende Langspielplatte trifft.

Mitte der 1990er-Jahre hatte es sich ausgedreht für die Schallplatte. Die CD als neuer, innovativer Tonträger hatte ihr den Rang abgelaufen. Doch Totgesagte leben bekanntlich länger: Seit fast 20 Jahren erlebt die schwarze Vinylscheibe mit 30 cm Durchmesser ihre Renaissance.

Während unter dem Eindruck des digitalen Musikmarkts seit Mitte der 2000er-Jahre der Absatz von CDs rückläufig ist, steigt die Nachfrage nach Schallplatten kontinuierlich. In den USA wurden 2022 zum ersten Mal seit 1987 wieder mehr Schallplatten als CDs verkauft.

Mann zieht Schallplatte mit Schubert-Sinfonien aus dem Regal, eingespielt von Otto Klemperer
Fundstücke im Fachgeschäft: eine Einspielung mit Schubert-Sinfonien von Otto Klemperer in einem Schallplatten-Antiquariat.

LP-Umsätze haben sich seit 2019 fast verdoppelt

Auch in Deutschland betrug der Anteil der Schallplatte an den verkauften physischen Tonträgern zuletzt 40,5 Prozent, wie der Bundesverband Musikindustrie in seinem Jahresbericht 2024 bekanntgab. Die Einnahmen aus LP-Verkäufen haben sich in den vergangenen fünf Jahren auf 153 Millionen Euro nahezu verdoppelt.

Unter allen verkauften Schallplatten 2024 sind Jazz mit fünf und Klassik mit zwei Prozent zwar zwei relativ kleine Inseln, doch auch hier reagieren die Labels vermehrt auf den besonderen Liebhabermarkt.

Fast alle aktuellen Top-20-Klassikalben sind auch auf Vinyl gepresst worden. Große Klassik-Künstler*innen wie Yoyo Ma, Philip Glass, Max Richter oder Yuja Wang bringen ihre aktuellen Einspielungen wieder regelmäßig auf Schallplatte heraus.

Bach-Transkriptionen auf Schallplatte in LP-Antiquriat "Vinyl Lounge" in Essen.
Hat noch lange nicht ausgespielt: Nostalgiker und auch junge Musikliebhaberinen schwören auch heute noch auf Vinyl.

Warum Sammler das große Cover lieben

Dass Musikliebhaberinnen und -liebhaber wieder gerne zur Schallplatte greifen, liege nicht zuletzt auch an der Sammelleidenschaft, erklärt Matthias Böde, Redakteur der Fachzeitschrift „Stereo“, im Gespräch mit SWR Kultur. Die Schallplatte ist hierbei nicht nur Tonträger, die ist auch ein ästhetisches und haptisches Erlebnis.

„Viele Leute, die Schallplatten hören, haben gerne ein großes Cover in der Hand“, so Böde. „Sie haben auch gerne eine Schallplatte, also ein Medium, das sie im wahrsten Sinne des Wortes ‚begreifen‘ können.“

Analoger Klang: Wärme statt digitaler Kompression

Darüber hinaus sagen Platten-Enthusiast*innen dem althergebrachten Tonträger eine dem digitalen Angebot überlegene Klangqualität nach: Man spreche von einer „analogen Klangqualität, die digitale Medien eben nicht bieten können“, so der Experte

Tatsächlich schätzen nostalgische Platten-Fans trotz mitunter deutlich hörbarem Rauschen und Knacken einen Sound, der als wärmer und natürlicher empfunden wird. Zudem biete die Platte ein subtileres Klangerlebnis mit mehr Tiefe und Dynamik, das bei digitalen Formaten durch Komprimierung verlorengehe.

Beim „Boléro“ spielt man besser rückwärts

Mitunter könne die Schallplatte auch heute noch überraschen, erklärt Experte Matthias Böde weiterhin. So hat das Stuttgarter Label Tacet mit „oreloB“ eine Platte produziert, die nicht wie gewöhnlich von außen nach innen, sondern von innen nach außen abgespielt wird.

"oreloB" - Maurice Ravel's "Boléro" (Tacet, 2012. Plays from the inside out)

Der Grund: Bei einem Werk wie dem Boléro von Maurice Ravel, dessen Crescendo von den ersten, leise anklingenden Takten bis zum fulminanten Bombast-Finale kontinuierlich anschwillt, sei es sinnvoller, die Platte ab der Mitte zu spielen.

Je weiter innen nämlich der Tonarm sitzt, desto mehr Information muss er zeitgleich verarbeiten. Das „Rückwärtsspielen“ könne, so das Versprechen, Verzerrungen bei Tonhöhe und Lautstärke besser umgehen.

Zukunft der LP: Nischenprodukt mit stabilem Markt

„Das hört sich jetzt erstmal an wie ein Gag, ist es vielleicht auch“, so Böde, „aber es ist eine sehr sinnvolle Sache, die genau auf die technischen Bedingungen der LP reagiert.“ Auch bei anderen Produktionen hat das Label die rückwärtslaufende Aufnahmetechnik bereits angewandt.

Fragt man Matthias Böde, so ist er sich sicher, dass die Schallplatte eine ganz gesicherte Zukunft als Nischenprodukt hat. „Da mache ich mir eher Sorgen um die CD“, so der Experte, „die ist heute ganz stark auf den Rückzug“. Es sei eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet die LP nun die CD im Musikmarkt wieder ablöse.

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Dominic Konrad
Dominic Konrad, Autor und Redakteur bei SWR Kultur und SWR Musik
Das Interview führte
Ines Pasz
Ines Pasz
Interview mit
Matthias Böde (Stereo)
Künstler/in
Netherlands Philharmonic Orchestra, Carlo Rizzi