Best of Bach
Als „größtes musikalisches Kunstwerk aller Zeiten und Völker“ pries der Verleger Hans Georg Nägeli Bachs h-Moll-Messe. Das war 1818, aus der superlativen Vollmundigkeit spricht neben der Werbewirksamkeit auch eine große Ehrfurcht vor der Qualität dieser Musik und echte Begeisterung.
Tatsächlich ist die h-Moll-Messe, Bachs letztes großes Vokalwerk, sein Opus summum. Er hat darin das Beste aus seinen früheren Kompositionen gebündelt, überarbeitet und klug miteinander kombiniert. Die h-Moll-Messe ist aus der Musikgeschichte und aus unserem Musikleben nicht wegzudenken, Chöre und Musikfreunde weltweit singen und lieben sie. Bachs Autograph zählt zum UNESCO-Weltdokumentenerbe.
Einblicke ins Wegenetz zur h-Moll-Messe
Welche Wege führen zur h-Moll-Messe? Das fragt SWR Kultur in diesem Themenschwerpunkt in mehreren Sendungen: In Konzerten des Internationalen Bachfests Stuttgart werden die vier Kyrie-Gloria Messen Bachs aus den späten 1730er-Jahren gesendet.
Sie sind weniger bekannt als das umfangreichere Schwesterwerk, enthalten aber ebenso großartige Musik. In all seinen Messen hat Bach – ähnlich wie schon zuvor im Weihnachtsoratorium – das Parodieverfahren genutzt und Musik aus seinen eigenen Kantaten mit neuen Texten unterlegt.
Vorträge der Musikwissenschaftler Bernhard Schrammek und Peter Wollny bieten einen Blick in Bachs Kompositionswerkstatt, erläutern seine Finessen der Parodietechnik, schauen auf die überlieferten Quellen und auf die musikalische und liturgische Tradition, in der sich Bach bewegte.
Musikalische Wunderkammern
Schließlich werden Kyrie und Gloria aus der h-Moll-Messe selbst unter die Lupe genommen. Darin findet man die Wunderkammern der musikalischen Möglichkeiten. Das Spektrum reicht vom prunkvollen Jubel mit Pauken und Trompeten über bewusst rückwärtsgewandte Chöre im alten Stil bis zu virtuosen modernen Arien und Duetten, in denen unterschiedliche Instrumente solistisch hervortreten.
Eine wichtige Inspirationsquelle war für Bach das Repertoire der Dresdner Hofkapelle, der er in diesem Werk im Jahr 1733 seine Referenz erwies – in der Hoffnung auf einen Ehrentitel oder gar Posten bei Hofe.
Alte Musik | Wege zur h-Moll-Messe Lobpreis und Erbarmen – Kyrie und Gloria aus Bachs h-Moll-Messe
Von Doris Blaich
Inspirationen der Dresdner Kollegen
Ohne die Komponisten der Dresdner Hofkapelle wären Bachs Messen nicht denkbar. Messkompositionen von Jan Dismas Zelenka etwa oder von Georg Friedrich Heinichen (aufgeführt im Eröffnungskonzert des Internationalen Bachfests Stuttgart, mit der Gächinger Cantorey und Hans-Christoph Rademann) gehören deshalb selbstverständlich zu unserem Wege-Panorama dazu.
Bachs „große catholische Messe“.
Am Ende des Themenschwerpunkts bei SWR Kultur steht eine Live-Übertragung der h-Moll-Messe vom Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd mit dem Chorwerk Ruhr, Concerto Köln und dem Dirigenten Florian Helgath. Das Konzert wird deutschlandweit im ARD Radiofestival gesendet. Ein Gespräch mit dem Musikwissenschaftler Meinrad Walter beleuchtet die Theologie hinter dem Credo der h-Moll-Messe.
Alte Musik Symbolum Nicenum ‒ Das Credo aus Johann Sebastian Bachs Messe h-Moll BWV 232
Von Bettina Winkler und Meinrad Walter
Die h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach zählt nicht nur als sein Magnum Opus sondern als eines der bedeutendsten Werke der geistlichen Musik. Sie besteht aus 18 Chorsätzen und neu Arien und bildet damit eine komplette Messe ab. Daher gab sein Sohn Carl Philipp Emanuel Bach dem Werk im Nachlassverzeichnis den Beinamen „große catholische Messe“.
Bach schuf dieses Werk nicht in einem Guss, sondern komponierte bereits 1733 eine Missa brevis – kurze Messe übersetzt – diese arbeitete er dann bis zu seinem Tod 1750 zur sogenannten h-Moll-Messe um. Angereichert wurden Kyrie und Gloria der Missa brevis durch Kantatensätze, die er bereits komponiert hatte, und setzte so die h-Moll-Messe wie ein musikalisches Mosaik zusammen.
Zusammensetzen des Mosaiks
Bach hatte zwar von Beginn an nicht das Ziel, eine Messe dieser Größenordnung zu komponieren, aber sein Schaffen an diesem Werk lässt sich auf über drei Jahrzehnte beziffern. Den Startschuss bildet der Eingangschor der Kantate „Weinen, Klagen, Sorgen“ BWV 12 von 1714. Bach arbeitete den Chor zum Crucifixus der Messe um.
Diese Vorlage ist mit Abstand das früheste Mosaiksteinchen in der Messe, dahinter folgt der neunte Teil, das Qui tollis. Auch hier bedient sich Bach an einem seiner Eingangschöre, diesmal aus der Kantate „Schauet doch und sehet“ BWV 46, komponiert 1723.
Bach schien ein Faible für seine Eingangschöre gehabt zu haben. Auch der siebte Teil der Messe „Gratias agimus tibi“ entstammt dem ersten gesanglichen Part der sogenannten Ratswahlkantate „Wir danken dir, Gott, wir danken dir“ BWV 29. Den instrumentalen Part wiederverwendet er auch innerhalb der Messe selbst für den Schlusschor.
Auch an weltlichen Kantaten bediente sich Bach, so stammt die Musik des Osannas aus dem Eingangschor der Kantate „Preise dein Glücke, gesegnetes Sachsen“ BWV 215 die Bach für den sächsischen Kurfürsten und polnischen König August III. komponierte.