Ein Todestag und ein neuer Abschied
Eigentlich sollte es an diesem Morgen vor allem um Rio Reiser gehen. 30 Jahre ist es her, dass der Sänger von Ton Steine Scherben starb. Doch dann kam die Nachricht vom Tod eines weiteren Scherben: Martin Paul, bürgerlich Martin Hartmann, starb am 17. August.
Für Claudia Roth ist das mehr als eine Nachricht aus der Musikgeschichte. Sie kannte Martin Paul seit rund einem halben Jahrhundert. „Wir waren wirklich 50 Jahre eng befreundet“, sagt sie. Und deshalb spricht sie an diesem Tag bei SWR Kultur nicht nur über Rio Reiser, sondern vor allem auch über einen Menschen, der zu ihrem eigenen Leben gehörte.
„Das ist sehr, sehr, sehr traurig“, sagt Roth über den Tod von Martin Paul. Er sei nun, neben Rio Reiser und weiteren verstorbenen Bandmitgliedern, „der vierte Scherbe“, der nicht mehr da sei. Dann findet sie ein Bild, das typisch für die Geschichte dieser Band ist: „Martin ist jetzt der vierte Scherbe, der ja im Himmel oder wo immer sie auch sind, auf welchem Planeten sie sich befinden, zusammen mit den anderen Musik macht.“
Kennengelernt haben sich Martin Paul und Rio Reiser am Theater
Die Geschichte beginnt für Roth Mitte der 1970er Jahre in Dortmund. Sie arbeitete damals am Theater. Eine besondere Verbindung zu Rio Reiser gab es dort bereits über dessen älteren Bruder Peter Möbius, der das Kinder- und Jugendtheater leitete. Einmal pro Spielzeit entstand ein Musiktheaterstück. „Und so haben sich Martin und Rio kennengelernt“, erzählt Roth.
Martin Paul war anschließend an mehreren Produktionen beteiligt, unter anderem an der „Struwelpeter-Revue“ und den „Märzstürmen“. Ende der 1970er Jahre ging er nach Fresenhagen zu Ton Steine Scherben und wurde Keyboarder der Band.
Auch Claudia Roth verschlug es schließlich auf den Hof im nordfriesischen Fresenhagen. Anfang der 1980er Jahre übernahm sie das Management der Scherben. Die Band lebte dort in einer Gemeinschaft, weit entfernt von den üblichen Strukturen des Musikgeschäfts. Roth hat diese Zeit später als eine Art Groß-WG und Familienleben beschrieben.
„Es war Familie“
Wenn Roth heute von den Scherben erzählt, fällt deshalb ein Wort besonders häufig: Familie.
Naja, es war Familie. Tatsächlich haben wir als Familie gelebt.
Das bedeutete nicht nur gemeinsam Musik zu machen. Es bedeutete, den Alltag miteinander zu teilen. „Jeden Tag hat jemand gekocht von uns.“ Einer konnte das offenbar besonders gut: „Rio war der beste Suppenkoch aller Zeiten, den man sich nur vorstellen kann.“
Roth erzählt diese Geschichte nicht als romantische Verklärung. Sie weiß, dass das Leben der Scherben auch von finanziellen Schwierigkeiten geprägt war. Die Band hatte sich bewusst gegen die üblichen Mechanismen der Musikindustrie gestellt und war finanziell stark unter Druck geraten.
Gerade deshalb hat Roth aus dieser Zeit etwas mitgenommen, das bis heute nachwirkt, meint sie: „Da habe ich gelernt, dass Reichtum sich nicht nur über den Kontostand bestimmt und definiert.“
Die Geschichte hinter „Junimond“
Besonders deutlich wird die Nähe zwischen Claudia Roth, Martin Paul und Rio Reiser bei der Ballade „Junimond“. Die Musik stammt von Martin Paul, den Text schrieb Rio Reiser. Der Song wurde 1986 auf Reisers erstem Soloalbum „Rio I.“ veröffentlicht – nach der Auflösung von Ton Steine Scherben.
Für Roth ist die Entstehung des Liedes eng mit ihrer eigenen Geschichte verbunden. Sie hatte die Band 1985 verlassen und war zu den Grünen gegangen. Ihre Beziehung zu Martin Paul hatte sich verändert. Ob sie damals sofort verstanden habe, dass „Junimond“ ihr gewidmet war?
„Nein, das war ein Geschenk“, sagt Roth. Martin Paul habe ihr erklärt: „Das ist ein Geschenk auch an mich für eine enge Beziehung, die sich dann ein bisschen im Aggregatzustand verändert hat.“ Rio Reiser habe die Situation genau wahrgenommen. „Und Rio hat ja alles sehr sensibel mitgekriegt und hat dann diesen wunderbaren Text geschrieben.“
So bekommt der bekannte Song im Rückblick eine andere Geschichte. Hinter dem späteren Klassiker steht nicht nur ein Lied über Abschied und eine vergangene Liebe, sondern auch die Geschichte dreier Menschen, die über Jahre miteinander gelebt und gearbeitet haben.
Was Claudia Roth von Rio Reiser gelernt hat
Wenn Roth über Rio Reiser spricht, verändert sich ihr Ton. Dann geht es weniger um den berühmten Sänger und mehr um den Künstler, den sie aus nächster Nähe erlebt hat. „Rio war überhaupt auch ein riesengroßer Künstler. Und ich habe von ihm wirklich viel gelernt.“
Was sie von ihm gelernt habe, betrifft vor allem die Arbeit hinter einem guten Lied. Texte und Melodien entstünden nicht einfach aus einem genialen Moment heraus. „Ich habe gelernt, dass Texte oder Melodien, dass das wirklich große, schwere Arbeit ist“, sagt Roth.
Und dann folgt ein Satz, der viel darüber erzählt, wie sie Reiser als Künstler erlebt hat: „Dass sie nicht so eine spontane Geschichte sind, dass sie nicht vom Himmel runterfallen, sondern dass daran gearbeitet wird.“ Für Roth zeigt sich genau das in „Junimond“: „Diese Melodie von Martin und der Text von Rio“ zeigten, „wie groß die künstlerische Bedeutung dieses Songs ist.“
Es ist eine andere Erinnerung an Rio Reiser als die des großen Frontmanns, des „Königs von Deutschland“ oder der Stimme einer politischen Generation. Roth erinnert sich an den Menschen, der an seinen Liedern gearbeitet hat – präzise, geduldig und mit großer emotionaler Kraft. Auch in früheren Erinnerungen an Reiser beschreibt sie dessen akribische Arbeit an Texten und Melodien.
„Kraft, Mut und emotionale Stärke“
Vielleicht ist das auch der Grund, warum Roth die Scherben nicht einfach als politische Rockband ihrer Zeit beschreibt. Sie spricht von einer besonderen Energie, die von der Gruppe ausgegangen sei.
Was bleibt, ist einfach diese unglaubliche Kraft, Mut und auch der Wille und diese emotionale Stärke, die Rio und die Band auf die Bühne gebracht hat.
Diese Energie habe Menschen erreicht und habe mit einer Haltung zu tun, die für Roth bis heute wichtig ist. Reiser habe als erster offen schwuler Sänger Erfahrungen gemacht, über die in der damaligen Gesellschaft und auch innerhalb der linken Szene nicht selbstverständlich gesprochen wurde.
Persönliche Freiheit war für ihn deshalb nie nur eine private Angelegenheit. „Das Private sehr wohl politisch“ zu machen, sei ein Teil dessen gewesen, was seine Musik auszeichnete, bekräftigt Roth.
Was von den Scherben bleibt
Am Ende des Gesprächs geht es deshalb wieder um die Gegenwart – nicht als große politische Analyse, sondern als Frage, was bleibt, wenn die Menschen, die eine bestimmte Zeit geprägt haben, nach und nach verschwinden. Martin Paul ist nun tot. Rio Reiser starb vor 30 Jahren. Viele der ursprünglichen Scherben sind inzwischen ebenfalls nicht mehr am Leben.
Aber die Musik ist geblieben – und ein Teil der Bandgeschichte lebt bis heute auch ganz konkret weiter: Zwei der ehemaligen Scherben sind weiterhin mit eigenen Projekten und in unterschiedlichen Formationen auf Tour.
Und vielleicht ist das für Claudia Roth die wichtigste Form der Erinnerung: nicht die Verklärung einer vergangenen Zeit, sondern die Möglichkeit, ihre Lieder immer wieder neu zu hören. „Leider ist das heute vielleicht brandaktueller als in den vergangenen Jahren“, sagt sie über Reisers Musik.
Wenn sie etwa „Mein Name ist Mensch“ höre und gleichzeitig auf Rassismus und Diskriminierung schaue, erkenne sie darin Fragen, die keineswegs erledigt seien. „Dann sieht man, wie brandaktuell und wie zeitlos wichtig die Songs von Ton Steine Scherben sind.“
30 Jahre nach Rio Reisers Tod und nur wenige Tage nach dem Tod von Martin Paul bleibt damit vor allem die Erinnerung an eine besondere Gemeinschaft: Menschen, die zusammen Musik machten, zusammen lebten, sich stritten, liebten, Abschied nahmen – und Lieder hinterließen, die bis heute weiterwirken.
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