Zwischen Applaus und Stille

Einsamkeit bei klassischen Künstlern

Hinter dem Glanz von Bühne und Applaus verbirgt sich oft eine andere Realität: die Einsamkeit. Ein Blick auf intensive Isolation im Übungsraum bis zur Leere nach einem Konzert.

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Von Autor/in Janine Putzek

Stille fällt wie ein Vorhang

Der Moment nach einem Konzert ist für viele klassische Künstlerinnen und Künstler ein emotionaler Wendepunkt. Minuten zuvor standen sie noch auf der Bühne, umgeben von der Energie des Publikums, das ihre Kunst feiert.

Anders als Pop- und Rockstars, die oft von einem großen Team begleitet werden und ständig Menschen um sich haben, erleben klassische Musikerinnen und Musiker diese Momente häufig allein.

Die Stille nach dem Applaus kann eine Leere mit sich bringen, die schwer auszuhalten ist.

Einsamkeit ist oft nach dem Konzert, sich leer zu fühlen. Für mich ist es oft schwierig, das zu akzeptieren.

Der emotionale Kontrast

Dieser Wechsel zwischen öffentlicher Euphorie und privater Isolation prägt das Leben vieler klassischer Musikerinnen und Musiker.

Das Leben eines Solisten ist per Definition ein Leben der Abgeschiedenheit. Für Sol Gabetta steckt das schon im Wort „Solist“. Das bedeute ein Solo-Leben, macht die Cellistin deutlich: „Ich habe in meinem Leben sehr viele Momente von Einsamkeit gehabt.“

Sol Gabetta Lübeck 2021
Für Sol Gabetta ist ihre Karriere als Solistin eine leidenschaftliche Lebensaufgabe.

Einsamkeit im Übezimmer

Für viele klassische Künstlerinnen und Künstler beginnt die Einsamkeit nicht erst nach dem Konzert, sondern schon in der täglichen Arbeit. Stundenlanges Üben, oft allein mit dem Instrument, ist der unsichtbare Teil ihrer Kunst. Und das beginnt meist schon früh im Kinderzimmer.

Kristin von der Goltz, Cello-Professorin an der HfMDK in Frankfurt am Main, findet, die größte Einsamkeit sei, alleine zu üben: „Die Herausforderung einer Solistin ist, die Einsamkeit auszuhalten.“ Das Publikum sehe dann nur die Essenz dieser Vorarbeit.

Zwischen Isolation und Kontaktfreude

Diese mentale Herausforderung erfordert nicht nur Disziplin, sondern auch die Fähigkeit, mit sich selbst allein zu sein und diese Isolation auszuhalten.

Gleichzeitig müssen Solistinnen und Solisten in den richtigen Momenten kontaktfreudig und sozial sein, um mit Orchestern, Kollegen und dem Publikum zu interagieren.

Einsamkeit als Preis der Leidenschaft

Der Weg einer klassischen Künstlerin oder eines Künstlers ist oft von Einsamkeit geprägt, die nicht nur physischer, sondern auch emotionaler Natur ist.

Man gibt so viel auf der Bühne, dass danach oft nur Leere bleibt. Die Bühne erwartet sehr viel von einem. Man gibt eine Art von Energie, die man immer wieder regenerieren muss.

Doch genau diese Energie und Hingabe machen die Kunst aus. Auch Anastasia Kobekina erzählt: „Man teilt seine intimsten Gefühle durch die Musik.“ Dabei kann es schwer sein, diese emotionale Offenheit mit der Notwendigkeit, sich selbst zu schützen, in Einklang zu bringen.

Anastasia Kobekina in der Tonhalle Zürich 2023
Anastasia Kobekina genießt den Applaus nach dem anspruchsvollen Cellokonzert von Antonin Dvorak in der Tonhalle Zürich.

Einsamkeit auf Tourneen

Das ständige Reisen von Stadt zu Stadt, von Hotel zu Hotel ist für viele Musikerinnen und Musiker Alltag. Wenn Sol Gabetta auf Tournee wochenlang von Familie und Freunden getrennt war, spürte sie die Isolation: „Ich habe sehr viel gelitten, als ich alleine reisen musste.“

Die Konzerte seien dabei kein Problem gewesen. Für Gabetta war das Problem die Einsamkeit nach dem Konzert und vor dem Konzert. Das sei ein Gefühl, das man nur schwer nachvollziehen könne.

Balance finden als Strategie

Trotz der Herausforderungen gibt es Wege, mit der Einsamkeit umzugehen und sie sogar als Teil des kreativen Prozesses zu akzeptieren. Viele klassische Künstlerinnen und Künstler lernen mit der Zeit, diese Momente der Isolation zu nutzen, um sich zu regenerieren und ihre Energie wieder aufzubauen.

Mit dem Alter weiß man besser, wie man das alles balanciert. Je älter ich werde, desto mehr suche ich Qualität und weniger Quantität.

Ein stabiles Umfeld mit Freunden und Familie sei ebenfalls entscheidend, um die mentale und emotionale Gesundheit zu bewahren. Gleichzeitig helfe es, sich bewusst Pausen zu gönnen und die Einsamkeit nicht nur als Belastung, sondern auch als Möglichkeit zur Selbstreflexion zu sehen.

Abseits der Bühne suchen viele Künstlerinnen und Künstler nach Wegen, die Einsamkeit in eine Quelle der Inspiration zu verwandeln. Ihre Kunst wird so zu einer Brücke, die Menschen verbindet und berührt.

Musikgespräch Musiktherapeutin Mona Dittrich über Musik und Einsamkeit

Zu unserer Themenwoche über Einsamkeit erzählt Musiktherapeutin Mona Dittrich aus ihren Erfahrungen: Kann Musik gegen Einsamkeit helfen? Wie findet die Musik innerhalb der Sitzungen statt und wie setzt man sie bei Einsamkeit ein? Diese und weitere Fragen beantwortet die Musiktherapeutin gegenüber SWR Kultur.

Treffpunkt Klassik SWR Kultur

Erstmals publiziert am
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Autor/in
Janine Putzek
SWR-Reporterin Janine Putzek.