Schönfärberei der hohen Verschuldung
Auch ihm sei „Sondervermögen“ aufgestoßen, als die schwarz-rote Bundesregierung ins Amt gekommen sei, sagt Cordsen im Gespräch mit SWR Kultur. Der Journalist und Autor veröffentlichte im September 2025 seine sprachkritische Studie „Stand jetzt. Aus dem Wörterbuch meiner Mitmenschen“.
Zweifellos sei es schönfärberisch, eine Schuldenaufnahme von hunderten Milliarden Euro so zu deklarieren. Im Vergleich zu anderen Unwörtern aus der Finanzwelt wie den „Peanuts“ von Hilmar Kopper von 1994 oder den „notleidenden Banken“ wirke der Begriff aber „nachgerade harmlos“.
Die Jury für das Unwort hatte „Sondervermögen“ unter etwa 2.600 Vorschlägen ausgewählt. Auf dem zweiten Platz landete das sogenannte „Zustrombegrenzungsgesetz“. Beteiligt waren an der Entscheidung Sprachforscher der Universitäten Magdeburg, Wien, Kassel und Marburg.
„Sondervermögen“: Ein fast harmloser Begriff
Im Begriff „Sondervermögen“ spiegele sich Realitätsverweigerung, erläutert Knut Cordsen. Kaum einer denke daran, „dass diese jetzt aufgenommenen Schulden künftige Generationen enorm belasten werden“.
Ansonsten erinnere ihn das Wort lediglich an ein „Sondervermögen“, das dem 21-jährigen Thomas Mann 1896 vom Lübecker Amtsgericht bescheinigt wurde. Demnach verfügte er über ein Sparbuch mit 318 Mark und 19 Pfennigen und eine Lebensversicherung. „So ändern sich die Zeiten.“
Das „Stadtbild“ ist es nicht geworden
Er selbst, so Cordsen, habe eher mit „Stadtbild“ als Unwort des Jahres gerechnet. Allerdings habe es „aus diesem Bereich der unterstellten oder tatsächlichen Fremdenfeindlichkeit in der Vergangenheit einfach viel zu viele Unwörter“ gegeben. „Deshalb wird man sich in der Jury auf das fast harmlose Sondervermögen geeinigt haben.“
Ob das „Unwort des Jahres“ noch abschreckende Wirkung entfaltet? Knut Cordsen zweifelt daran. Sein Lieblingsbeispiel sei das Unwort des Jahres 2024, „Remigration“. Geradezu demonstrativ habe die AfD diesen Begriff ein Jahr später in ihr Wahlprogramm übernommen.
Moralisch selbstgerecht? Den Gegner „jagen“
Auch von moralischer Selbstgerechtigkeit seien Diskussionen um Unwörter nicht frei. 2017 sei der damalige AfD-Vorsitzende Alexander Gauland für die Bemerkung am Wahlabend kritisiert worden, die Regierung „jagen“ zu wollen.
Ebenso häufig spreche man jedoch davon, den politischen Gegner „stellen“ zu wollen. Auch dieses Wort stamme aus der Waidmannssprache. „Gestellt“ werde das gehetzte Wild von Hunden, um es schießen zu können.
Diskussion Unter extremer Beobachtung – Ist die politische Mitte kompromissfähig?
Mit ihm zu leben ist oft schwer, aber ohne ihn geht es fast nie. Der Kompromiss gehört zur Demokratie, seit es sie gibt. Union und SPD brauchen ihn, um miteinander regieren zu können. Der Druck ist enorm, denn bei immer mehr Menschen schwindet das Vertrauen in die politische Mitte. Das zeigen die neuen Machtverhältnisse im Bundestag, populistische Parteien rechts wie links stellen mehr als ein Drittel der Abgeordneten. Kann man sie auf Dauer ausschließen? Wie lange hält die Brandmauer? Kennt der Kompromiss Grenzen? Gregor Papsch diskutiert mit Prof. Dr. Dr. Volker Boehme-Neßler – Lehrstuhl für Öffentliches Recht, Medien- und Telekommunikationsrecht, Universität Oldenburg; Prof. Dr. Marc Debus – Sozial- und Politikwissenschaftler, Universität Mannheim; Dr. Julia Reuschenbach – Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin