Immer neue Wörter schießen, brodeln und ploppen hervor aus der Alltagssprache. Annette Klosa-Kückelhaus vom Leibniz-Institut für Deutsche Sprache, Sandra Richter vom Literaturarchiv Marbach, Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen und weiteren Expert*innen erklären, was die Neuschöpfungen bedeuten.
Wort der Woche Xenien – erklärt von Sandra Richter
Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe schmiedeten 1794 einen gemeinsamen Plan. Ein kleines Geheimprojekt, mit dem sie es der spießbürgerlichen Literaturszene heimzahlen wollten und in deren Zentrum die Xenien standen. Der Begriff geht bereits zurück auf den römischen Dichter Martial und bezeichnet ursprünglich Begleitverse zu einem Gastgeschenk.
Bei Schiller und Goethe aber bekamen die Xenien einen stark ironischen und satirischen Charakter - über 1000 Epigramme haben die beiden geschrieben als scharfe Kritik an der damaligen Kulturszene. Die Gattung geriet durch ihre Attacke in Verruf - heute haben die Xenien so gut wie keine Bedeutung mehr in der Literatur.
Wort der Woche Routine - erklärt von Kathrin Kunkel-Razum
Das Wort „Routine“ hat sich in den letzten Jahren zu einem Modewort entwickelt und findet sich als Synonym für Disziplin, Produktivität oder ein erfolgreiches Leben in den sozialen Medien und auch in Ratgebern. Ob Morgenroutinen, Pflegeroutinen oder Erfolgsroutinen aber tatsächlich erstrebenswert sind und wie der Begriff sprachwissenschaftlich einzuordnen ist, darüber hat sich die ehemalige Leiterin der Duden-Redaktion Dr. Kathrin Kunkel-Razum Gedanken gemacht.
Wort der Woche Freigeist - erklärt von Sandra Richter
Im 18. Jahrhundert war ein Freigeist jemand zwischen „nicht gläubig“ und „sich amoralisch verhalten“. Heute ist ein Freigeist eine eher positive Zuschreibung, eine Person mit Verstand und Moral, wie es der Philosoph Friedrich Nietzsche beschreibt. Sandra Richter, Leiterin des Literaturarchivs Marbach, stellt uns den Freigeist als Begriff im Wandel der Zeit vor.
Wort der Woche Negativity Bias - erklärt von Bernhard Pörksen
Negativity Bias - ein Begriff aus der Psychologie - kommt aus dem Englischen und bedeutet soviel wie Negativitätsverzerrung oder Negativitätsdominanz. Menschen nehmen negative Nachrichten, Emotionen und Erlebnisse äußerst intensiv wahr und lassen sich von ihnen stärker beeinflussen als von positiven Wahrnehmungen. Diese Negativitätsverzerrung, die besonders in Krisen- und Kriegszeiten zu beobachten ist, ist vermutlich evolutionär in uns angelegt. Denn wir sind darauf programmiert, Gefahren frühzeitig zu erkennen, um uns vor ihnen zu schützen.
Heutzutage erscheint dieser evolutionär begründete Mechanismus jedoch fatal, da wir dazu neigen, vielgezeigte und auch medial intensiv präsentierte Schrecken wie z.B. einen Terroranschlag oder Flugzeugabsturz vom Gefahrenpotential her zu überschätzen. Der Medienwissenschaftler Prof. Bernhard Pörksen spricht sich deshalb für einen produktiven Umgang mit dem Phänomen Negativity Bias aus - Faktizität statt Negativität.
Wort der Woche Der Deckel – erklärt von Kathrin Kunkel-Razum
Vom Buchdeckel über den Mietpreisdeckel bis zum aktuellen Spritpreisdeckel – der „Deckel“ ist ein Wort mit vielen Bedeutungen, das ursprünglich eine Vorrichtung zum Verschließen, zum Abdecken bezeichnet. In der Zusammensetzung mit anderen Worten ergibt sich ein starkes, eingängiges Bild, das daher gern von der Politik aufgegriffen wird. Besonders faszinierend findet die Sprachwissenschaftlerin Kathrin Kunkel-Razum die vielen Redewendungen, die um den Deckel herum entstanden sind: „Jeder Topf findet seinen Deckel“ oder „einen auf den Deckel bekommen.“
Wort der Woche Traumgekrönt - erklärt von Sandra Richter
„Mir war so bang, und du kamst lieb und leise, ich hatte grad im Traum an dich gedacht.“ Zeilen aus dem Gedicht „Traumgekrönt“ von Rainer Maria Rilke. Auf dieses poetische und eher selten verwendete deutsche Kompositum ist Prof. Sandra Richter vom Deutschen Literaturarchiv in Marbach nicht ganz ohne Grund aufmerksam geworden. Schließlich beherbergt das Archiv den Nachlass des "Klangzauberers" der deutschen Sprache.
Wort der Woche Mikrojob - erklärt von Annette Klosa-Kückelhaus
Wer sich ein Zubrot zu seinem Gehalt oder seiner Rente verdienen möchte, kann einen Minijob annehmen. Für so eine Beschäftigung muss man keine Arbeitslosen-, Kranken-, Pflege- und Rentenversicherungsbeiträge bezahlen. Aber egal, ob Mini- oder Midijob, beides ist nicht zu verwechseln mit dem Mikrojob. Wo dieser Begriff herkommt und was es damit auf sich hat, das erläutert Annette Klosa-Kückelhaus vom Leibniz-Institut für Deutsche Sprache in Mannheim.
Wort der Woche News Avoidance - erklärt von Bernhard Pörksen
Den Kopf in den Sand stecken: Die Vogel-Strauß-Taktik ist eine Reaktion auf die Flut negativer Nachrichten, die immer mehr Menschen in Deutschland anwenden. Es gibt eine wachsende Gruppe von Mediennutzenden, die auf ein überforderndes Nachrichtenangebot und auf negative Schlagzeilen mit Abkehr reagieren. Das wird auch als News Avoidance bezeichnet.
Wort der Woche Xanthippe – erklärt von Sandra Richter
Es gibt nur wenige historische Quellen über die Ehefrau des Philosophen Sokrates. Antike Schriftsteller beschrieben sie als zänkisch und sie soll ihren Ehemann häufig kritisiert und provoziert haben. Vielleicht war sie aber einfach nur eine starke Frau, die sich nicht alles gefallen ließ. Heute wird „Xanthippe“ oft abwertend zur Beschreibung einer herrischen oder nörgelnden Frau verwendet. Was es mit dem Klischee auf sich hat, darüber hat Prof. Sandra Richter vom Deutschen Literaturarchiv in Marbach nachgedacht.