Attachment Parenting: Das sagt die Bindungstheorie
Ein neugeborenes Baby ist vollkommen von seinen engsten Bezugspersonen (meist den Eltern) abhängig. Um sich sicher und geborgen zu fühlen sucht es deshalb nach Bindung. Ein Verhalten, das alle Babys weltweit in allen Kulturen zeigen und Forschende im Rahmen der Bindungsforschung beobachten können.
Wichtig für Kinder: Sicherheit und Geborgenheit
Diese Bindungsgrundbedürfnisse sind laut Claus Koch, Diplom-Psychologe und Mitbegründer des Pädagogischen Instituts Berlin: Sicherheit, Geborgenheit, Anerkennung und Resonanz (ich werde gesehen, ich werde gehört). Gehen Eltern auf die Bedürfnisse ihres Babys ein, entsteht eine sichere Bindung. Gelingt das nicht, entsteht eine unsichere Bindung.
Entwicklungspsychologie Babys merken sich, was anderen in ihrer Umwelt wichtig ist
Was bekommen Babys eigentlich von ihrer Umwelt mit? So einiges, zeigt eine neue Studie: Schon früh lernen Kinder, was für andere relevant ist - aus einem bestimmten Grund.
Sichere Bindung – die Grundlage für Neugier und Selbstbewusstsein
Laut dem Psychologen Claus Koch entsteht zwischen einem Kind und seinen Eltern eine sichere Bindung, wenn sich das Kind über eine lange Zeit hinweg sicher und geborgen fühlt, wenn die Eltern auf es eingehen und es wertschätzend behandeln. Das verleihe dem Kind Selbstbewusstsein und Sicherheit. Für diese Erfahrungen seien die ersten Lebensjahre entscheidend.
Die Angst vor dem Verwöhnen: Ein Erbe des Nationalsozialismus
Auch heute noch hören junge Eltern immer wieder Tipps wie: "Lass das Baby schreien" oder "Du verwöhnst es zu sehr". Aus Sicht der Bindungsforschung sind solche Ratschläge schädlich. Sie stammen aus der dunkelsten Zeit unseres Landes: dem Nationalsozialismus.
Einer Zeit, in der Kinder nicht unabhängig, bindungsstark und empathisch erzogen werden sollten, sondern gefühllos und kalt. Ganz in diesem Sinne riet 1934 Johanna Haarer in ihrem bis in die 80er Jahre verkauften Erziehungsratgeber "Die Deutsche Mutter und ihr erstes Kind" dazu, Babys schreien zu lassen und bloß nicht zu verwöhnen oder Kinder zur Strafe in einen Raum zu sperren und zu ignorieren.
Pädagogik "Dann, liebe Mutter, werde hart!" – Wie NS-Ratgeber die Erziehung bis heute prägen
Im NS-Bestseller "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ rät Johanna Haarer, Kinder schreien zu lassen und bloß nicht zu verwöhnen. Die lieblose Erziehung hat für viele Kriegsenkel Folgen bis heute.
Diese Erziehungsmethoden wirken seit Generationen nach. So hat eine Studie der Universität Ulm in Zusammenarbeit mit Unicef ergeben, dass heute noch 30 Prozent der Eltern ihre Kinder (emotional) gewaltvoll erziehen.
Die Studie nennt das emotionale Vernachlässigung. Also Strafen im Sinne von Anbrüllen, Anschreien: Das kannst du nicht, du bist nichts wert, einsperren ins Zimmer, einen Tag nicht mit [dem Kind, Anm. d. Red.] reden.
Uniklinik Ulm und UNICEF Studie zur Erziehung - "Anschreien" für jeden sechsten normal
Bloßstellen, Einsperren, Schweigen: Eine Studie der Uniklinik Ulm zeigt, wie viele Eltern emotionale Strafen gutheißen. Allen voran die, die Ähnliches selbst als Kind erlebt haben.
Unsichere Bindung sorgt für Angst und Misstrauen
Erlebten Kinder über lange Zeit, dass ihre Bedürfnisse nach Liebe, Sicherheit, Geborgenheit und Resonanz nicht erfüllt würden, dann erlebten sie die Welt um sich herum als gefährlich, so Koch.
Ein Kind, das sich nicht aufgehoben fühlt, das fällt. Und es fällt tief und es findet keinen Halt mehr.
Bindungsgerechte Erziehung für eine weltoffene Gesellschaft
Ängste und Unsicherheiten, die aus Sicht von Claus Koch von Rechtspopulisten gezielt geschürt werden. Er hält daher die bindungsgerechte Erziehung von Kindern auch aus gesellschaftlicher Sicht für wichtig, um weltoffene Menschen großzuziehen.
Und: Negative Bindungserfahrungen lassen sich abmildern: Findet ein Kind in seinem engsten Umfeld Erwachsene, die es annehmen, wie es ist und dadurch seine Suche nach Bindung beantworten, kann das die schlechten Erfahrungen zum Teil ausgleichen.
Aus diesem Grund wünscht sich Koch mehr Unterstützungsangebote für betroffene Familien. Auch Lehrkräfte und Erziehende sollten beispielsweise durch Sozialarbeiter oder Psychologen unterstützt werden, findet er.