"Man lebt zu dritt" – was Co-Abhängigkeit bei Alkoholsucht bedeutet
Rina Schmeller beschreibt Co-Abhängigkeit als ein Beziehungs‑System zu dritt: Im Zentrum steht die Droge – in ihrem Fall Alkohol. Darum kreist der süchtige Mensch. Und um diesen kreist wiederum die Partnerin oder der Partner. "So ist es quasi ein indirektes Rotieren auch um die Droge", sagt sie.
Die Prozesse seien langsam und schleichend, bis man den Bezug zu sich selbst verliere und sich "nach und nach aufgibt".
Wenn mich jemand gefragt hätte, wie es mir geht, hätte ich darauf nicht antworten können. Ich hätte von meinem Partner erzählt, was er so macht.
Leben mit einem alkoholkranken Partner
Wenn der Partner oder die Partnerin die Droge und den Konsum nicht hinterfrage, mache das die co-abhängige Person auch irgendwann nicht mehr, meint Rina Schmeller. Das passiere meist unbewusst und unwillentlich – erhalte am Ende aber das System.
Der ganze Alltag wird eigentlich fremdbestimmt. [...] Man wirkt systemerhaltend, ohne das zu wollen – um den Zusammenbruch zu verhindern.
Viele Betroffene fürchten den Zusammenbruch. Dabei könne das vielleicht die einzige Chance sein, um den süchtigen Menschen dazu zu bringen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Stattdessen werde oft versucht, Eskalationen zu verhindern und irgendwie den Alltag zu bewältigen.
Co-Abhängigkeit: Scham, Schuld und Isolation
Ein Kern der Co-Abhängigkeit ist für Rina Schmeller auch die Scham. Die soziale Isolation sei bei ihr enorm gewesen. In ihrem autofiktionalen Roman "Co" schildert sie, wie die Ich-Erzählerin irgendwann ständig rot im Gesicht wird. Der Ausdruck einer Scham, die man in der Situation selbst kaum versteht, meint sie. Auch Schuldgefühle seien präsent – bei Süchtigen wie Angehörigen.
Es geht nicht darum, dem anderen die Schuld zuzuweisen oder sich selbst die Schuld zuzuweisen. Sondern es geht darum, Verantwortung zu übernehmen für das eigene Leben und das eigene Verhalten und das ist auch das Einzige, was man steuern kann.
Neuanfang! Wenn es anders kommt im Leben Nicole und Joachim: Gegen die Alkoholsucht und für die Liebe
Lange hat es Nicole ausgehalten, dass ihr Mann trinkt. Warum er suchtkrank wurde und sie selbst in die Co-Abhängigkeit rutschte, hat Nicole erst nach Jahren richtig verstanden.
Weg aus der Co-Abhängigkeit: Hilfe für Angehörige von Alkoholkranken
Das ist so eine Art Psychoknast, um es mal salopp zu formulieren. Aber das nimmt man nicht wahr, weil man eben das Außen gar nicht mehr wahrnimmt. [...] Dafür braucht man – in meiner Erfahrung – professionelle Hilfe.
Der Ausstieg war ein langer Weg mit vielen Schritten und Rückschritten. Rina Schmeller betont, wie wichtig professionelle Hilfe dabei war. Sie ging zu einer Suchtberatungsstelle. Diese beraten ausdrücklich auch Angehörige von Suchtkranken. Später nahm sie an einer Angehörigen-Selbsthilfegruppe teil.
Selbstliebe statt Selbstaufgabe
Die Jahre mit ihrem Ex-Partner in Co-Abhängigkeit empfindet Rina Schmeller nicht als verloren. Die Prozesse ließen sich nicht abkürzen, meint sie. Entscheidend sei, die Erfahrung anzunehmen und "im besten Fall etwas daraus zu machen". Für sie ist das auch mit dem Schreiben ihres Romans "Co" gelungen.
Ein Satz aus dem Buch: "Man kann nichts schützen, was einen zerstört, besonders wenn man sich selbst nicht liebt". Am Ende geht es auch darum, den Weg zurück zur Selbstliebe zu finden.
Ich bin eine andere. Ich war ein Schatten meiner selbst und ich bin es nicht mehr.