Leonie Schöler ist Historikerin mit Leib und Seele. In den Sozialen Medien wurde sie mit kurzen Videos bekannt, in denen sie ihren Follower:innen historische Personen oder Geschichtswissen vermittelt. Bekamen ihre Clips anfangs ein paar tausend Likes, waren es wenig später schon bis zu einer halben Million.
Beklaute Frauen: Ein Sachbuch wird Bestseller
In Schölers Bestseller "Beklaute Frauen" geht es um Frauen aus den letzten 200 Jahren, deren Erfindungen, Ideen und Werke von Männern geklaut und deren Namen verschwiegen wurden.
Die Namen der Männer sind dagegen in die Geschichte eingegangen: Einstein, Picasso, Brecht, Gropius oder Marx – sie alle hatten Frauen in ihrem Umfeld, die ihnen mehr als nur zugearbeitet haben, die aber kaum bis gar keine Erwähnung finden.
Lucia Moholy: von Walter Gropius beklaut
Ein Beispiel dafür ist die Fotografin Lucia Moholy: Bauhaus-Gründer Walter Gropius klaute die Negative ihrer Fotografien und bebilderte damit seine Ausstellungen und Bücher – ohne sie zu fragen und ihren Namen zu nennen. Moholy klagte dagegen und erhielt Recht. Trotzdem blieb ihr Name viele Jahre ungenannt.
Ähnlich ergeht es bis heute den Frauen, die mit Autor Bertolt Brecht zusammengearbeitet haben: Immer noch ist in der Literaturwissenschaft unklar, welchen Beitrag sie an seinen Werken geleistet hatten.
Bertolt Brecht und unsichtbare Frauen
Zwar lasse sich untersuchen, was Brecht und die Frauen selbst dazu gesagt hatten oder was dokumentiert sei (z.B. durch Tagebucheinträge oder Rechnungen), so Schöler. Trotzdem sei bisher das Einzige, das erreicht wurde, dass unter der Dreigroschenoper steht: "übersetzt von Elisabeth Hauptmann".
Es zeigt, [...] dass wir oft die Idee haben von so einer einzelnen Person, die genial ist, auf geniale Sachen kommt und revolutionär denkt. Meistens ist man ja aber immer ein Spiegel der Gemeinschaft, in der man sich aufhält. Und Künstlerinnen und Künstler sind ja oft sehr inspiriert.
Musikstunde Starke Frauen – Geliebt, verehrt, verfemt (1-5)
Mit Ines Pasz
Unbekannte Heldinnen: Alexandra Duleep Singh
Zu Schölers Lieblingsheldinnen aus den letzten 200 Jahren gehört Alexandra Duleep Singh: Sie war Frauenrechtlerin und lebte im 19. Jahrhundert im Dunstkreis des britischen Königshauses. Als Tochter eines verschleppten indischen Sultans wuchs sie sehr privilegiert auf.
Gleichzeitig erlebte sie rassistische Diskriminierung. Ihr Geld und ihren Einfluss setzte sie für die Frauenbewegung ein und vernetzte die britischen und indischen Suffragetten (Frauenrechtlerinnen).
Unbekannte Heldinnen: Eleanor Marx-Aveling
Ebenfalls sehr inspirierend findet Leonie Schöler Eleanor Marx-Aveling, die Tochter von Karl Marx. Sie ergänzte die Beobachtungen ihres Vaters aus Schölers Sicht sinnvoll: auf eine Art und Weise, die heute "intersektionaler Feminismus" heißen würde.
Denn Marx-Aveling beobachtete, dass die Lebenswege und Chancen einer weißen Frau mit Privilegien ganz anders sind als die einer schwarzen Frau, die Tochter einer alleinerziehenden Migrantin ist. Aus ihren Beobachtungen formulierte sie Texte, die laut Schöler auch heute noch relevant sind.
Eleanor Marx: Karls starke Erbin
Drei Töchter hat Karl Marx, Eleanor ist die jüngste von ihnen, geboren am 16.1.1855. Die Übersetzerin und Literatur-Enthusiastin erweist sich als die Kämpferischste.
Frauen hinter männlichen Pseudonymen
Bei der Recherche für ihr Buch schockierte Schöler die Dreistigkeit, mit der berühmte Männer ihr Frauenbild kundgetan haben. Wegen dieses Zeitgeistes versteckten sich viele Frauen mit ihrer Lebensleistung hinter männlichen Pseudonymen: z.B. um über "typisch männliche Themen" wie Politik oder Philosophie zu schreiben oder um schlicht bessere Marktchancen für ihre Werke zu haben.
Ich beschreibe ja auch in meinem Buch, dass Bücher, die von Frauen geschrieben wurden, bis heute zu 85 Prozent von Frauen gelesen werden und Bücher, die von Männern geschrieben wurden, zu 40 bis 50 Prozent von Männern und Frauen gelesen werden. Da merkt man schon, dass sich nach wie vor wenig geändert hat.
Leonie Schöler: Begeisterung für Geschichte
Dieses Zwischenmenschliche, diese Geschichten und die Geheimnisse, ich glaub, das ist das, was mich an Geschichte fasziniert.
Die gut zu präsentieren sei wichtig, um Menschen für Geschichte zu begeistern. Dafür arbeitet sie auch mit Museen und Gedenkstätten zusammen.
Das ist das, was dieses Format und diese Plattform kann: Sie kann keinen Besuch im Museum ergänzen oder ersetzen, sie kann kein Lesen eines Buches ersetzen, aber sie kann ein Impulsgeber sein und das wollte ich auf TikTok erreichen.