Die Energiewende im Land ist in vollem Gange. Ingenieurinnen planen Windräder, Behörden bearbeiten Genehmigungen. Hausbesitzer hängen Solaranlagen an ihre Balkone und Handwerkerinnen montieren sie auf Dächern. Das zeigt sich auch in den Ausbauzahlen. Bis Ende Juni, also in der ersten Jahreshälfte, wurden in Baden-Württemberg rund 62.000 PV-Anlagen mit einer Leistung von 955 Megawatt ans Netz angeschlossen. Außerdem drehen sich 13 neue Windräder im Land, während fünf vom Netz gingen. Damit kamen insgesamt 44 Megawatt Windenergieleistung hinzu. Mit dem daraus produzierten Strom können rund 800.000 weitere Personen mit Energie aus Wind und Sonne versorgt werden. Das geht aus den Daten der Bundesnetzagentur hervor, die das SWR Data Lab ausgewertet hat. Aber reicht das Ausbautempo auch, um die Ziele des Landes zu erreichen?
Solar- und Windkraft bieten das größte Potential, um grünen Strom zu produzieren und damit die Energiewende voranzutreiben. Durch den Solar-Boom der letzten Jahre wurden die Ziele, die das Land für den PV-Ausbau verfolgt, 2023 und 2024 schon vorzeitig erfüllt. Vergangenes Jahr wurden etwa 2.200 Megawatt zugebaut – fast doppelt so viel wie angestrebt. Dieses Jahr konnten von der anvisierten Ausbaumenge von 1.150 Megawatt Photovoltaik-Leistung in den ersten sechs Monaten bereits 83 Prozent erreicht werden.
Zweiter PV-Boom
Bereits im Jahr 2011 gab es, bedingt durch niedrige Modulpreise und hohe Förderungen, einen ersten PV-Boom. Wegen veränderter Regularien verlief der Ausbau der PV im Land danach lange verhalten - bis sich das Zubautempo 2022 aufgrund der Energiekrise und der gesteigerten Nachfrage nach unabhängiger Energieerzeugung stark beschleunigt hat. Diese zweite Boomphase hält bis heute an. In Baden-Württemberg kam zusätzlich 2022 eine Solarpflicht für Neubauten hinzu. Bundesweit hat die Ampelregierung mit verschiedenen Maßnahmen den PV-Ausbau weiter beschleunigt.
Doch ein Blick auf die Ausbauziele für die kommenden Jahre macht deutlich, dass trotz des Solarbooms der Ausbau weiter vorangetrieben werden muss. Denn um die Klimaziele des Landes zu erreichen, müssten bis zum Jahr 2030 bereits 24.600 Megawatt Leistung durch Solaranlagen installiert sein. Dafür muss allein in den nächsten fünf Jahren fast so viel Leistung hinzugebaut werden, wie in den letzten 20 Jahren. Bis 2040 muss sich die aktuell installierte Leistung mehr als verdreifachen.
Dabei deutet eine Analyse der zugebauten PV-Leistung in der ersten Jahreshälfte bereits auf eine Abflachung des Ausbautempos hin. Dieses Jahr wurden bislang weniger Solaranlagen registriert als im selben Zeitraum im Jahr davor. Und das, obwohl nach den Ausbau-Plänen der Landesregierung ab 2026 jährlich 2.530 Megawatt installiert werden müssten.
"Normalisierung nach zwei verrückten Jahren"
Der Wirtschaftsingenieur Tobias Kelm sieht in dem Rückgang des Tempos noch kein Problem für das Erreichen der langfristigen Ziele. Seit 2007 verfolgt er am Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung in Stuttgart die Energiewende. Das abgeflachte Ausbautempo könnte für ihn auf eine "Normalisierung des Marktes nach verrückten zwei Jahren" hindeuten.
Ähnlich sieht man es im Umweltministerium. Eine Pressesprecherin schreibt auf Anfrage, dass die Sorge um die Versorgungssicherheit durch die Energiekrise nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine wieder etwas abgeflacht sei. Außerdem hätte der Bruch der Ampelkoalition und die damit unsicheren Förderbedingungen von PV-Anlagen zum Abflachen des Ausbautempos beigetragen. Die Landesregierung geht jedoch davon aus, dass die Ausweisung von geeigneten Flächen für PV- und Windkraftanlagen, die bis Herbst abgeschlossen sein soll, den Zubau wieder beschleunigen könnte.
Auch der Forscher Kelm sieht noch nicht abschließend ein Ende des PV-Booms. Insbesondere, weil die Entwicklung von vielen Unbekannten geprägt sei, wie den Strompreisen oder Kosten für Photovoltaikmodule. Er sieht das Land auf Kurs, sein Ziel für 2030 zu erreichen. Eine längerfristige Prognose will der Forscher aber wegen der vielen Unsicherheiten nicht abgeben.
Zudem gebe es laut Kelm noch einige Baustellen beim PV-Ausbau. So werde inzwischen an sonnigen Tagen mit wenig Stromnachfrage so viel Solarenergie produziert, dass Anbieter nicht nur kein Geld für ihren Strom bekommen, sondern sogar für die Netzeinspeisung bezahlen müssten. Auch eine mögliche Überlastung des Netzes durch die vielen kleinen Anlagen sei noch ein Problem. Insbesondere intelligente Batteriespeicher und dynamische Preise könnten Abhilfe schaffen, sagt Kelm.
Windkraftausbau noch schleppend
Anders als bei Solaranlagen verläuft der Ausbau von Windrädern in Baden-Württemberg seit Jahren schleppend. Insgesamt gibt es inzwischen im Land über 800 Windräder. Im vergangenen Jahr kamen 21 Anlagen dazu. Dieses Jahr waren es bisher nur acht. Nötig wären etwa 160 weitere Anlagen in der zweiten Jahreshälfte, um das gesteckte Ziel von 2900 Megawatt für 2025 zu erreichen. Bis 2040, also in den nächsten 15 Jahren, soll sechs Mal so viel Leistung installiert werden wie in den vergangenen 25 Jahren.
Doch auch bei dem Ausbau der Windkraftanlagen haben die Energiekrise und die daraufhin von der Ampelregierung beschlossenen Gesetze für Dynamik gesorgt. Aufgrund der langen Planungszeiträume für Windanlagen ist die Beschleunigung jedoch noch nicht sichtbar, wenn man auf die installierte Leistung im Land blickt. Anders sieht es aus, wenn man die Windräder im Planungsverfahren hinzuzieht.
Denn bis Windräder ans Netz angeschlossen werden können, durchschreiten sie verschiedene Phasen. Flächen müssen identifiziert, Planungen und Artenschutzprüfungen durchgeführt, Anträge gestellt, Genehmigungen erteilt und die Finanzierung gesichert werden. Erst dann kann der Bau beginnen. Im Schnitt dauert der gesamte Prozess noch rund sieben Jahre. In manchen der Ausbauschritte gibt es jedoch erhebliche Fortschritte.
Windräder werden mehr als drei Mal schneller genehmigt
Während die Genehmigungsverfahren nach Angaben des Umweltministeriums im Jahr 2021 durchschnittlich noch etwa dreieinhalb Jahre gedauert haben, erteilten die Landratsämter im ersten Quartal dieses Jahres innerhalb von 8,3 Monaten den Projektentwicklern eine Zu- oder Absage für den Anlagenbau. Laut Ministerium hätten beispielsweise die Digitalisierung der Verfahren und die Einführung eines Leitfadens zu der schnelleren Bearbeitung der Anträge beigetragen.
Zusätzlich setzt die Landesregierung auf die Bestimmung von sogenannten Vorrangflächen. Bis Ende September sollen die 12 Regionalverbände im Land geeignete Flächen für Windkraftanlagen ausweisen. Mindestens 1,8 Prozent der Landesfläche sollen gemäß den Vorgaben des Bundes dabei für Windräder eingeplant werden. So sollen Planer leichter Windradprojekte umsetzen können und sich so die Bauvorhaben zusätzlich beschleunigen.
Ein Blick auf die Anlagenplanungen zeigt, wie sich der Bau in Zukunft entwickeln könnte: Nach Angaben der Landesanstalt für Umwelt seien 140 Windräder bereits genehmigt. Es wurden zudem Genehmigungen für weitere 563 Anlagen beantragt und für 587 die Anlagenplanungen vorgestellt.
Nicht alle geplanten Anlagen werden auch gebaut
Damit sieht die grün-schwarze Landesregierung ihr im Koalitionsvertrag festgehaltenes Ziel als erreicht an, "die Voraussetzungen für den Bau von bis zu 1.000 neuen Windkraftanlagen zu schaffen". Wie viele der geplanten Anlagen tatsächlich gebaut werden, ist jedoch unsicher. Denn Anlagenpläne können fallengelassen, Anträge nicht gestellt oder abgelehnt werden. Beispielsweise wurden bis Ende Juni für mehr als ein Drittel der geplanten Windräder, für die 2022 oder 2023 die Planung vorgestellt wurde, noch keine Genehmigungsanträge gestellt. Zudem wurden in den Jahren 2023 und 2024 Genehmigungsanträge für etwa 15 Prozent der geplanten Anlagen wieder zurückgezogen.
Auch die fehlende Akzeptanz in der Bevölkerung kann über Bürgerentscheide dazu führen, dass von den 1290 "geplanten" Anlagen bei weitem nicht alle gebaut werden können. Dazu schreibt das Umweltministerium auf Anfrage: "Die tatsächliche Umsetzung und der Bau von genehmigten Windenergieanlagen liegt nicht in der Hand der Landesregierung, trotzdem halten wir die Zielerreichung für das Jahr 2030 für möglich".