In Metzingen besichtigt der grüne Spitzenkandidat KI-gesteuerte Roboter. Er witzelt über einen vorbeifahrenden Reinigungsroboter ("das wär doch was für den schwäbischen Markt in Sachen Kehrwoche"), probiert einen intelligenten Greifarm aus, der auf Kommando ein Plüschtier hochheben kann, und erfreut sich an einer schwäbisch schwätzenden KI. "Mir schaffe, schaffe, baue und tüftle so lang, bis alles perfekt isch", sagt die Computerstimme. Ein Satz, der auch von Özdemir stammen könnte.
Wenn es nur um ihn als Person ginge, wäre die Sache einfach für Cem Özdemir: Könnten die Menschen in Baden-Württemberg den Ministerpräsidenten direkt wählen, würden sich 41 Prozent für ihn entscheiden, den Ex-Bundeslandwirtschaftsminister und Ex-Chef der Bundesgrünen. CDU-Landes- und Fraktionschef Manuel Hagel müsste sich mit nur 17 Prozent geschlagen geben.
Özdemirs Problem ist die Partei
Özdemirs Problem ist derzeit seine Partei: Die Grünen lagen im BW-Trend zuletzt mit 20 Prozent nur noch auf Platz drei, hinter CDU (29 Prozent) und AfD (21 Prozent). Der scheidende Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) macht dafür vor allem die Bundespolitik verantwortlich - "der Absturz der Ampel, der Absturz im öffentlichen Ansehen von Robert Habeck, das sind die Gründe, die da einfach durchschwingen", so Kretschmanns Erklärung in der Sendung "Zur Sache Extra". Özdemir selbst war Teil der gescheiterten Ampel. Jetzt sagt er: "Hier stehen die Grünen Baden-Württembergs zu Wahl. Nicht die Grünen in Berlin oder anderswo."
Wer diese Grünen im Land sind, und wer er selbst ist oder sein will, das verpackt Özdemir gerne in Geschichten. Das ist zum Beispiel die Geschichte von vier Abteilungsleitern im Bundeslandwirtschaftsministerium, die keine Grünen-Parteimitglieder waren, und die Özdemir trotzdem nicht entlassen hat - was einer von ihnen laut Özdemirs Erzählung kaum fassen konnte. Oder die Geschichte von seiner kurzen Doppelrolle als Landwirtschafts- und Bildungsminister: "Baden-Württemberger können sowas, zwei Minischterien, ein Gehalt." Der schwäbische Zungenschlag ist ein Muss, der Lacher garantiert. Es sind Erzählungen, in denen Özdemir die Rolle des ideologiefreien Pragmatikers innehat: Vernünftig, schaffig, bodenständig. So schwäbisch, wie es nur geht.
Ein Bub aus Bad Urach mit fremd klingendem Namen
Eine dritte Geschichte besteht nur aus einem Wort. Özdemir erzählt sie, indem er sich selbst als "Ötzel-Brötzel" bezeichnet. Es ist die Geschichte eines Buben aus Bad Urach, mit fremd klingendem Namen und einem anderen Teint als die anderen. Der sich Spott zu eigen gemacht hat, um ihn zu besiegen. Nennt mich doch, wie ihr wollt, sagt die Geschichte. Ich lasse mich nicht unterkriegen.
Die Özdemir-Erzählung scheint zu funktionieren. Er hat rund 170.000 Follower auf Instagram - weit mehr als die anderen Spitzenkandidierenden. Über eine gute Million Klicks für ein Video über Butterbrezeln wundert der Spitzenkandidat sich selbst: "In was für Zeiten leben wir?" philosophiert er mit dem Robotik-Unternehmer aus Metzingen, der ihm - na klar - Butterbrezeln serviert. Entbürokratisierung, Modernisierung der Wirtschaft, das bringe schöne Zeitungsartikel - "dann machst Du ein Video über die Brezel - eine Million Leute schauen das an." Nach einer Podiumsdiskussion in Stuttgart wollen etliche Fans Selfies mit ihm. Özdemir erfüllt geduldig alle Wünsche. Ein Polit-Promi zum Anfassen.
Das Thema Klima spielt nur eine Nebenrolle
Ein klassisches Grünen-Thema stört da nur. Verweise aufs Klima streut Özdemir höchstens in homöopathischen Dosen ein. Ein Nebensatz hier, ein Teil einer Aufzählung dort. Als bei der Podiumsdiskussion mit dem Titel "Für ein neues Miteinander" ein Zuschauer nach Klimapolitik fragt, reagiert der Grünen-Spitzenkandidat schroff: "Heute Abend haben wir halt ein anderes Thema, das gibt’s, so ist die Demokratie. Es hat ja auch was mit Höflichkeit zu tun, dass man auf die Fragen antwortet, und zu den Themen spricht, die halt angesetzt sind." Özdemir könnte jetzt noch Gedanken zur Klimapolitik anfügen. Er tut es nicht.
Und bleibt damit konsequent bei seiner Wahlkampfstrategie, die er kurz zuvor so skizziert hat: Ein Teil des progressiv-liberalen Spektrums diskutiere über Themen, die nicht die Sorgen der Mehrheit seien, zum Beispiel darüber, ob ein bestimmtes Wort durch ein noch anderes Wort ersetzt werden sollte. "Voraussetzung dafür, dass man eine Wahl gewinnt, und sich dann auch mit allen möglichen Spezialthemen beschäftigen kann, ist doch erstmal: Dass ich mich an den Themen der Mehrheit orientiere, sie auch zu meinen Themen mache und eigene Antworten präsentiere." Als Mehrheitsthema hat Özdemir Wirtschaft und Arbeitsplätze identifiziert. Aber natürlich werde er andere Antworten geben als die anderen Parteien. "Ich werde grüne Antworten geben."
Radikales liegt Özdemir fern
Allzu linke Antworten sind dagegen nicht Özdemirs Fall. Derzeit kommen sie hauptsächlich von der Partei "Die Linke", die im aktuellen BW-Trend sieben Prozent erreicht hat und vor allem bei jungen Leuten ankommt. Über die Konkurrenz von links sagt Özdemir im SWR-Interview: "Ich kenne die Linkspartei in Baden-Württemberg nicht. Das ist, glaube ich, ein Sammelsurium von sehr radikalen Positionen."
Radikales liegt ihm fern. Klimarettung und soziale Gerechtigkeit sollen im Idealfall verborgen im Gewand des Wirtschaftswachstums kommen. Die Methode Kretschmann 2.0.