Neuer Regierungschef soll im Landtag gewählt werden

Cem Özdemir: Der unwahrscheinliche "Minischderpräsident" von Baden-Württemberg

Cem Özdemir will in Baden-Württemberg das Amt des Ministerpräsidenten von Winfried Kretschmann übernehmen. Sein Weg dahin war nicht vorgegeben und die Herausforderungen sind groß.

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Von Autor/in Julia Kretschmer

Cem Özdemir (Grüne) soll am heutigen Mittwoch im baden-württembergischen Landtag zum Ministerpräsidenten des Landes gewählt werden - aber der Weg dorthin war lang: Sohn türkischer Gastarbeitereltern, aufgewachsen im schwäbischen Bad Urach (Kreis Reutlingen), Grüner seit der Jugend. Jetzt an der Spitze eines Landes, das für Autoindustrie, Mittelstand und schwäbische Bodenständigkeit steht.

Dass einer mit dem Namen "Cem Özdemir" hier Ministerpräsident werden kann, wäre vor 30 Jahren kaum vorstellbar gewesen. Dass sich das geändert hat, gehört zu Özdemirs Erfolg. Zufall war es nicht. Im Landtagswahlkampf wird Özdemirs Schwäbisch von Monat zu Monat breiter, er will "Minischderpräsident" werden, nennt sich "anatolischer Schwabe". Das ist nicht nur Folklore, sondern eine politische Botschaft: Ich komme nicht nur zurück, ich gehöre hierher.

Cem Özdemir: Bad Urach als Anfang

Sein politischer Werdegang beginnt nicht in Berlin, sondern am Rand der Schwäbischen Alb. 1965 in Bad Urach geboren, lernt Özdemir früh, was Zugehörigkeit bedeutet und dass sie nicht selbstverständlich ist. Nach der Grundschulzeit schafft er es zunächst nur auf die Hauptschule, kämpft sich hoch.

Dass Özdemir schon früh bei den Grünen landet, wundert im Rückblick kaum. Als Jugendlicher stellt er mit Freunden Mülltonnen auf, um Aluminium und Batterien zu sammeln und diese zu recyclen. Anfang der 80er-Jahre setzt er sich dafür ein, dass die alten Gleise der Ermstalbahn nicht abgebaut werden. Heute fahren dort wieder elektrifizierte Züge.

Für seine Eltern ist nicht alles einfach, was der Sohn in dieser Zeit macht. Dass er als Mann Erzieher wird, Sozialpädagogik studiert, die deutsche Staatsbürgerschaft annimmt, Vegetarier wird. Und dass er eben den Grünen beitritt, nicht etwa der SPD.

Aufstieg und Fall im Bundestag

1994 zieht Özdemir erstmals in den Bundestag ein. Gerade einmal 28 Jahre alt, einer der beiden ersten Abgeordneten mit türkischen Wurzeln. In einem Fernsehbeitrag sagt er damals, er sehe sich nicht als "Lobbyist der Türken". Vielmehr wolle er Brücken schlagen zwischen Menschen verschiedenster Abstammung.

Schon damals spielt Özdemir mit seiner Herkunft, nennt sich "Spätzles-Türke", spricht später von seinem "Ötzelbrötzel"-Namen. Eine Strategie, die sich durch seine politische Karriere zieht: Er macht Herkunft sichtbar, lässt sich aber nicht auf sie reduzieren.

In Bonn wird Özdemir schnell bekannt. Er kann reden und verkörpert eine neue Bundesrepublik. Doch genau diese frühe Symbolkraft wird zur Last. 2002 kommt der politische Absturz. Dienstlich gesammelte, aber privat genutzte Bonusmeilen. Dazu ein Privatkredit des PR-Beraters Moritz Hunzinger. Sein frisch verteidigtes Bundestagsmandat nimmt Özdemir nicht mehr an, verschwindet vorerst aus der Politik.

Die Rückkehr aus der zweiten Reihe

Dass Özdemir heute Ministerpräsident werden kann, hat vielleicht gerade mit diesem Scheitern zu tun. Wegbegleiter wie Claudia Roth oder Boris Palmer sagen, genau daran sei Özdemir gewachsen. Da habe er gelernt, korrekt und präzise zu sein. Und dass er damals Konsequenzen gezogen habe, mache ihn glaubwürdig.

Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann (l, Bündnis 90Die Grünen), und der Vorsitzende von Bündnis 90Die Grünen, Cem Özdemir, unterhalten sich am 28.09.2013 in Berlin während des Länderrates der Partei (Archiv).
Winfried Kretschmann, auch damals schon Ministerpräsident von Baden-Württemberg, und Cem Özdemir, damals Vorsitzender der Grünen, 2013 in Berlin. picture alliance / dpa | Soeren Stache

Nach dem Absturz geht es 2004 ins Europaparlament. Von Straßburg aus arbeitet er sich zurück, wird 2008 Bundesvorsitzender der Grünen. Erst zusammen mit Claudia Roth, dann mit Simone Peter. 2009 verpasst er den erneuten Einzug in den Bundestag, auch weil die Südwest-Grünen ihn nicht auf die Landesliste wählen. 2013 gelingt dann die Rückkehr, später gewinnt er sein Direktmandat in Stuttgart sogar direkt. Aus dem jungen Politiker ist ein erfahrener Machtpolitiker geworden.

Özdemir: Herkunft ist nicht Loyalität

Dass Özdemir mehr ist als ein geschmeidiger Pragmatiker, zeigt die Armenien-Resolution des Bundestags 2016. Özdemir gehört zu den treibenden Kräften. Der Bundestag benennt den Massenmord an den Armeniern im Osmanischen Reich als Völkermord.

Für Özdemir ist das politisch und persönlich heikel. Aus der Türkei und aus türkisch-nationalistischen Milieus kommt massiver Druck, sogar Morddrohungen. Özdemir weicht nicht zurück.

In der Ampel: Der Landwirtschaftsminister und die Bauernproteste

Wie schwierig die Balance in der Politik ist, erlebt Özdemir später auch als Bundeslandwirtschaftsminister in der Ampel-Regierung. Seine Bilanz bleibt überschaubar, Kritiker werfen ihm starke Worte und nur wenige Ergebnisse vor.

Dann kommen die Bauernproteste: Agrardiesel, Bürokratie, Zukunftsangst. Und das Gefühl, von der Politik nicht verstanden zu werden. Özdemir stellt sich dieser Wut. Er verteidigt die Bundesregierung, kritisiert sie aber auch an manchen Stellen. Später sagt er, die Proteste seien berechtigt gewesen, die Sparbeschlüsse seien ohne Rücksprache mit den Bauern zustande gekommen.

Landtagswahl BW 2026: Ein Wahlkampf mit wenig Grün

In Baden-Württemberg führt Özdemir keinen Wahlkampf für das grüne Kernmilieu. Im Mittelpunkt steht die Person, nicht die Partei. Das Grün der Wahlplakate könnte dunkler nicht sein, der Parteiname taucht nicht auf. Lediglich eine Sonnenblume, das Symbol der Grünen, ist winzig klein in der Ecke.

So porträtierte der SWR Cem Özdemir vor der Landtagswahl 2026 in Baden-Württemberg:

Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir

Özdemir kann mit Menschen sprechen, die den Grünen sonst nur wenig abgewinnen können. Für seine Partei ist das Stärke und Zumutung zugleich. Er ist offen gegenüber Migration, fordert aber auch Ordnung und Steuerung. Er spricht über Klimaschutz, aber genauso oft über Wettbewerbsfähigkeit und Flexibilität beim Verbrenner-Aus. Sein Motto im Wahlkampf: "Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft".

Özdemir gehört zu den Realos seiner Partei. Zu jenen Grünen also, die Kompromisse nicht als Verrat betrachten, sondern als Voraussetzung politischer Macht. Dadurch ist er anschlussfähig. In Baden-Württemberg ein Erfolgsrezept, vorgelebt von Özdemirs Vorgänger Winfried Kretschmann.

Dennoch war Özdemirs Wahlsieg wohl noch einen Monat vor der Landtagswahl für viele kaum mehr als unwahrscheinlich. Zu groß der Abstand zur CDU. Dann die Aufholjagd und der Sieg.

Özdemir als neuer Ministerpräsident: Worauf es jetzt ankommt

Die eigentliche Prüfung für Özdemir heißt nun tatsächlich "Wirtschaft". Baden-Württemberg lebt von der Autoindustrie, vom Maschinenbau, vom Mittelstand. Doch genau diese Stärken stehen massiv unter Druck. Özdemir muss beweisen, dass er als grüner Ministerpräsident die Balance findet zwischen Wirtschaft und Klimaschutz, Fortschritt und Stabilität.

Bei der Vorstellung der grünen Ministerinnen und Minister am Montag hat Özdemir bereits deutlich gemacht, dass er weiter plant als bis zum Ende dieser Legislatur. In fünf Jahren will er wieder antreten. Aus dem unwahrscheinlichen "Minischderpräsidenten" soll der nächste Landesvater werden.

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Autor/in
Julia Kretschmer
Julia Kretschmer Portrait SWR Volontärin 2022

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