NS-Zwangsforschung in Baden-Württemberg

Von Heidelberg bis Grafeneck: Eine Datenbank zeigt Opfer und Orte von NS-Medizinverbrechen

Wer Kliniken, Pflegeheime oder Universitäten in Baden-Württemberg betritt, begegnet oft Orten der NS-Zwangsmedizin. Eine neue Datenbank zeigt, was den Opfern angetan wurde und von wem.

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Von Autor/in Julia Nestlen

Am 18. August 1939 begannen die Nationalsozialisten mit der systematischen Ermordung von Kranken und Menschen mit Behinderungen. Viele von ihnen sowie tausende KZ-Häftlinge wurden zuvor für medizinische Forschung missbraucht. Diese wird auch Zwangsforschung oder Zwangsmedizin genannt.

Im Sommer 1944 sitzt der 13-jährige "Dolfi" mit seinem Bruder zusammen. Gemeinsam träumen sie vom Kriegsende, von Freiheit und vom Wiedersehen mit ihren Eltern. Sein Bruder erinnert sich später:

Ich werde diesen Besuch mein Leben lang nicht vergessen. Er strahlte vor Freude. (...) Erst als ich ihm am Abend sagen musste, dass ich ins Internat zurückkehren müsse, brach er zusammen: ‚Nimm mich mit! Nimm mich mit! Sie sind hier so gemein zu mir!‘

Wenige Wochen später wird "Dolfi" Opfer der nationalsozialistischen Krankenmorde. In der Heil- und Pflegeanstalt Eichberg (Hessen) wird er 1944 getötet. Sein Gehirn wird zur "wissenschaftlichen Auswertung" nach Heidelberg geschickt.

Adolf Naudascher: Ein NS-"Euthanasie"-Opfer von vielen

Adolf "Dolfi" Naudascher entwickelte sich als Kind zunächst normal, bis er mit fünf Monaten an Meningitis erkrankte - einer Entzündung der Hirnhäute, meist verursacht durch Bakterien oder Viren. Bei Säuglingen kann die Erkrankung schwer verlaufen und bleibende Folgen wie Entwicklungsverzögerungen, Lern- und Motorikstörungen, Sinnesbeeinträchtigungen oder epileptische Anfälle hinterlassen.

Laut Krankenakten lernte "Dolfi" spät sprechen, war motorisch eingeschränkt, und eine Körperhälfte war deutlich schwächer. Das Pflegepersonal beschreibt ihn als musikalisch, sozial und freundlich.

Nach den Bombenangriffen auf Mannheim kam "Dolfi" in die protestantische "Erziehungs- und Pflegeanstalt für Geistesschwache" in Mosbach (Neckar-Odenwald-Kreis). Dort wurde er im Schwarzacher Hof untergebracht, einer 1936 eröffneten Abteilung für Kinder, die als "nicht erziehbar" galten. Heute gehört der Schwarzacher Hof zur Johannes-Diakonie Mosbach. Er liegt im Ortsteil Unterschwarzach, etwa 20 Kilometer nordwestlich der Stadt.

In Heidelberg wurde Adolf Naudacher Opfer medizinischer Zwangsforschung

Am 9. Mai 1944 kam "Dolfi" in die Heidelberger Universitätsklinik und wurde Teil des berüchtigten Forschungsprogramms von Professor Carl Schneider. Unter dem Deckmantel "Wissenschaft" wurden Kinder systematisch körperlich und psychologisch untersucht - bis hin zu schmerzhaften Eingriffen.

Rektor Professor Wilhelm Groh (Mitte mit Rektoratsmedaille) mit den Dekanen der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Von links nach rechts: Prof. Eduard Bötticher, Prof. Karl Engisch, Prof. Odenwald, Wilhelm Grohe, Prof. Hermann Güntert, Prof. Carl Schneider und Prof. Heinrich Vogt.
Schon auf einem Bild von 1936 ist Prof. Carl Schneider (2. v. re.) zusammen mit Kollegen zu sehen: Rektor Professor Wilhelm Groh (Mitte mit Rektoratsmedaille) mit den Dekanen der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Von links nach rechts: Prof. Eduard Bötticher, Prof. Karl Engisch, Prof. Odenwald, Wilhelm Grohe, Prof. Hermann Güntert, Prof. Carl Schneider und Prof. Heinrich Vogt. picture alliance / SZ Photo | Scherl

Ziel war es, Krankheitsbilder mit angeblicher "erblich bedingter Intelligenz" zu verknüpfen. Eine Forschung, die den Mord an den Kindern bereits einplante. Ende Juli 1944 wurde "Dolfi" in die Heil- und Pflegeanstalt Eichberg verlegt.

Einen Monat nach dem Besuch seines Bruders wurde er dort getötet; sein Gehirn gelangte zur weiteren "Forschung" zurück nach Heidelberg. Briefe zeigen, dass sein Vater der NS-"Euthanasie" ausdrücklich nicht zustimmen konnte beziehungsweise wollte.

1943/44 wurden mindestens 21 Kinder zur "Forschung" in die Heidelberger Universitätsklinik aufgenommen und 1944 nach Eichberg verlegt, wo sie ermordet wurden. Heute erinnern Stadt und Klinik jährlich an diese Kinder.

Screenshot einer Landkarte, die nationalsozialistische Medizinverbrechen verzeichnet
Die Karte des Projekts macht solche Orte sichtbar und zeigt das Ausmaß sowie die geografische Verteilung nationalsozialistischer Medizinverbrechen. Markiert ist die Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen, wo in der NS-Zeit Patientinnen und Patienten Opfer von Zwangssterilisationen, Deportationen und systematischer Vernachlässigung wurden. Screenshot / https://ns-medical-victims.org/map / OpenStreetMap

Tausende Opfer und Orte medizinischer Zwangsforschung und systematischer Ermordung in Baden-Württemberg

Wer heute in Baden-Württemberg an Universitätskliniken behandelt wird, an Psychiatrien vorbeifährt oder über die Schwäbische Alb wandert, bewegt sich häufig an Orten, an denen die Medizin in der NS-Zeit Mittäterin an Opfern wie Adolf Naudascher war.

Auch an der Universität Tübingen verwischten die Grenzen zwischen Heilkunst, Forschung und Verbrechen. Das Anatomische Institut erhielt in der Zeit des Nationalsozialismus zahlreiche Leichen. Viele stammten von Justizopfern oder von Menschen, die der NS-Medizin zum Opfer gefallen waren.

Die neue Aula der Eberhard Karls Universität in Tübingen, 1930er Jahre
Die neue Aula der Eberhard Karls Universität in Tübingen, 1930er Jahre. United Archives

Ein Beispiel: der jüdische Kaufmann Josef Bukofzer, der nach antisemitischer Verfolgung hingerichtet und dessen Körper anschließend für Ausbildungs- und Forschungszwecke missbraucht wurde. Auf dem Tübinger Stadtfriedhof erinnert das "Gräberfeld X", das lange Zeit ein anonymer Sammelort war, an diese Opfer.

Biomedizinische "Studien" an Kindern in Mulfingen

Maria Winter, geboren 1931, war eines der Kinder im katholischen Kinderheim St. Josefspflege in Mulfingen (Hohenlohekreis). Während der NS-Zeit wurde sie, wie viele andere Kinder dort, Opfer biomedizinischer Forschung.

Das Kinderheim in Mulfingen wurde ab 1938 zum Sammelort für schulpflichtige Sinti-Kinder aus Württemberg, deren Eltern häufig deportiert worden waren. Die Psychologin Eva Justin nutzte die Kinder ab 1943 als Versuchspersonen für ihre Dissertation und empfahl unter anderem Zwangssterilisationen.

Am 12. Mai 1944 wurden fast alle Kinder - insgesamt 39 - in das KZ Auschwitz-Birkenau deportiert, nur vier überlebten. Heute existiert die Einrichtung unter dem Namen St. Josefspflege Mulfingen gGmbH weiterhin, bietet Betreuung und Förderung für Menschen mit Behinderungen an. Eine Gedenktafel erinnert an die Opfer während der NS-Zeit.

Grafeneck: Beginn des industriellen Mordens

Neben Einrichtungen, die direkt in nationalsozialistische Medizinverbrechen verstrickt waren, gab es in Baden-Württemberg zahlreiche weitere Häuser, die das System mitgetragen haben.

Auf der Schwäbischen Alb bei Gomadingen (Landkreis Reutlingen) liegt Schloss Grafeneck. Ab 1940 war es die erste zentral betriebene NS-Tötungsanstalt. Im Rahmen der Aktion "T4" wurden hier Tausende psychisch kranke und behinderte Menschen vergast. Ihre Leichen wurden im Krematorium verbrannt.

Weißenau: Deportationen, Hungerdiäten, tödliche Medikamente

Von Einrichtungen in Weinsberg (Landkreis Heilbronn), Weißenau (Stadt Ravensburg) und weiteren rollten die sogenannten "grauen Busse" - Fahrzeuge, die während der NS-Zeit genutzt wurden, um Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen in Tötungsanstalten oder Vernichtungslager zu transportieren, darunter Grafeneck und Hadamar (Hessen).

Auch nach dem formalen Stopp der Vergasungen 1941 setzten Hungerdiäten und die Verabreichung tödlicher Medikamente das Töten in den Häusern fort.

Neue Datenbank dokumentiert Täter und Opfer

Bislang gab es keine umfassende Datenbank, die NS-Opfer im medizinischen Kontext systematisch erfasst und beschreibt, was den Menschen angetan wurde und von wem.

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina und die Max-Planck-Gesellschaft wollen dies nun mit der Datenbank "Victims of Biomedical Research under National Socialism" ändern und den Opfern ihre Geschichte zurückgeben.

Datenbank als Instrument gegen das Vergessen

Bisher hat das Forschungsteam um den Historiker Paul Weindling von der Oxford Brookes University 366 Versuchsreihen unethischer Experimente und 30.274 Opfer identifiziert. Die Datenbank ermöglicht, dass Opfer mit mehreren Versuchsreihen und Orten identifiziert und verknüpft werden können.

Ähnlich wie mit den goldfarbenen Stolpersteine im Bürgersteig sollen die NS-Opfer sichtbar gemacht und gewürdigt werden.

Es wird ihnen dadurch ein Teil ihrer menschlichen Würde zurückgegeben. Der Gedanke dahinter ist: Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist. Was im Talmud steht.

Vorgängerin der Max-Planck-Gesellschaft beteiligte sich an Zwangsexperimenten

Die Max-Planck-Gesellschaft setzt sich auch kritisch mit ihrer lange verschwiegenen Vergangenheit auseinander. Mitarbeitende des Vorläufers, der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, hatten an 1.700 Gehirnen ermordeter Menschen mit geistigen Behinderungen geforscht. Professor Carl Schneider, dessen Opfer unter anderem Adolf "Dolfi" Naudascher war, war ebenfalls mit der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft verbunden.

Auch in den letzten zehn Jahren wurden in Archiven und Kartons noch Proben von Gehirnen gefunden, die unter anderem mutmaßlich von ihm untersucht worden waren. Forschungsergebnisse auf deren Basis lieferten laut Heinz Wässle, emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Hirnforschung, jedoch kaum bahnbrechende Erkenntnisse in der Hirnforschung.

Zugang zu Akten war oft schwierig

Die Max-Planck-Gesellschaft investierte in den vergangenen 20 Jahren bis zu fünf Millionen Euro in die Datenbankforschung. Die Arbeit war aufwändig, nicht zuletzt, weil viele Akten zerstört worden waren. Laut Paul Weindling unterstützten einige Archive wie das Bundesmilitärarchiv Freiburg die Forschung, andere wie das Bundesfinanzministerium erschwerten den Zugang. Das Bundesarchiv Koblenz habe die Arbeit sogar mehrfach behindert.

Als Begründung sei oft Datenschutz genannt worden. Trotzdem konnte das Forschungsteam Nachkommen und Angehörige der Opfer finden.

Manche Familien war überhaupt nicht mehr bewusst, dass ein Mitglied eben der NS-"Euthanasie" zum Opfer gefallen ist. Und diese Familien waren natürlich wirklich glücklich, dass sie dadurch erfahren haben, was da geschehen ist.

In den kommenden Jahren soll die Datenbank weiter ergänzt werden. Angehörige und Nachfahren sind eingeladen, die Geschichten der Opfer der unethischen biomedizinischen Experimente der Nationalsozialisten mitzutragen.

Neue Datenbank zu Zwangsmedizin Opfer der NS-Medizin: „Diese Datenbank ist ein digitales Mahnmal“

Bisher stand die Täterseite im Fokus, wenn es um die NS-Verbrechen in der Medizin geht. Eine interaktive Datenbank dokumentiert nun 16.000 Opfer – und rückt sie damit ins Zentrum.

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Erstmals publiziert am
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Julia Nestlen
Onlinefassung
Leila Boucheligua

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