Seit Februar muss Thomas Walter Schuhe anziehen, um seine Frau Jacqueline zu sehen. Die 58-Jährige wohnt in einem Pflegeheim in Stuttgart ein paar Straßen weiter, auf der geschlossenen Demenz-Station. "Ich habe den Eindruck, für alle ist es jetzt einfach besser so", sagt Walter vor dem Pflegeheim. "Auch wenn es für Jacqueline am Anfang schon sehr hart war, raus aus dem Haus, aus der Wohnung, aus der gewohnten Umgebung. Aber ich denke, es war die beste Lösung."
Die Diagnose Demenz kam vor drei Jahren, da war seine Frau Mitte 50 und stand voll im Leben: Sie war Psychotherapeutin mit eigener Praxis. "Das war ein Schock", erinnert sich Thomas Walter. Auf Anraten der Ärzte haben sie die Praxis sofort geschlossen. Wenig später kam seine Frau aber auch zu Hause nicht mehr klar, konnte sich nichts mehr kochen und fand sich nicht mehr zurecht. Thomas Walter stellte Pflegekräfte ein, bis auch das nicht mehr ging und er einen Platz im Pflegeheim organisierte. "Ich habe lange damit gehadert, das zu machen. Aber es war eine gute Entscheidung", sagt er. Nun kann er nachts wieder schlafen.
Pflegeheimkosten in acht Jahren verdoppelt
Sorgen bereitet ihm jetzt die finanzielle Belastung: 6.500 Euro kostet das Einzelzimmer seiner Frau. Die Pflegekasse übernimmt nur einen Teil davon. Den Großteil muss Thomas Walter selbst zahlen, im ersten Jahr sind das rund 4.200 Euro pro Monat. "Das ist ein Haufen Geld, das kann man nicht eben so stemmen", sagt Walter. Und das, obwohl er selbstständig ist und gut verdient. Aber auch er habe die Ersparnisse anzapfen müssen, die als Altersvorsorge für beide geplant waren. "Im Moment ist es schon noch machbar, aber man weiß ja nicht, wie lange sowas ist. Es ist ja häufig so, dass man mal noch zehn Jahre in so einem Heim verbringt und da kommen natürlich schon Beträge zusammen."
In diesem Monat wurden plötzlich 2.000 Euro mehr abgebucht, erzählt Walter. "Völlig unangekündigt, man hat ja nicht immer so viel Geld auf dem Girokonto liegen." Der Grund: Der Eigenanteil, den Pflegeheimbewohner bzw. ihre Angehörigen leisten müssen, ist erneut gestiegen. Im Vergleich zum Vorjahr um 256 Euro, so der Verband der Ersatzkassen. Thomas Walter hat die Differenz rückwirkend tragen müssen. Aber er stemmt die Kosten, weil er seiner Frau einen guten Platz ermöglichen will.
Zuwendung und Sicherheit
Seine Frau - kurze, dunkle Haare, die Jacke und Hose in ihrer Lieblingsfarbe Rot - steht verloren mitten im Aufenthaltsraum ihrer Wohngruppe. Walter begrüßt sie mit einem Kuss, legt den Arm um sie und fragt: "Du hast eine Jacke an. Ist dir kalt?" Sie nickt. Dann gehen sie in den Garten. Thomas Walter immer voraus - denn Jacqueline findet sich nicht mehr zurecht. "Du hast dich immer gern bewegt", erzählt er ihr, während sie durch den Garten spazieren und im kleinen Teich nach Goldfischen suchen.
"Die Frage: 'Erinnerst du dich?', die führt ins Leere, die braucht man nicht stellen", sagt er. Den Besuch einer Freundin am Tag zuvor hat seine Frau ebenso vergessen, wie das Frühstück kurz zuvor. Sie kann sich keinen Film mehr anschauen, kein Buch mehr lesen oder Spiel mehr spielen. Jetzt sei etwas anderes wichtig, sagt Walter: "Ihr erzählen, ihr Sicherheit geben und eine gewisse Zuwendung, dann fühlt sie sich wohl. Und das ist auch das Einzige, was man ihr schenken kann." Deshalb schaut er jeden Tag bei ihr vorbei.
Warum steigen die Kosten?
Seit Jahren steigt der Eigenanteil kontinuierlich. Waren es 2018 für das erste Jahr monatlich noch rund 1.700 Euro, so kostet der Eigenanteil für einen Heimplatz im ersten Jahr nun im Schnitt 3.364 Euro. Nach 12 Monaten wird der Eigenanteil etwas gesenkt. Diese Kostensteigerung für die Pflegeheimbewohner und ihre Angehörigen sei auf zwei Entwicklungen zurückzuführen, sagt Heinz Rothgang, Gesundheitsökonom an der Universität Bremen. Die Heimkosten stiegen vor allem, weil Löhne von Pflegekräften gestiegen sind und der Pflegeschlüssel erhöht wurde. "Was gut ist, was auch gewollt war", ergänzt der Ökonom.
In zehn Jahren seien die Löhne von Pflegekräften doppelt so stark gestiegen wie im Rest der Wirtschaft, "weil man auf einem sehr niedrigen Niveau gestartet ist und inzwischen hat man ein ganz gutes Niveau erreicht". Das sei nötig, um Pflegekräfte zu gewinnen. Es schlägt sich aber auch in den steigenden Heimkosten nieder, so Rothgang. Während sie kontinuierlich steigen, habe sich an den Leistungen der Pflegeversicherung aber kaum etwas getan. Das sei "katastrophal".
Heimbewohner auf Sozialhilfe angewiesen
Damit verfehle die Pflegeversicherung ihr Ziel, analysiert Heinz Rothgang. "Das eigentliche Ziel war ja, um aus der Gesetzbegründung zu zitieren: wer sein Leben lang gearbeitet hat und eine durchschnittliche Rente erworben hat, soll wegen der Pflege nicht zum Sozialamt gehen müssen." Aber mit einer Durchschnittsrente kann sich niemand mehr einen Pflegeheimplatz leisten, so der Gesundheitsökonom. Inzwischen ist aber jeder dritte Heimbewohner auf Sozialhilfe angewiesen. Tendenz steigend - so geht es aus einer Studie der Krankenkasse DAK hervor.
Thomas Walter ärgert das: "Der Staat spart halt immer auf Kosten derer, die eigentlich am meisten Hilfe brauchen. Leute im Pflegeheim haben halt keine Lobby, die Angehörigen auch nicht." Dann verabschiedet er sich von seiner Frau und geht zur Arbeit.