Im Zeitalter von Fake News sind verlässliche medizinische Informationen besonders wichtig. Genau darauf spezialisiert sich die Cochrane Deutschland-Stiftung mit Sitz am Universitätsklinikum Freiburg. Sie gehört zum internationalen Cochrane-Netzwerk, in dem Wissenschaftler weltweit Studiendaten zu Therapien und Medikamenten sammeln, prüfen und in systematischen Übersichtsarbeiten zusammenfassen.
Diese sogenannten Cochrane-Reviews gelten in der Fachwelt als besonders aussagekräftig, weil sie Studien nach strengen, international anerkannten Kriterien auswerten und systematisch nach Verzerrungen suchen - etwa in industriefinanzierten Untersuchungen.
Was die Cochrane Deutschland-Stiftung für Patienten und Ärzte leistet
In Deutschland basieren nach Angaben der Stiftung mehr als 80 Prozent der medizinischen Leitlinien zumindest teilweise auf diesen Reviews. Leitlinien sind für Ärztinnen und Ärzte zentrale Orientierung für Diagnostik und Therapie und damit für die Versorgung von Patientinnen und Patienten.
Warum das Gesundheitsministerium die Cochrane-Förderung beendet
Bislang erhielt die Cochrane Deutschland-Stiftung jährlich rund 1,3 Millionen Euro aus dem Bundesgesundheitsministerium. Laut verfügbaren Quellen stammt der Großteil der Finanzierung aus Bundesmitteln, ergänzt durch das Universitätsklinikum Freiburg und Drittmittel.
Nun hat das Bundesgesundheitsministerium mitgeteilt, dass diese Förderung Ende 2027 ausläuft. Aus dem Ministerium heißt es, mit der Entscheidung sei "keine Bewertung der erfolgreichen Arbeit der Cochrane Deutschland Stiftung verbunden".
Der evidenzbasierten Medizin werde weiterhin eine "hohe Bedeutung" beigemessen. Die Regierung verweist darauf, dass neben Cochrane auch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) einen großen Beitrag bei der Bewertung des medizinischen Wissensstandes leiste.
Kritik von Fachgesellschaften: "Schwerer Schlag für die medizinische Wissenschaft"
Fachgesellschaften und Expertinnen reagieren mit deutlicher Kritik auf das Ende der Bundesförderung. Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), die für die Erstellung vieler Leitlinien zuständig ist, spricht von einem schweren Schlag für die medizinische Wissenschaft und fordert den neuen Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) auf, eine "nachhaltige Sicherung und Weiterentwicklung von Cochrane Deutschland" zu unterstützen.
Das Netzwerk Evidenzbasierte Medizin bezeichnet die Streichung als "falsches Signal in Zeiten von Fake News im Gesundheitsbereich".
Können andere Institutionen die Aufgaben von Cochrane Deutschland übernehmen?
Das Bundesgesundheitsministerium plant, die Recherche und Verbreitung evidenzbasierter medizinischer Erkenntnisse stärker beim IQWiG zu bündeln, das aus Krankenkassenbeiträgen finanziert wird. Die dort vorhandenen Strukturen und Kompetenzen sollen "effizient genutzt" werden. Fachleute bezweifeln jedoch, dass das IQWiG die Arbeit der Cochrane Deutschland-Stiftung vollständig ersetzen kann.
Die Gesundheitswissenschaftlerin Monika Lelgemann, langjährige Mitarbeiterin im Gemeinsamen Bundesausschuss, beschreibt Cochrane als "sichere Bank", um bei internationalen Entwicklungen in der Medizin auf dem Laufenden zu bleiben. Das IQWiG leiste zwar gute Arbeit, doch auf dem breiten Feld der evidenzbasierten Medizin brauche es mehrere unabhängige Institutionen.
Folgen für Leitlinien, Gesundheitswesen und Medizin-Journalismus in Deutschland
Mehrere Beobachter halten den Rückzug des Bundes für schwer nachvollziehbar. Die frühere Ministerin Warken hatte Einsparungen im Gesundheitswesen damit begründet, dass Krankenkassen nur noch Leistungen bezahlen sollten, deren Nutzen wissenschaftlich belegt ist.
Kritiker sehen deshalb in der Entscheidung, ausgerechnet eine zentrale Infrastruktur für evidenzbasierte Medizin nicht weiter zu fördern, ein widersprüchliches und kontraproduktives Signal - zumal es um die vergleichsweise geringe Fördersumme von 1,3 Millionen Euro jährlich geht. Das entspricht einem Zehntausendstel des jährlichen Etats des Bundesgesundheitsministeriums von immerhin mehr als 13 Milliarden Euro.
Die Kürzung bei der in Freiburg ansässigen Gruppe wird die Arbeit des internationalen Cochrane-Netzwerks nur begrenzt beeinträchtigen. Für Deutschland aber droht ein wichtiges unabhängiges Korrektiv im Gesundheitswesen geschwächt zu werden. Das könnte sich auf die Aktualität und Qualität von Leitlinien, auf Therapieentscheidungen und nicht zuletzt auf den Medizin-Journalismus auswirken, der Cochrane bislang als zentrale Quelle für verständlich aufbereitete, wissenschaftlich geprüfte Informationen nutzt.