Online-Dating kann zur Achterbahnfahrt werden - wenn sich der vermeintliche Traummann als Liebesbetrüger entpuppt. Romantische Bekundungen mischen sich mit dubiosen Investment-Tipps und Aktiengeschäften. Swipen, matchen, in die Falle tappen? SWR-Reporterin Samantha Happ mit einem Erfahrungsbericht.
Kennenlernen beginnt mit Zweifeln
"Du hast ein neues Match", strahlt mir eine Pushmeldung von meinem Handydisplay entgegen. Noch ein paar Stunden früher sitze ich an einer Recherche zu Dating-Apps. Vor einem pinkfarbenen Häuschen kniet ein junger Mann in einem pink-weiß gestreiften Sweatshirt. Er lächelt in die Kamera und streckt dabei beide Daumen in die Luft. Gq, 38 Jahre alt und einen Kilometer entfernt, verrät mir sein Profil.
Dann eine erste Nachricht - so simpel wie einfallslos: "Hi". Gq stellt sich als William vor. Er komme aus San Francisco, Kalifornien, und arbeite für eine international bekannte Hotelkette. Die letzten fünf Jahre habe er in Großbritannien gelebt: Etwas später wird er mir eine Telefonnummer mit britischer Länderkennung schicken. Die Hotelkette plane nun eine Neueröffnung in Oldenburg. Deswegen werde er die nächsten fünf Jahre in Freiburg arbeiten, könne sich aber auch vorstellen, hier sesshaft zu werden. "Warum in Freiburg, wenn es um ein Hotel in Oldenburg geht?", wird nur eine meiner Fragen sein, bei der er sich geschickt um eine Antwort winden wird.
Online-Dating-Betrüger: Flaues Gefühl statt Schmetterlinge im Bauch
Es folgen Nachrichten rund um die Uhr, visuelle Kostproben seiner Kochkünste und alltägliches Geplänkel. Dazwischen eine Nachricht, die ein erstes Läuten der Alarmglocken in meinem Kopf verursacht: "Der Goldkurs steht heute gut". Da ich vergleichbar viel Ahnung von einer Herz-OP wie von Aktienhandel habe - nämlich keine - werde ich vorsichtig. Hobby-Broker oder Profi-Betrüger? Wer einmal in die Welt des Online-Datings abgetaucht ist, weiß: Nichts ist unmöglich und vieles wunderlich.
"Es ist etwas, das ich neben meiner Arbeit mache. Ich investiere nicht wirklich viel Zeit oder Geld hinein, aber es ist immer gut, noch etwas Geld nebenher zu verdienen", schreibt er. Als ich zugebe, nicht viel von Aktienhandel zu verstehen, steigt die Zahl seiner Liebesnachrichten wie der angebliche Verlauf des Goldkurses auf den Diagrammen, die er mir regelmäßig schicken wird. Als Beweis liefert er ungefragt Screenshots von Kontoauszügen der unglaublichen Gewinne bis zu rund 42.000 US-Dollar, die er damit angeblich macht.
Von Heiratsantrag in Paris ist die Rede
Insgesamt elf Tage lang begleitet mich William rund um die Uhr. Schon am zweiten Tag ist die Rede von der gemeinsamen Zukunft, die er sich vorstellen kann, und einem Heiratsantrag in Paris - offenbar das, was sich seiner Vorstellung nach alle Frauen wünschen. Morgens begrüßt er mich mit "good morning, dear", abends fragt er mich, wie mein Tag war, informiert sich über mein Leben, schenkt mir Aufmerksamkeit und schickt kitschige Liebesbotschaften und GIFs, kurze animierte Bilder und Videos von kuschelnden Paaren. Dazu Fotos von seinem Hund "Tiger" und seiner Familie - ziemlich sicher geklaut aus dem Profil einer unwissenden und unschuldigen Person.
Romance Scamming: Zwischen Manipulation, Druck und Liebesentzug
Der Mann auf der anderen Seite des Chatfensters setzt sämtliche Mittel der Flirtkunst ein, um Einblicke in mein Leben, meinen Gemütszustand und meine Schwächen zu gewinnen – mit dem Ziel, mich emotional zu manipulieren. Was er nicht ahnt: Ich habe längst durchschaut, was er vorhat. Massives Love Bombing und deutliche Red Flags - klassische Warnzeichen im Kontext von Online-Dating-Apps, aber leider keine Seltenheit. Sobald ich jedoch um Sprachnachrichten oder Videocalls bitte, weicht er aus. Seine Begründung: "Ich möchte es mysteriös und spannend halten."
"Wenn du nicht damit aufhörst, so skeptisch zu sein, dann hören wir auf zu schreiben. Wenn du kein Grundvertrauen in mich hast, gibt es keinen Grund, miteinander zu schreiben. Dass das klar ist." Wann immer sich William von meinen Fragen in die Enge getrieben fühlt, kippt die Stimmung und er droht damit, die Unterhaltung abzubrechen. Als ich dem Kontaktabbruch zustimme, rudert er zurück, zeigt sich einsichtig und verständnisvoll.
Online-Betrug: Auch Betrüger machen Fehler
Längst scheint der Chat einer Art Schachspiel zu gleichen, in der William mir die Rolle der austauschbaren Bäuerin zugeschrieben hat. Doch immer wieder passieren ihm Fehler: chinesische Schriftzeichen über einem Screenshot von dem Standort der Ferienwohnung in Freiburg, in der er angeblich wohnt - der nach ein paar Sekunden wieder gelöscht wird.
Da sind einmal die Fotos von selbstgekochtem Essen - erst auf einem Gasherd, das nächste Mal auf einem Ceran-Kochfeld. Dann folgt eine Nachricht auf Chinesisch, die innerhalb weniger Sekunden auf Englisch erscheint. Schon allein die Tatsache, dass er sich bei der angeblichen Wohnungssuche nicht über den Wohnungsmarkt und die Mietpreise beschwert, halte ich in einer Stadt wie Freiburg für höchst verdächtig!
Risikolust: Schickte er versteckte Hinweise?
Spaß am Spiel? Einer Barbiepuppe, die auf einem Foto über einen Computerbildschirm an seinem Arbeitsplatz linst, hat er den Namen "Jinx" gegeben - eine unberechenbare Kriminelle aus der Unterstadt in dem Computer-Spiel League of Legends. Außerdem steht "jinx" im Englischen für eine Art Fluch oder einen Unglücksbringer.
In einer Nachricht beklagt er sich darüber, sich bei der Arbeit den ganzen Tag mit etwas beschäftigen zu müssen, das ihn nicht interessiert - dieses Etwas bin ich. Als ich ihm den Standort des Japanischen Gartens im Freiburger Seepark schicke und ihn um ein Bild von dort bitten will, antwortet er: "Ich freue mich schon darauf, einen deiner Lieblingsplätze zu entdecken! Vielleicht sollte ich eines Tages wirklich nach Freiburg gehen und eine "Lieblingsplätze-Tour" machen" - selbstverständlich nur ein Schreibfehler, wie William mir weiszumachen versucht.
Showdown: Das fordert der mutmaßliche Romance Scammer
"Heute ist der Trend sehr gut. Falls du auch in Währungswechsel investieren willst, bringe ich es dir gerne bei." Einen Tag später fordert mich William dazu auf, 300 Euro bei der App crypto.com zu investieren - als ich Zeit schinde, steigt der Druck, die Flut an Nachrichten nimmt zu. Fast stündlich fordert mich William zuletzt dazu auf, die Investition zu machen. Bei der Einrichtung des Accounts bietet er mir selbstlos Hilfe an: "Sende mir Screenshots, dann sage ich dir, was du tun musst."
Als ich nach einiger Zeit aufdecke, dass ich die ganze Zeit wusste, was sein Ziel ist, und ihm Fragen stelle, folgen zusammenhangslose, vorgefertigte Antworten: "Ich werde dich nicht anbetteln, Geld zu verdienen. Das liegt nun an dir", "ich verliere langsam meine Geduld mit dir, du hast nur eine große Klappe. Eine Frau, die das nicht machen kann, ist unglaubwürdig und das ist furchtbar", "Tschüss, ich mag Frauen nicht, die ihre Versprechen nicht halten". Eine Nachricht nach der anderen ploppt auf meinem Display auf.
Zuletzt bleiben meine Fragen unbeantwortet. Seitdem herrscht Stille, doch unter der Nummer erscheinen in regelmäßigen Abständen Bilder von den unterschiedlichsten Männern. William - der Mann mit den tausend Gesichtern.
Romance Scam: Wie offensichtlich ist es wirklich?
Dass Frauen und Männer viel Geld durch Romance Scamming verlieren können, zeigt auch der Fall eines Mannes aus dem Rems-Murr-Kreis, der 2,3 Millionen Euro bei einen Liebesbetrug verloren hat. Er ist längst nicht allein damit. Laut Landeskriminalamt (LKA) Baden-Württemberg steigen die Fälle von Romance Scamming stetig an - und die Dunkelziffer dürfte weiterhin hoch sein. Wann immer es um Opfer von Liebesbetrügern geht, steht die Frage im Raum, wie das nur passieren konnte. Gebündelt, chronologisch erzählt und auf das Nötigste reduziert - scheinen auch Williams Intentionen von Beginn an klar.
Internetkriminalität Raffinierter Online-Betrug – Wie wir uns vor neuen Tricks schützen können
Auf Dating-Apps oder Job-Portalen suchen Online-Betrüger Kontakt zu potenziellen Opfern. Ihre Maschen sind schwer zu durchschauen. Wer betrogen wird, sollte schnellstmöglich handeln.
Eingebettet und versteckt in eine über elf Tage oder sogar Monate hinweg dauernde Unterhaltung, werden die Absichten mancher Menschen eben nicht sofort deutlich. Und wie es den Anschein erweckt, nochmal weniger, wenn es um den sehnlichen Wunsch nach Zweisamkeit, Liebe und eine Beziehung geht, wonach nun mal viele Userinnen und User auf Dating-Apps suchen.
Auch ich hatte immer wieder Zweifel, ob es sich wirklich um einen Betrüger handelt. Und das obwohl ich diese Unterhaltung nur aus dem Verdacht heraus, es mit einem Liebesbetrüger zu tun zu haben, am Leben gehalten habe. Gemeinsam mit Kollegen und Freunden habe ich mich gefragt: Was, wenn William zuletzt doch nur ein Hobby-Broker ist? Dann habe ich mich aber an die Polizei gewendet.
Diese Tipps hat unsere SWR-Reporterin von der Polizei bekommen:
Tipps gegen Romance Scamming Verknallt, betrogen, ruiniert? So betrügen Kriminelle in Dating-Apps
Neben Singles haben längst auch Liebesbetrüger Dating-Apps für sich entdeckt. Was ist die Masche der Betrüger, wie kann ich mich schützen und wann lohnt sich eine Anzeige?