Unverständnis und Schock über Entscheidung des Großkonzerns

Trotz Millardengewinn: Pharmakonzern Novartis schließt Werk in Wehr

Der Schweizer Pharmakonzern Novartis will seinen Produktionsstandort in Wehr im Kreis Waldshut schließen. 220 Arbeitsplätze sollen wegfallen. In der Region herrscht Bestürzung.

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Von Autor/in Petra Jehle

Es ist ein harter Schlag für die südbadische Kleinstadt: Der Pharmakonzern Novartis hat heute überraschend angekündigt, dass er seinen Produktionsstandort in Wehr (Kreis Waldshut) schließen will. Die geplante Schließung werde voraussichtlich zum Abbau von 220 Arbeitsplätzen führen.

Novartis stellt Wettbewerbsfähigkeit für deutsche Pharmaproduktion in Frage

Der Standort sei langfristig nicht mehr wettbewerbsfähig, heißt es aus der Konzernzentrale. An dem Produktionsstandort in Wehr werden Tabletten und Kapseln hergestellt. Ende vergangenen Jahres hatte Novartis bereits angekündigt, in diesen Bereich zu automatisieren.

Damals hieß es auf SWR-Anfrage allerdings noch: Der grenznahe Standort im südbadischen Wehr sei davon vorerst nicht betroffen. Nun schreibt Novartis dem SWR auf Nachfrage, dass es innerhalb des Unternehmens andere Standorte gebe, wo die in Wehr gefertigten Produkte effizienter und hergestellt werden können.

Novartis will auch am Produktionsstandort im nahe gelegenen schweizerischen Stein (Kanton Aargau) jede dritte Stelle abbauen. Das bedeutet einen Wegfall von rund 550 Arbeitsplätzen. Auch an diesem Standort sind Grenzgänger aus Deutschland betroffen. Novartis geht davon aus, dass etwa 15 Prozent seiner Mitarbeitenden in Deutschland leben.

Novartis Liegenschaft in der Schweiz
Der Konzernsitz des Pharmaunternehmens Novartis im schweizerischen Basel

Schock und Unverständnis über das Ende der Pharmaproduktion in Wehr

Der Bürgermeister der Stadt Wehr Denis Schimak (parteilos) und der Waldshuter Landrat Martin Kistler (parteilos) haben sich in einem offenen Brief mit der Bitte um Unterstützung an die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) sowie an Abgeordnete von Bund und Land gewandt.

Sie sprechen von einem herben Schlag für den Industriestandort am Hochrhein. Die Schließung komme einem wirtschaftlichen Kahlschlag gleich. Gerade in Zeiten von geopolitschen Spannungen und fragilen Lieferketten sei es grob fahrlässig, pharmazeutische Produktionsstätten zu schließen und Produktion ins Ausland zu verlagern, schreiben Schimak und Kistler.

Die Entscheidung der Konzernleitung ist für uns nicht nachvollziehbar, insbesondere vor dem Hintergrund einer derzeit mehr denn je notwendigen Unabhängigkeit Europas bei der Herstellung von Medikamenten.

Hohe Gewinne und Investitionen von Novartis an anderen Standorten

Parallel zur Standortschließung in Wehr kündigte der Pharmakonzern den Bau einer neuen Produktionsstätte für Krebstherapiemittel in Halle in Sachsen-Anhalt an. Die geplante Schließung werde keine Auswirkung auf die Versorgung der Patientinnen und Patienten mit Arzneimitteln haben, hieß es.

Nach eigenen Angaben ist Novartis vor allem auf dem US-amerikanischen Markt unter Druck. Grund seinen günstigere Nachahmerprodukte. Erst vor wenigen Tagen hatte Novartis seine Quartalszahlen veröffentlicht: Der Großkonzern hat danach seit Jahresbeginn umgerechnet 2,6 Milliarden Euro Gewinn gemacht.

In Wehr endet eine wechselvolle Geschichte der Pharmaindustrie

Der Produktionsstandort in Wehr hat eine 83-jährige Geschichte: Der Novartis-Vorgänger Ciba-Geigy verlegte am 1. Mai 1943 wegen der Wirren des Zweiten Weltkriegs seinen Standort von Berlin ins grenznahe Wehr. In Spitzenzeiten hatte Novartis in Wehr rund 900 Arbeitsplätze.

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