Verletzungsgefahr im Alltag

Wie sich Blinde in der Stadt orientieren - und was ihnen ernste Probleme macht

Eine wuchernde Hecke oder ein abgestellter Koffer können blinden Menschen gefährlich werden. Ein Betroffener aus Freiburg gibt fünf einfache Verhaltenstipps.

Teilen

Stand

Von Autor/in Silas Schwab

Sogenannte Blindenleitsysteme sollen blinden Menschen helfen, sich auf Straßen und im Verkehr zu orientieren. Aber: Immer wieder werden die Streifen und Noppen am Boden mit Gepäck oder Fahrrädern zugestellt. Für blinde Menschen ist das ein Problem und immer wieder gefährlich - darauf macht der Landesblinden- und -sehbehindertenverband Baden-Württemberg aufmerksam. Betroffene fordern mehr Rücksicht von sehenden Mitmenschen. Was Blinden im Alltag das Leben erleichtert.

Tipp 1: Nichts auf Blindenleitsystemen abstellen

Blindenleitsysteme an Bahnsteigen, in Innenstädten und auf öffentlichen Plätzen funktionieren so: Wo Platten mit Rillen verlegt sind, kann man geradeaus weitergehen. Platten mit Noppen zeigen Abbiegungen, Straßen- oder Bahnübergänge an.

"Das ist eine super Erfindung für uns", sagt Hans-Georg Fischer vom Blinden- und Sehbehindertenverein Südbaden. Mit seinem Blindenstock und den Fußsohlen spürt er die Rillen und Noppen und findet sich so zurecht. Gefährlich wird es, wenn die Platten durch Mülltonnen, Stühle, Schilder oder Fahrräder versperrt sind. Zum Beispiel an Bahnsteigen.

Wenn man in die verkehrte Richtung ausweicht, kann es sein, dass man zu nah an die Schienen kommt und eventuell auch abstürzt.

Das Blockieren der Streifen ist keine Ordnungswidrigkeit und wird deshalb auch nicht von der Stadt kontrolliert. Man könne deshalb nur an die Menschen appellieren, auf die Streifen zu achten und sie möglichst frei zu halten, sagt die Behindertenbeauftragte der Stadt Freiburg, Sarah Baumgart. Sie findet: "Inklusion ist eine gemeinschaftliche Aufgabe der Gesellschaft. Da sind wir alle in der Verantwortung, da müssen wir alle mithelfen."

Tipp 2: Nicht auf Blindenleitsystemen stehen bleiben

An Bahnsteigen werden die Blindenleitstreifen oft als Abstandsmarkierung missverstanden. Die Rillen zeigen dort aber nicht an, wie nah Wartende den Gleisen kommen dürfen. Sie weisen auch dort blinden Menschen den Weg. Deshalb sollten auf den Leitstreifen nicht nur keine Koffer und Taschen stehen, sondern auch keine Füße.

Mann steht auf Blindenleitsystem.
Er wartet nur auf die Straßenbahn, ist aber schon ein Hindernis für blinde Menschen.

Hans-Georg Fischer verzichtet meistens darauf, Bahngäste auf die Rillenplatten hinzuweisen. "Wir wollen die Menschen ja auch nicht nerven", sagt er. Dabei erschwert es ihm die Orientierung extrem, wenn er mit seinem Blindenstock den glatten Bahnsteig entlanglaufen muss und das Leitsystem nicht nutzen kann.

Tipp 3: Hecken an Gehwegen zurückschneiden

Freiburgs Behindertenbeauftragte Sarah Baumgart bekommt häufig Beschwerden über Hecken, die blinden Menschen auf Gehsteigen ins Gesicht schlagen. Deshalb empfiehlt sie, Hecken an Gehwegen so weit wie möglich zurückzuschneiden.

Wenn Äste oder gar Dornenhecken auf den Gehweg ragen, können sie blinde und sehbehinderte Menschen verletzten. Auf die Straße auszuweichen, ist oft sehr gefährlich. Und auch gehbehinderte Menschen, Menschen mit Rollstuhl oder Kinderwagen seien davon beeinträchtigt, wenn der Gehweg überwachsen sei, erklärt Baumgart.

Tipp 4: Blinden Hilfe anbieten

Wenn blinde Menschen orientierungs- oder ratlos wirken, freuen sie sich meistens, wenn sie Hilfe angeboten bekommen, wie Hans-Georg Fischer sagt. "Häufig brauchen wir zwar keine Hilfe, aber es ist nett, wenn die Menschen sich kümmern und uns weiterhelfen", sagt Fischer. Er nehme die Hilfe immer an, um die Überwindung der helfenden Person zu belohnen.

Manchmal ist es hilfreich, wenn Blinde über eine viel befahrene Straße geführt werden, oder wenn man ihnen die letzten Meter zur Bahn oder in ein Geschäft zeigt. Fischer meint: "Es tut gut, wenn die Leute uns wahrnehmen."

Tipp 5: Informationen weitergeben

Fischer fährt häufig mit der Straßenbahn. An den Haltestellen sieht er aber weder, wann die nächste Bahn kommt, noch zu welcher Linie welche Bahn gehört. Deshalb ist er froh, wenn andere Menschen ihm sagen, welche Bahn gerade eingefahren ist.

"Am liebsten wäre uns, wenn es eine laute Ansage am Bahnsteig gäbe, welche Straßenbahn gerade einfährt", sagt Fischer. Die gibt es aber bisher nicht. Deshalb ist er auf seine Mitmenschen angewiesen. In der Bahn teilen ihm die Lautsprecheransagen zumindest mit, wann er aussteigen muss.

Baden-Württemberg

Nora Welsch | 22.7.2025 Landes-Behindertenbeauftragte: Teilhabe ist ein Menschenrecht

Nora Welsch setzt sich ein, gleiche Lebensbedingungen für Menschen mit und ohne Behinderung zu schaffen. Die Behindertenbeauftragte von Baden-Württemberg sitzt selbst im Rollstuhl.

Leute SWR1 Baden-Württemberg

Baden-Württemerg

Neue Schwerpunkte für Kitas Kindergärten in BW erhalten neue Vorgaben für Erziehung

In den Kindergärten im Land soll stärker auf die Themen Kinderschutz und Kinderrechte, Inklusion, Partizipation und die Bildung für nachhaltige Entwicklung gesetzt werden.

Heilbronn

Landesspiele enden mit Abschlussfeier im Frankenstadion Special Olympics in Heilbronn und Neckarsulm: Ein Abschied voller Emotionen

Die Landesspiele der Special Olympics sind vorbei - der Abbau läuft, doch viele Helferinnen und Helfer denken noch an emotionale Momente und eine besondere Gemeinschaft zurück.

SWR4 BW am Morgen SWR4 Baden-Württemberg