Sicherheit im Bahnverkehr

Nach Zugunglück bei Riedlingen: Wie groß ist die Gefahr durch Erdrutsche bei Sipplingen?

Das tödliche Zugunglück bei Riedlingen: Auslöser war wohl ein Erdrutsch. Wie es um die Sicherheit der Gleise steht und wie man sie schützen kann, zeigt ein Blick nach Sipplingen.

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Von Autor/in Jan Niklas Bauscher

Die Gefahr durch Erdrutsche oder Felsabgänge ist spätestens seit dem tödlichen Zugunglück bei Riedlingen vor eineinhalb Wochen auch in Sipplingen (Bodenseekreis) wieder sehr präsent. Auch dort fragen sich die Fahrgäste: Wie sicher ist der Streckenabschnitt und wie kann man dafür sorgen, dass ein Unglück wie das bei Riedlingen nicht erneut passiert?

Zugstrecke bei Sipplingen: Gefahr durch Erdrutsche als Dauerthema

Denn Felsschlag und Erdrutsch sind in Sipplingen Dauerthema. Die kleine Gemeinde mit etwa 2.000 Einwohnern hat ein Problem: ihre eigentlich idyllische Lage mit dem Bodensee auf der einen und steilen Hängen direkt auf der anderen Seite. Denn das weiche Molasse-Gestein ist anfällig für Erosionsprozesse, wodurch es immer wieder zu Felsstürzen und Erdrutschen kommt. Für die Gemeinde ein konstanter Gefahrenherd.

Besonders dramatisch war ein Felssturz im Jahr 2013, als große Felsbrocken in ein Wohnhaus krachten. Die Bewohner mussten evakuiert und die anliegende Straße gesperrt werden. Doch auch die Bahnstrecke ist immer wieder von herabstürzenden Felsen und Erdrutschen betroffen. Zusammen mit der Bundesstraße laufen die Gleise im Bereich Sipplingen gleich an mehreren Stellen direkt am Steilhang entlang. Das Eisenbahn-Bundesamt stufte die entsprechenden Abschnitte deshalb in einem Forschungsbericht aus dem Jahr 2018 als "stark erdrutschgefährdet" ein. Bei einer solchen Gefahrenlage scheint die Frage, wer denn überhaupt für den Schutz der Bahnstrecke zuständig ist, umso wichtiger.

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Experte: Schutz vor Erdrutschen ist immer auch ein Gemeinschaftsprojekt

Auf den ersten Blick ist die Antwort naheliegend: Als Eigentümerin der Gleise muss die Deutsche Bahn (DB) für die Sicherheit sorgen. Auf Anfrage bestätigt das Unternehmen auch, diesen Pflichten nachzugehen: "Die DB inspiziert die vorhandene Infrastruktur regelmäßig, um mögliche Schäden frühzeitig zu erkennen und zu beheben. Inspektion, Wartung und Erneuerung der Infrastruktur erfolgen nach festgelegten strengen Regularien und vorgeschriebenen Fristen, die das Eisenbahn-Bundesamt als Aufsichtsbehörde überwacht."

Joachim Barth, Landesvorsitzender des Fahrgastverbandes Pro Bahn, sieht aber nicht nur die Deutsche Bahn in der Pflicht. Letztlich sei es eine Gemeinschaftsaufgabe von allen, so Barth. "Die Bahn selbst ist natürlich für ihr eigenes Gleisbett und alles, was dazu gehört, verantwortlich, aber das Gelände drumherum gehört ja meistens auch anderen." Die jeweiligen Teilnehmer seien dann gemäß der Verkehrssicherungspflicht auch dafür verantwortlich, "dass da nichts passiert".

Das Thema Hangsicherung ist deshalb auch eine große Herausforderung für das Land und die jeweiligen Landkreise. Bis vor einigen Jahren war das Landratsamt Bodenseekreis noch vollständig für den Schutz an den Felsen verantwortlich. Ein komplexes und auch teures Unterfangen, wie Pressesprecher Robert Schwarz bestätigt. So ein Hang sei eine Daueraufgabe, nach dem müsse man immer wieder schauen. "Der Bereich Sipplingen hat die öffentliche Hand in den letzten zehn Jahren rund vier Millionen Euro gekostet. Da gab es immer wieder Maßnahmen und es musste immer wieder etwas gemacht werden", sagt Schwarz.

Wie der Schutz vor Hangrutschen gelingen kann

Nach weiteren Erdrutschen im Jahr 2016 beauftragte das Landratsamt eine Spezialfirma mit umfangreichen Maßnahmen zur Hangsicherung. Im Anschluss an die Abtragung von lockeren Steinen und Gehölz wurde die betroffene Fläche mit etwa 1.200 Quadratmetern an Erosionsschutzmatten und Stahlnetzen abgedeckt. Gehalten wird die Konstruktion von rund 250 in den Felsen gebohrten Nägeln. Sie sind bis zu acht Meter lang.

An anderen Stellen sichern Stahlzäune die darunterliegende Infrastruktur ab. Laut Robert Schwarz werden die Hänge außerdem überwacht. "Wir schauen uns den Fels regelmäßig an. An bestimmten Stellen gibt es in regelmäßigen Abständen auch Drohnenflüge", sagt Schwarz. "Wir pflegen den Hang, indem wir die Sicherheitseinrichtungen auch freischneiden, um sie zu kontrollieren und begehbar zu halten." All das gehöre zu den Aufgaben des Landkreises. Diese Vorkehrungen zeigen laut Landratsamt Wirkung. Die Hänge um Sipplingen seien aktuell gut abgesichert.

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Durch Klimawandel könnte sich Gefahr verstärken

Doch gerade mit Blick auf die Zukunft könnten zusätzliche Schutzmaßnahmen in ganz Baden- Württemberg immer wichtiger werden. Denn nach einer Vielzahl wissenschaftlicher Studien könnten gerade Erdrutsche auch für den Bahnverkehr eine immer größere Bedrohung darstellen. Danach führt der Klimawandel zu häufigeren Extremwetterereignissen, wie etwa Starkregen. Und das erhöht auch die Wahrscheinlichkeit für Erdrutsche.

Joachim Barth vom Fahrgastverband Pro Bahn hält deshalb fest: "Handlungsbedarf besteht sicherlich, gerade wenn wir davon ausgehen, dass Starkregenereignisse mehr zunehmen in der Zukunft." Und bei mehr Starkregen könne es auch dort zu Erdrutschen kommen, wo es bisher keine gegeben habe. "Bei Hängen, die vor allem nur bei Starkregen rutschgefährdet sind, hat man in der Vergangenheit noch nicht so sehr drauf geachtet. Da wird man jetzt in Zukunft mehr drauf achten müssen", ist Barth überzeugt.

Als Lösungsvorschlag macht sich der Verband für den verstärkten Einsatz der sogenannten Fiber-Optic-Sensing-Technologie stark. Die vergleichsweise kostengünstige Technik könne über Glasfaserkabel Vibrationen am Gleis frühzeitig erkennen und so bei Erdrutschen unmittelbar Alarm schlagen.

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Jan Niklas Bauscher
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