Zwei Fälle vor Gericht - Experten ordnen ein

Patienten, die andere angreifen: Ist das in Psychiatrien inzwischen "normal" oder die Ausnahme?

Schwere Angriffe in den Psychiatrien Reichenau und Bad Schussenried sind vor Gericht verhandelt worden und haben für Schlagzeilen gesorgt. Nimmt die Gewalt in Psychiatrien zu?

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Von Autor/in Esther Leuffen

Ein Patient der forensischen Klinik des Zentrums für Psychiatrie Reichenau (ZfP) im Kreis Konstanz ist unter anderem wegen versuchten Mordes zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt worden. Das Landgericht Konstanz sah es als erwiesen an, dass der 32-Jährige einen seiner Pfleger im ZfP Reichenau von hinten mit einem Elektrokabel gewürgt hatte. Der Pfleger konnte sich befreien und blieb körperlich unversehrt. Das Gericht ordnete die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an.

In einem anderen Fall ist ein 34-jähriger Mann nach einem Messerangriff auf offener Straße in die Virngrundklinik Ellwangen (Ostalbkreis) eingewiesen worden. Dort und auch nach seiner anschließenden Verlegung nach Bad Schussenried (Kreis Biberach) soll er jeweils Mitpatienten mit einem Messer angegriffen und zum Teil schwer verletzt haben. Er muss sich nun vor dem Landgericht Ellwangen wegen versuchten Mordes und versuchten Totschlags verantworten.

Immer wieder sorgen Fälle wie diese für Aufsehen. Ist zunehmende Gewalt in Psychiatrien ein Trend?

Nimmt die Gewalt in Psychiatrien wirklich zu?

Gewalttaten in Psychiatrien bekommen eine hohe mediale Aufmerksamkeit. Aber eine tatsächliche Zunahme von Gewalttaten, kann Psychiaterin Roswita Hietel-Weniger nicht bestätigen. Sie ist Ärztliche Direktorin der Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie Weissenau des ZfP Südwürttemberg (Kreis Ravensburg). Dies gelte für den Maßregelvollzug genauso wie für die Allgemeine Psychiatrie.

Es gibt keine valide wissenschaftlich begründete Erkenntnis, dass Gewalthandlungen gegenüber Pflegenden oder aber auch gegenüber Mitpatienten zugenommen hätten im psychiatrischen Kontext.

Auch Jan Bulla, Ärztlicher Direktor des Maßregelvollzugs des ZfP Reichenau, bestätigt auf SWR-Anfrage: Es sei wissenschaftlich nicht nachgewiesen, dass die Gewaltfälle in Psychiatrien anstiegen.  

Das heißt, dieser Fall, der jetzt am Landgericht Konstanz behandelt wurde, ist eine Ausnahme. Das ist eine sehr tragische Ausnahme.

Sicherheit durch Schulungen und neue Modelle

Um Gewalt zu verhindern, setzen die Psychiatrien auf Schulungen und moderne Ansätze. Mitarbeitende absolvierten regelmäßig Deeskalationstrainings, berichtet Roswita Hietel-Weniger. Daran nehme das gesamte Personal des ZfP Südwürttemberg teil, welches mit Patienten in Kontakt sei. Zudem ist das am King’s College in London entwickelte "Safe-Wards-Modell" eingeführt worden, um Konflikte und Zwangsmaßnahmen wie Isolierung und Fixierung zu reduzieren. Es setzt auf Kommunikation, Beziehungsarbeit und gemeinsame Gestaltung des Stationsalltags. So soll eine zugewandte und respektvolle Stationskultur gefördert werden.

Der Ärztliche Direktor des Maßregelvollzugs des ZfP Reichenau, Jan Bulla, weist darauf hin, dass drei Ebenen zur Sicherheit speziell in der forensischen Psychiatrie beitragen: die personelle, die organisatorische und die bauliche. Also eine gute bis sehr gute pflegerische Besetzung, klare Abläufe sowie Alarmgeräte und Schleusen.

Vor dem Landgericht Konstanz hatte sich allerdings gezeigt, dass das Alarmtelefon des mit einem Elektrokabel angegriffen Pflegers des ZfP Reichenau in diesem Notfall nicht funktioniert hatte.

Es hat eine umfassende Überprüfung danach stattgefunden. Dass das Gerät nicht funktioniert hat, ist ein äußerst seltenes Ereignis. Das kam dann unglücklicherweise zusammen an diesem Tag.

Mehr Patienten in forensischen Kliniken

Die Zahl der Patientinnen und Patienten in der Forensik steigt seit Jahren, so Professor Thomas Ross, Forschungsleiter der Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie des ZfP Reichenau gegenüber dem SWR. So habe sich im Maßregelvollzug des ZfP Reichenau die Zahl der Untergebrachten von rund 90 im Jahr 2009 auf rund 140 im Jahr 2025 erhöht.

Die Gründe sind vielfältig. Zum einen liege es daran, dass Patienten, ihre Medikation nicht akzeptierten, in gemeindepsychiatrischen Einrichtungen nicht zurechtkämen oder aber Drogen konsumierten, so Bulla. Zum anderen gebe es einen steigenden Anteil an Menschen mit Fluchterfahrungen. Allein durch die Fluchtgeschichte hätten sie ein erhöhtes Risiko, an einer Psychose zu erkranken. Das psychiatrische Versorgungsangebot für Flüchtlinge sei allerdings sehr eingeschränkt.

Enger rechtlicher Rahmen zur Behandlung psychisch Kranker

Einen weiteren Grund sieht die Ärztliche Direktorin des Maßregelvollzugs Weissenau Roswita Hietel-Weniger in dem engen rechtlichen Rahmen, akut Psychosekranke ohne Krankheits- und Behandlungseinsicht ausreichend lang behandeln zu können. Mit Absetzen der Medikamente gegen den ärztlichen Rat nach der Entlassung, komme es rasch zu erneuten psychotischen Zuständen.

Eine Zunahme von Patientinnen und Patienten kann auch sie bestätigen. In der Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie Weissenau hat sich die Belegung in den vergangenen zehn Jahren um 80 Prozent erhöht. Der Anteil der Frauen ändere sich indes wenig. Er liege bei knapp 10 Prozent.

Um dem Anstieg zu begegnen, müssen die Kliniken erweitert werden. So wird etwa im ZfP Reichenau aktuell gebaut. Das Land investiere enorme Mittel, so Bulla. Für den Maßregelvollzug werde es auf dem ZfP-Gelände in der Zukunft ein weiteres großes Gebäude zur Unterbringung psychisch kranker Straftäter geben.

Gute Behandlungsmöglichkeiten und geringe Rückfallquoten

Trotz der Herausforderungen gibt es Hoffnung: Die meisten psychisch kranken Straftäter haben laut Psychiaterin Roswita Hietel-Weniger gute Chancen auf Besserung. Besonders Schizophrenie, die häufigste Diagnose, sei in der Regel gut behandelbar. In Baden-Württemberg blieben Patienten im Schnitt vier Jahre in der Forensik. Die Rückfallquote sei viel niedriger als im Strafvollzug. Sie liege dank der forensischen Nachsorgeambulanzen bei unter 10 Prozent. Schwere Rückfälle seien seltene Ausnahmen.

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Esther Leuffen
SWR-Redakteurin Esther Leuffen Autorin Bild

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