Altenpfleger oder Krankenschwester - das konnte man in Deutschland lange nur mit einer klassischen Lehre in einer Pflegeschule werden. Seit 2020 ist das anders: Damals starteten die ersten Studiengänge für Pflege.
Heute wird das Pflegestudium bundesweit an zehn Standorten angeboten - teilweise nur bis zum Bachelor, manchmal bis zum Master. Zu den Pionieren des Pflegestudiums zählt das Uniklinikum Tübingen: Hier sind die Pflegewissenschaften 2018 zunächst als Modellprojekt gestartet. Seit 2020 gehört das Fach in Kooperation mit der Hochschule Esslingen zum regulären Studienangebot.
Pflege: Expertise aus Studium und Lehre können sich ergänzen
Im Pflegestudium lernen die Studierenden, selbst wissenschaftliche Texte zu lesen und möglichst viele Quellen zu einem Thema heranzuziehen. Dieser Blick über den Tellerrand führt laut Studien dazu, dass Patientinnen und Patienten besser versorgt werden, wenn akademische Pflegekräfte im Team sind.
Pflegende, die akademisch qualifiziert sind, denken anders. Sie hinterfragen Dinge anders. Sie schauen auf andere Aspekte. Also sie bewerten das, was sie tun, auf eine andere Art und Weise.
Konfliktpotential im Pflegealltag?
Allerdings kann die Hochschul-Ausbildung im klinischen Alltag auch zu Spannungen führen. Nicht immer sind die Empfehlungen der studierten Pflegekräfte willkommen. Das kommt inzwischen aber nur noch selten vor, so Cornelia Mahler, Direktorin der Abteilung Pflegewissenschaften am Uniklinikum Tübingen. Veränderung brauche Zeit. Kolleginnen und Kollegen, die nicht akademisch qualifiziert sind, sollten auf diesem Prozess mitgenommen werden, so Mahler.
Da habe sich nach Einschätzung von Mahler tatsächlich etwas gewandelt: Mehr Leute würden inzwischen sagen, ein Studium sei wichtig, weil wir so viele Pflege-Empfangende haben, die hochkomplexe Probleme haben. Da müsse man einfach noch mehr wissen.
Akademische Pflegende: Deutschland hinkt hinterher
Der Wissenschaftsrat hat schon mehrfach darauf gedrängt, dass 20 Prozent der Pflegenden eine akademische Ausbildung haben sollten. Davon sind wir noch weit entfernt.
Deutschland spielt international eine Sonderrolle: In vielen anderen Ländern sind Pflegekräfte mit Hochschulabschluss selbstverständlich - ein Argument für das Bachelorstudium. Denn mit dem Abschluss stehen den Studierenden auch international viele Türen offen.
Positives Feedback zum Pflegestudium
Davon profitiert auch Maria Abrantes. Sie hatte sich für das Bachelorstudium in Tübingen entschieden und blickt positiv zurück.
Das Studium hat mich sehr gut auf den Beruf vorbereitet. Und natürlich gibt es nach dem Studium immer noch viel zu lernen. Aber ich denke, dass die Kombination aus der Theorie, aus der Wissenschaft, aber auch aus der Praxis, die hat mir eben die richtige Grundlage gegeben.
Pflegestudium beinhaltet viel Praxis
Sieben Semester dauert das Bachelorstudium, das die medizinische Uniklinik Tübingen und die Hochschule Esslingen gemeinsam anbieten. Die Studierenden werden genauso bezahlt wie Lernende an einer Pflegeschule.
Denn mit 2.300 Praxisstunden sind sie genauso viel im Einsatz wie bei der herkömmlichen Ausbildung, erklärt Studiendirektorin Cornelia Mahler: Die Studierenden seien ganz genauso in der realen Versorgung mit Patientinnen und Patienten wie ein Auszubildender auch. Dort würden sie lernen, wie man einen Pflege-Empfangenden versorgt - von Waschen, Essen darreichen bis hin zu Verabreichung von subkutanen Spritzen.
Absolventen dürfen mehr Gehalt erwarten
Absolventinnen und Absolventen des Pflegestudiums werden oft anspruchsvollere Aufgaben übertragen als Pflegekräften ohne Hochschulabschluss. Das sorge dann häufig auch für mehr Gehalt, so Cornelia Mahler: Das habe mit dem Rollenprofil zu tun.
Wenn sie diese zusätzlichen Aufgaben bekommen, dann werden sie sicherlich auch etwas mehr verdienen.
Pflegeausbildung weiterhin "zentrale Säule"
Bisher ist der Studiengang nicht überlaufen. Das Abitur reicht für eine Zulassung. Ohne Abitur haben Bewerberinnen und Bewerber allerdings keine Chance.
Österreich hat seit einer Weile nur noch akademische Pflegekräfte - doch hierzulande wird die herkömmliche Ausbildung weiter eine zentrale Säule bleiben, so die Prognose von Cornelia Mahler.