Ein Ausflugslokal direkt an der Bodensee-Promenade. Auf der Karte: regionaler Salat von der Insel Reichenau, Seeblick inklusive. Wir bestellen Schnitzel für 18,90 Euro. Mit dabei: Gastronomie-Kritiker Jochen Rädeker. Rädeker hat jahrelang den renommierten Gastronomieführer Gault-Millau in Deutschland herausgegeben. Er lebt und arbeitet hier, testet deutschlandweit Restaurants. Während er auf den Bodensee blickt, sagt er: "Ich bin gespannt, ob hier für den Blick an andere Stelle gespart werden muss, um diesen Preis zu ermöglichen."
Zahlt man für den Blick auf den Bodensee drauf?
Die Antwort folgt schneller als gedacht. Keine fünf Minuten nach der Bestellung stehen die Teller mit den Schnitzeln bereits auf dem Tisch. Für Rädeker ein klares Warnsignal: "In der Zeit hätte man kein frisches Schnitzel machen können." Sein Verdacht: Das Essen sei lediglich nochmal aufgewärmt worden. "Das hat jemand schnell in die Fritteuse geschmissen und nicht frisch zubereitet."
Auch geschmacklich überzeugt ihn das Schnitzel nicht. "Ich hab ganz viel Mehl im Mund. Macht keine Freude", sagt der Experte. Besonders kritisch sieht er die Kombination aus trockenem Fleisch und stark salziger Panade: "Danach hat man einen total trockenen Mund. Gut für den Getränkeumsatz. Da steckt auch Kalkül dahinter."
Woher das Fleisch stammt, kann uns der Kellner auf Nachfrage nicht beantworten. Dabei wirbt das Restaurant auf seiner Karte offensiv mit Regionalität, zumindest beim Salat. Auf eine schriftliche SWR-Anfrage reagiert das Restaurant nicht. Ein Einzelfall? Direkt am Bodensee mitnichten, sagt Rädeker. Er kennt die Mechanismen der Touristenregionen genau.
Vorteil für Wirte am Bodensee: Touristen kommen nur ein einziges Mal
"Am See sind viele Leute einmal da und kommen das ganze Jahr nicht mehr. Im Hinterland ist man viel stärker auf Stammgäste angewiesen." Ob dort also besser gekocht wird? Das will Rädeker in einem weiteren Restaurant herausfinden.
In einem Landgasthof einige Kilometer abseits vom See bestellt er wieder ein Schnitzel "Wiener Art". Aus der Küche ist das Trommeln des Schnitzelklopfers zu hören. Für Rädeker ein gutes Zeichen. "Dann kannst du davon ausgehen, dass das nicht tiefgekühlt vorpaniert und schnell in die Fritteuse geschmissen wurde."
Das Schnitzel kostet hier mit 18,50 Euro fast genauso viel wie am See. Laut Karte allerdings mit Biofleisch. Diesmal dauert es deutlich länger, bis das Schnitzel kommt. Und diesmal fällt das Urteil des Kritikers deutlich positiver aus: "Nicht zu dünn, saftig. Und das Verhältnis von Panade zu Fleisch stimmt", sagt Rädeker. Das Restaurant erklärt auf Nachfrage, das Fleisch stamme aus eigener Biohaltung und zusätzlich von regionalen Biohöfen.
Die Größe vom Schnitzel ist kein Qualitätsmerkmal.
Für Rädeker ist es klar: "Die Größe ist eben kein Qualitätsmerkmal!" Er empfiehlt vielmehr auf die Angabe von Lieferanten in der Speisekarte zu achten. Oder gerade am Bodensee auf Regionalität bei Gemüse und Obst Wert zu legen. Wer ein gutes Stück Fleisch essen möchte, sollte auch bereit sein, einen höheren Preis zu zahlen oder lieber eine überschaubare Portion in Kauf nehmen, findet Rädeker.
Steuersenkung kommt selten bei Gästen an
Die Gastronomie wird immer teurer. In Baden-Württemberg stiegen die Gaststättendienstleistungen laut den aktuellsten Zahlen des Branchenverbands Dehoga BW im Februar um 4,6 Prozent im Vorjahresvergleich, während die Nahrungsmittelpreise im gleichen Zeitraum um 2,3 Prozent zulegten. Zuletzt ging der reale Umsatz der Wirte dennoch um rund 2,5 Prozent zurück.
Seit dem ersten Januar 2026 hat die Bundesregierung die Mehrwertsteuer auf Speisen in der Gastronomie dauerhaft von 19 auf 7 Prozent gesenkt, um die Gastronomen, aber auch Gäste finanziell zu entlasten. Viele Gastronomen sagen, dass sie es sich aber schlicht nicht leisten könnten, die Senkung auf die Preise für Speisen umzulegen. Denn neben den Lebensmittelpreisen spielen auch der Mindestlohn, die Mehrwertsteuer und, wie am Bodensee, die Lage der Restaurants eine Rolle bei der Preisgestaltung, erklärt Rädeker.
In der Sendung “Zur Sache! Vor Ort” bestärkt Gastronom Lukas Keller, dass es vor allem die hohen Personalkosten sind, die die Preise in die Höhe treiben oder dafür sorgen, dass sich die Öffnungszeiten verkürzen. "Es ist einfach so, dass wirklich sehr viele externe Kosten gestiegen sind in den letzten Jahren. Und dann ist es eine Herausforderung, um halb elf oder elf Uhr abends noch für den Musikverein für ein paar Getränke parat zu sein und das Personal zu zahlen, die zu der Zeit dann noch da sind."
Auch Eis wird immer teurer
Nicht nur in Restaurants steigen die Preise - auch in den bei derzeit milden Temperaturen beliebten Eisdielen. Hier lässt sich laut Statistischen Bundesamt ganz klar abzeichnen: In den Jahren 2020 bis 2024 ist der Eispreis um rund 30 Prozent gestiegen. Eine Recherche des Südkuriers zeigt zudem: In Südbaden ist die Eiskugel mit bis zu 2,20 Euro in Friedrichshafen am Bodensee am teuersten.
Restaurant fällt durch: "Offensichtlich Fertigsauce"
Zurück zur verdeckten Recherche in ausgewählten Bodenseerestaurants: Rädeker besucht noch ein letztes Restaurant. Diesmal nur gute zehn Minuten vom See entfernt. Hier wird mit einer großen Schnitzelauswahl geworben. Als das Schnitzel da ist, muss er nach dem ersten Bissen erstmal zum Glas greifen: "Puh, ist das trocken." Auch die zusätzlich bestellte Champignonsoße überzeugt ihn nicht. "Das ist ganz offensichtlich eine Fertigsauce", sagt er. Für den Experten steht schnell fest: "Bei einem Endverkaufspreis von 16,90 Euro für so ein großes Stück wurde an der Qualität gespart."
Das Restaurant widerspricht auf Nachfrage. Die Schnitzel würden frisch vor Ort zubereitet, das Fleisch stamme von einem deutschen Metzger. Bei der Sauce arbeite man allerdings mit, so wörtlich, "vorgefertigten Grundkomponenten".
Drastische Qualitätsunterschiede für ähnlichen Preis
Insgesamt vier Schnitzel hat Rädeker gemeinsam mit einem SWR-Team von "Zur Sache Baden-Württemberg" mit versteckter Kamera getestet. Nur zwei Restaurants haben den Kritiker überzeugt. Gekostet haben die Schnitzel alle ähnlich viel. Doch die Qualität unterscheidet sich teilweise drastisch. Rädekers Fazit: "Die Kombination aus: Ich weiß nicht, was ich bekomme und ich achte nur darauf, dass es ordentlich groß ist, verleitet schon den einen oder anderen dazu, mindere Qualität auf den Tisch zu bringen."
Dennoch steht für ihn fest: Wer in der Bodenseeregion essen gehen möchte, zahle eben auch für den Blick, den wohlhabenden Landstrich, regionales Obst und Gemüse und die Nähe zur Schweiz.