Hausarzt Thomas Heyer behandelt in seiner Praxis in Stuttgart-Weilimdorf täglich zwischen 40 und 50 Patientinnen und Patienten, organisiert Hausbesuche, stellt Überweisungen aus und kümmert sich um Anträge zur Weiterversorgung. Ein Arbeitstag mit zehn bis elf Stunden ist für den 57-Jährigen die Regel. Doch die Belastung endet nicht bei der Versorgung der Patienten. Die Bürokratie nehme immer mehr zu, besonders im Hausarztprogramm, sagt Heyer und verweist auf die geplante Gesundheitsreform. Das System werde dadurch noch undurchschaubarer, kritisiert der Hausarzt.
Ärztemangel auf dem Land: 2.000 Patienten plötzlich ohne Hausarzt
Am Mittwoch hat das Bundeskabinett den Gesetzesentwurf zur Reform der gesetzlichen Krankenkassen verabschiedet. Durch das Gesetz soll das drohende Defizit von rund 15 Milliarden Euro im kommenden Jahr geschlossen werden. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) plant, dieses Ziel durch Maßnahmen zu erreichen, die sämtliche Bereiche des Gesundheitssystems betreffen. Nun geht das Vorhaben an das Parlament.
Mit dem Hausarztprogramm will die Bundesregierung erreichen, dass Patienten erst ihren Hausarzt aufsuchen, bevor sie Fachärzte konsultieren. Der Hausarzt fungiert demnach als "Lotse" im Gesundheitssystem. Ein Konzept, das in Baden-Württemberg besonders stark umgesetzt wird: 3,3 Millionen Menschen nehmen nach Angaben des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands Baden-Württemberg am Hausarztprogramm teil.
Besonders in ländlichen Regionen, wie in der Kleinstadt Heubach im Ostalbkreis, wird deutlich, wie angespannt die Situation wegen des Ärztemangels ist. In Heubach, wo fast ein Drittel der über 10.000 Einwohner älter als 60 Jahre ist, wurde im vergangenen Jahr eine Hausarztpraxis geschlossen. "Plötzlich hatten wir 2.000 Patienten ohne Hausarzt", berichtet Bürgermeister Joy Alemazung (CDU). Vom Ärztemangel seien besonders ältere Menschen, chronisch Kranke und Menschen mit eingeschränkter Mobilität betroffen, sagt der Bürgermeister.
Hausärzteverband kritisiert Gesundheitsreform: Mehr Patienten, weniger Geld
Während die Regierung das Hausarztprogramm auf ganz Deutschland ausweiten möchte, plant sie zugleich die Einführung eines sogenannten Wachstumsabschlags. Das bedeutet, dass Hausarztpraxen, die mehr Patientinnen und Patienten in das Programm aufnehmen, weniger Geld pro Versicherten erhalten. Für Nicola Buhlinger-Göpfarth, Vorsitzende des Hausärzteverbands Baden-Württemberg, ist das schwer nachzuvollziehen. "Man will dieses erfolgreiche Projekt ausdehnen auf ganz Deutschland und sagt gleichzeitig, es gibt einen Wachstumsabschlag. Also das macht überhaupt keinen Sinn, das ist absolut kontraproduktiv, das ist irrsinnig." Bundesgesundheitsministerin Warken torpediere damit ihr eigenes Vorhaben, kritisiert Buhlinger-Göpfarth.
Im Zuge der Gesundheitsreform soll es weitere Einschnitte geben. Unter anderem sollen einige Leistungen der Hausärzte etwa in der Pflegeheimversorgung oder Palliativmedizin nicht mehr vollständig vergütet werden. Auch die Arbeit mit der elektronischen Patientenakte, die eigentlich die Gesundheitsversorgung effizienter und transparenter machen soll, könne dann nicht mehr vollständig abgerechnet werden, sagt der Allgemeinmediziner Heyer.
Sparmaßnahmen gefährden die Patientenversorgung
Für den Stuttgarter Arzt Thomas Heyer hat die Reform weitreichende Konsequenzen, die auch die Patientinnen und Patienten spüren werden: "Für den Patienten bedeutet das, dass wir Hausärzte in Zukunft weniger Geld verdienen werden. Und wenn sie da natürlich gezwungen werden, immer mehr zu sparen, immer mehr Personal abzubauen, auch an ihrer Software zu sparen, an ihrer technischen Ausrüstung, dann macht es natürlich irgendwann immer weniger Spaß."
In Baden-Württemberg fehlen laut der Bedarfsplanung der kassenärztlichen Vereinigung derzeit rund 1.000 Hausärzte, fast die Hälfte der praktizierenden Hausärzte ist 60 Jahre oder älter. Der Nachwuchs bleibe aus, vor allem auf dem Land gelte der Beruf als unattraktiv. Für Bürgermeister Joy Alemazung aus Heubach ist klar: Die Bundesregierung muss handeln. "Wenn diese Versorgung wegbricht, dann geht es nicht nur um Wege und Wartezeiten, sondern auch um Würde und Lebensqualität im Alter", betont er.