Impfungen, Tests und Medikamente künftig ohne Arztbesuch

Apothekenreform beschlossen: "Schmalspurmedizin in den Apotheken" oder "richtige Richtung"?

Die Reform der Apotheken sorgt bundesweit für Diskussionen. Der Bundestag hat die Pläne beschlossen - mit weitreichenden Folgen für Patienten, aber auch Apotheken und Arztpraxen.

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Von Autor/in Ulrike Schirmer

Künftig sollen Apotheken deutlich mehr Leistungen übernehmen: Noch mehr Impfungen, Blutentnahmen und in bestimmten Fällen sogar rezeptpflichtige Medikamente ausgeben ohne vorherigen Arztbesuch. Die beschlossene Apothekenreform könnte das Gesundheitssystem verändern und sorgt auch in der Region Heilbronn-Franken für Diskussionen. Während Apotheker viele neue Möglichkeiten für die Versorgung sehen, kommt aus der Ärzteschaft Kritik an der Reform.

Apotheker: Chancen für Versorgung und Prävention

Für Rouven Steeb, Apotheker und Vizepräsident des Landesapothekerverbandes Baden-Württemberg aus Bad Rappenau (Kreis Heilbronn) geht das Gesetz grundsätzlich "in die richtige Richtung". Es biete Chancen für die Versorgung: "Wir bekommen ein deutlich größeres Leistungsangebot", sagt Steeb im SWR-Interview. Dazu zählten Schnelltests, aber auch unterstützende Angebote etwa zur Tabakentwöhnung und auch zusätzliche Impfungen.

So impfe schon heute in Baden-Württemberg etwa jede vierte Apotheke gegen Grippe und Corona. Künftig könnten weitere Impfungen - zum Beispiel gegen FSME - angeboten werden sowie Blutentnahmen. Dafür brauche es aber noch Schulungen und organisatorische Vorbereitung, so Steeb.

Ich glaube, den Patienten und Kunden wäre es sogar recht, wenn wir mittlerweile kleine OPs durchführen könnten.

Davon sei man aber "weit entfernt" und das sei auch nicht die Zielrichtung. Es freue ihn aber, dass die Kundinnen und Kunden das den Apotheken zutrauen. Erste Anfragen zum neuen Leistungsspektrum seien schon eingetrudelt, berichtet der Apotheker.

Medikamente ohne Rezept? "Nur in Ausnahmefällen"

Gleichzeitig mahnt der Apotheker zur Geduld - auch, wenn die gesetzlichen Grundlagen geschaffen seien: Nicht jede Apotheke könne sofort alle neuen Leistungen anbieten. Fachkräftemangel und personelle Belastungen seien auch in Apotheken ein Thema. Viele Betriebe müssten erst Strukturen schaffen oder lernen, mit Terminen zu arbeiten.

Besonders sensibel sei die Möglichkeit, bestimmte rezeptpflichtige Medikamente künftig ohne vorherigen Arztbesuch abzugeben. Steeb betont, dass es dabei ausdrücklich nicht um einen Ersatz ärztlicher Behandlung gehe. Vorgesehen sei das in Ausnahmefällen - etwa wenn chronisch kranke Patienten dringend benötigte Medikamente kurzfristig nicht mehr hätten - zum Beispiel am Wochenende. Dadurch könnten Notfallpraxen deutlich entlastet werden, sagte er.

Ein Mann zeigt einer Apothekerin auf einem Handy sein E-Rezept (Symbolbild).
Abgabe von rezeptpflichtigen Medikamente ohne vorherigen Arztbesuch? Soll bald möglich sein. Auch bei bestimmten akuten Erkrankungen könnten Apotheken künftig stärker eingebunden werden. Welche Medikamente konkret darunterfallen, müsse allerdings noch geregelt werden.

Mehr Leistungen anbieten - doch bessere Honorierung steht noch aus

Neben Zustimmung gibt es aus der Apothekerschaft auch klare Kritikpunkte. Steeb warnt vor einer "Apotheke light". Denn künftig könnten auch erfahrene pharmazeutisch-technische Assistentinnen und Assistenten zeitweise eine Apotheke ohne Apotheker leiten. Das widerspreche dem Anspruch eines umfassendem Leistungsangebots: Wenn mehr Aufgaben übernommen werden sollen, dürften Leistungen nicht durch fehlendes Fachpersonal eingeschränkt werden, so Steeb.

Außerdem fehle weiterhin eine zugesagte bessere Honorierung vieler Apotheken. Gerade kleinere Betriebe in ländlichen Regionen seien darauf angewiesen. Sie sei entscheidend, damit Apotheken wirtschaftlich stabil bleiben und die neuen Leistungen überhaupt anbieten könnten.

Hausärztin: "Schmalspurmedizin in den Apotheken"

Deutlich skeptischer blickt Susanne Bublitz, Hausärztin aus Pfedelbach (Hohenlohekreis) und Vorständin des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands Baden-Württemberg, auf die zusätzlichen Kompetenzen der Apotheken. Aus ihrer Sicht drohe anstatt einer besseren Versorgung eine "zersplitterte Medizin mit unklaren Zuständigkeiten".

Die Reform ist in unseren Augen kein Beitrag zu einer besseren Versorgung, sondern der Einstieg in eine Art Schmalspurmedizin in den Apotheken. Das macht keinen Sinn.

Besonders kritisch sieht sie die Möglichkeit, bestimmte verschreibungspflichtige Medikamente ohne vorherigen Arztbesuch abzugeben. Apotheker seien zwar Experten für Arzneimittel, könnten aber nicht immer den gesamten medizinischen Hintergrund eines Patienten einschätzen.

Arztbesuch oder gleich zur Apotheke?

Gerade bei Erkrankungen wie Harnwegsinfekten müsse oft individuell entschieden werden, ob überhaupt Antibiotika notwendig seien. "Das erfordert eben eine medizinische Ausbildung und auch eine gewisse Kenntnis über die Patientenhistorie", betont Bublitz.

Auch zusätzliche Impfungen, Blutabnahmen und Tests in Apotheken würden Hausarztpraxen ihrer Ansicht nach nicht automatisch entlasten. Impfungen müssten dokumentiert, Ergebnisse eingeordnet und Patienten weiter begleitet werden. "In der Summe erscheint mir das keine Arbeitserleichterung", sagte sie.

Grundsätzlich könnte sich Bublitz eine engere digitale Zusammenarbeit zwischen Arztpraxen und Apotheken vorstellen - allerdings mit klar abgegrenzten Aufgaben. Apotheker sollten ihre Stärken vor allem bei Arzneimitteln, Wechselwirkungen und Therapiesicherheit einbringen. "Ärztliche Behandlung und ärztliche Beratung bleibt Ärzten vorbehalten, die Arzneimittel bleiben der Apotheke vorbehalten", so die Hausärztin.

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