Von Ärger über Schock bis zur Forderung nach Aufklärung reichen die Reaktionen im Fall deutlich erhöhter Treibhausgase in Baden-Württemberg. Forscher der Goethe-Universität in Frankfurt hatten in einer Untersuchung eine jährliche Menge von bis zu 30 Tonnen des hochklimaschädlichen Treibhausgases SF6 festgestellt - und die Vermutung geäußert, der Verursacher könne die Chemiefabrik Solvay in Bad Wimpfen (Kreis Heilbronn) sein. Die Behörden wussten schon seit Anfang 2024 von dem Vorwurf. Das Unternehmen teilte dem SWR schriftlich mit, dass "die Methodik der Studie nicht ausreicht, um zu beweisen, dass die Emissionen von einer einzelnen Anlage stammen".
- BUND Heilbronn-Franken spricht von Skandal
- Treibhausgas: Kritik an Behörden wegen mangelnder Transparenz
- Bürger schockiert - Bürgermeister erwartet Aufklärung
- Aufsichtsbehörde seit 2024 mit Solvay im Kontakt
- Klage von Solvay gegen Anordnung des Regierungspräsidiums
- Forscher: Keine andere Erklärung als Solvay
BUND Heilbronn-Franken spricht von Skandal
Der BUND Heilbronn-Franken ist empört. "Schon wieder ein Skandal um die Chemiefabrik von Solvay" schreiben die Umweltschützer in einer Stellungnahme. Das belgische Unternehmen sei der einzige Hersteller von SF6 in Europa. Stimmten die Zahlen der Wissenschaftler auch nur ansatzweise, sei es ein Skandal bundesweiten Ausmaßes, so die Naturschutzorganisation.
Treibhausgas: Kritik an Behörden wegen mangelnder Transparenz
Es sei zudem ein Schlag ins Gesicht all derer, die die gesetzten Klimaziele ernst nehmen und in Wärmepumpen, Solaranlagen und klimaschonende Prozesse investieren. Abgesehen davon setze sich der BUND seit vielen, vielen Monaten mit dem Regierungspräsidium Stuttgart zum Fall Solvay auseinander - dabei sei es immer um Ewigkeitschemikalien TFA gegangen.
Sie haben diesen Umweltskandal dadurch gedeckt und weiter möglich gemacht.
Obwohl der Behörde der neue Vorwurf längst bekannt war, habe es keinen Hinweis an die Umweltschützer gegeben. Das spreche nicht für Transparenz und eine gute Zusammenarbeit mit den offiziell anerkannten Umweltverbänden. Die Behörde habe die Emissionen weder drastisch eingeschränkt noch Messungen eingeleitet, um dem Verdacht nachzugehen. Dadurch habe man den Umweltskandal gedeckt, so Regionalvorständin Karin Haug.
Bürger schockiert - Bürgermeister erwartet Aufklärung
In Bad Wimpfen zeigen sich die meisten Passanten in einer SWR-Umfrage überrascht bis schockiert zu den Meldungen. Das Thema sei inzwischen Stadtgespräch, so eine Frau. "Ich bin schockiert, dass so etwas aufgeklärt wird, in dieser Masse", so ein Mann. "Sowas muss aufgeklärt werden", ergänzt eine Frau, "es hat wenig Sinn, darüber zu spekulieren."
Bürgermeister Andreas Zaffran (CDU) ist es wichtig festzustellen, dass das Treibhausgas SF6 weder für Menschen noch für Tiere schädlich sei. Es habe niemals Gefahr bestanden. Er erwarte nun, dass übergeordnete Behörden bis zum Umweltministerium die Vorwürfe aufarbeiten, "zügig, sachorientiert und transparent".
Aufsichtsbehörde seit 2024 mit Solvay im Kontakt
Umweltministerium und Regierungspräsidium Stuttgart haben nach eigenen Angaben 2024 von der Studie erfahren. Das Regierungspräsidium sei direkt auf Solvay zugegangen und habe gefordert, Lecks zu suchen, auszubessern und zu messen, ob die Maßnahmen Erfolg hatten. Das Unternehmen habe ein Projektteam gegründet, bis dahin unentdeckte Lecks gefunden und geschlossen.
Klage von Solvay gegen Anordnung des Regierungspräsidiums
Wie das Umweltministerium mitteilte, hat das Regierungspräsidium Solvay aufgefordert, abschließende Messergebnisse mitzuteilen, um zu erkennen, ob eine Verbesserung stattgefunden hat. Dem kam das Unternehmen zunächst nicht nach. Daher reagierte die Behörde Anfang November mit einer Anordnung. Gegen diese Anordnung hat Solvay nun eine Klage angekündigt.
Forscher: Messung ergaben keine andere Erklärung als Solvay
Zu den Forschern, die die erhöhten Werte entdeckt haben, gehört Andreas Engel. Er ist Atmosphärenchemiker am Institut für Atmosphäre und Umwelt der Goethe Universität in Frankfurt am Main. Am Taunusobservatorium seien deutlich höhere Werte des Treibhausgases SF6 als bei anderen europäischen Messstationen aufgefallen. Es war klar, es muss eine Quelle geben, sagte der Forscher dem SWR.
Weitere Untersuchungen ließen nur den Schluss zu, dass der Verursacher im Raum Heilbronn zu finden. Dort kommt nur das Chemiewerk Solvay in Frage. Das Unternehmen hatte selbst angegeben, dass es 2023 56 Kilogramm an SF6-Emissionen gab. Das passte mit den Werten der Forscher nicht zusammen.
In Deutschland gebe es im Jahr 100 Tonnen an Emissionen, die bei der Produktion von SF6 entweichen. Ohne Emissionen gehe es bei der Produktion wohl nicht, sie sollten aber so niedrig wie möglich bleiben, so der Forscher. Größter Emittent weltweit sei China mit 5.000 Tonnen.