Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) aus dem Main-Tauber-Kreis stärkt Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) den Rücken. Auch sie will die telefonische Krankschreibung (AU) überprüfen lassen. Merz hatte vergangene Woche in Bad Rappenau (Kreis Heilbronn) mit der Aussage Wellen geschlagen, der Anstieg der durchschnittlichen Krankheitstage in Deutschland für 2024 sei womöglich auf die telefonische AU zurückzuführen. Während die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) den Politikern beipflichtet, sieht es in den Praxen anders aus.
KBV will telefonische Krankschreibung abschaffen
Im "Tagesspiegel" sagte der Vorsitzende der KBV, Andreas Gassen, die telefonische AU gehöre abgeschafft. Er sieht sie auch nicht als Entlastung für die Praxen, was bislang das Hauptargument für diese Regelung war.
Hausärzteverband BW: Abschaffung der Telefon-AU wäre kurzsichtig
Dafür gab es unter anderem Kritik vom Hausärzteverband BW (HaeVBW). Man stehe hinter der telefonischen AU, so der Verband auf SWR-Anfrage. Sie bringe Entlastung in den Hausarztpraxen. Dem pflichten auch Elisabeth Körber-Kröll, Allgemeinmedizinerin und Vorsitzende der Ärzteschaft Schwäbisch Hall, und ihr Kollege Tobias Neuwirth aus Neckarsulm (Kreis Heilbronn) bei.
Körber-Kröll wie auch der HaeVBW betonen außerdem, die Regelung gelte nur für Erkältungs- und Atemwegserkrankungen und die Erstbescheinigung. Bei allem anderen und für ein Folgeattest müssten die Leute weiterhin in die Praxen kommen.
Ärzteverband fordert Ende der "Scheindebatte"
Der Ärzteverband MEDI Baden-Württemberg nennt die Diskussion um die telefonische Krankschreibung eine "Scheindebatte" und hat ein Ende der Diskussion gefordert. Statt über Formalien zu streiten, müsse stärker nach den Ursachen für die steigende Zahl von Krankschreibungen in Deutschland gefragt werden, erklärte der Verband.
Entscheidend sei, die Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung beispielsweise durch mehr Prävention und Gesundheitskompetenz zu stärken. Prävention und ärztliche Gespräche seien der Schlüssel für erfolgreiche Behandlungen und eine Entlastung des Gesundheitssystems, hieß es. Für solche Leistungen fordert der Ärzteverband MEDI eine angemessene Vergütung.
Lucha gegen Merz: Kritik auch aus der Politik
Auch Landesgesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) kritisiert Merz. Er sieht dem evangelischen Pressedienst (epd) zufolge keine Notwendigkeit die telefonische AU abzuschaffen. Er gibt zu bedenken, dass die Gesellschaft älter würde, was zu längeren Krankheitsperioden führe. Außerdem hätten psychische Erkrankungen zugenommen, die oft lange Auszeiten nach sich zögen.
Politik dagegen - Ärzte aus Heilbronn-Franken dafür Telefonische Krankschreibung: Fluch oder Segen?
Um die telefonische Krankschreibung zanken sich Medizin und Politik schon länger. Geht es nach einigen Politikern, soll sie wieder abgeschafft werden. Ärzte widersprechen.
Krankenkassen: telefonische AU macht nur geringen Prozentsatz aus
Laut der AOK Heilbronn-Franken macht die telefonischen AU gerade einmal 1,5 Prozent aus. Das gehe aus den Zahlen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK hervor, so Sprecher René Schilling. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam das Zentralinstitut der Kassenärztlichen Versorgung (Zi). Die analysierten die Zahlen der BARMER Krankenkasse von 2020 bis 2023. Das Ergebnis: Die telefonische AU macht jährlich rund 0,8 bis 1,2 Prozent aus.
eAU hat viel größere Auswirkung auf Anstieg der Krankheitstage
Vielmehr sind laut AOK die Statistiken inzwischen genauer. Durch die Einführung der elektronischen AU würden alle Krankheitstage bei den Kassen erfasst. Das bestätigt auch der Hausärzteverband BW: "Die Einführung der eAU hat zu einem Anstieg der registrierten Krankschreibungen geführt. Dies liegt jedoch nicht an einer tatsächlichen Zunahme von Erkrankungen, sondern an der effizienteren Erfassung der Daten."