Die Zahl der Waschbären steigt im ganzen Land. Die Tiere können Krankheiten übertragen und auf ihrem Speiseplan stehen unter anderem geschützte Tiere. Deswegen versucht die Stadt Karlsruhe, den Bestand in den Griff zu bekommen. Dazu greift sie auf bewährte Maßnahmen zurück - und testet neue aus.
Auf Spurensuche nach den Waschbären
Die Karlsruher Wildtierbeauftragte Patricia Brandbeck ist an diesem Tag unterwegs in den Karlsruher Rheinauen. Zusammen mit dem Revierjäger Philippe Pusch laufen sie durch das Dickicht. Sie sind auf Spurensuche. Dass Waschbären in den Karlsruher Rheinauen leben, wissen sie bereits. Wichtig für ihre Arbeit ist, herauszufinden, wo genau. Es dauert nur wenige Minuten, bis Pusch an einem Baum stehenbleibt. Darunter liegen Reste von Krebspanzern in einem Kothaufen. Die seien schwer zu verdauen. Ein Hinweis auf Waschbären.
Der Fuchs geht nicht ins Wasser und fängt Krebse. Das kann eigentlich nur der Waschbär.
Durch seine Pfoten, die an Finger erinnern, könne der Waschbär feinmotorischer vorgehen als andere Tiere. Pusch vermutet, dass er die Krebse nicht nur aus dem nahegelegenen Wasser gefischt, sondern auch direkt geknackt habe.
An anderen Bäumen hat der Revierjäger schon vor einigen Tagen Kratzspuren und Pfotenabdrücke gefunden. Dass Waschbären hier leben, ist für ihn damit sicher.
Waschbären werden aktiv bejagt
Ein paar Minuten Fußweg entfernt hat der Revierjäger Fallen aufgestellt. Auf seinem Handy zeigt er eine Benachrichtigung. Eine Falle hat ausgelöst. Bekommt er diese Nachricht, geht er auf direktem Wege dorthin. Auch damit ein potenziell gefangenes Tier bei den heißen Temperaturen nicht zu lange ausharren muss.
Im Inneren der Falle liegt Mais, versetzt mit einem Lockstoff. Greifen die Tiere nach dem Futter, lösen sie die Falle aus und sind gefangen. Verletzt werden sie dabei nicht. Es handelt sich um Lebendfallen.
Waschbären können für Menschen gefährlich werden
Bevor Pusch die Falle öffnet, zieht er Handschuhe und eine Maske an. Denn Waschbären können eine Vielzahl von Krankheitserregern in sich tragen. Diese werden hauptsächlich durch den Kot und den Urin der Tiere übertragen.
Das ist laut Patricia Brandbeck auch einer der Gründe, warum man versuchen müsse, die Ausbreitung der Waschbären einzudämmen. Von den Rheinauen ist es nicht weit ins Karlsruher Stadtgebiet. Längst gab es auch schon dort Sichtungen.
Waschbären koten überall hin, mit Vorliebe zum Beispiel auch in Sandkästen. Und wenn man sich dann vorstellt, man hat da kleine Kinder, die da spielen und vielleicht auch in einem Alter sind, wo sie auch alles noch in den Mund nehmen, dann ist das eine Situation, die man vermeiden möchte.
Bejagung als Teil der Maßnahmen
Karlsruhe hat mehrere Maßnahmen zur Eindämmung der Waschbären beschlossen. Etwa bestehe ein Fütterungsverbot für Wildtiere. Schilder dazu finden sich überall in den Rheinauen.
Trotzdem sei die Bejagung ein wichtiger Teil des Gesamtkonzepts. Sollte in der Falle von Pusch ein Waschbär sein, muss er ihn nach tierschutzrechtlichen Vorgaben erlegen. Dazu hat er die Erlaubnis, eine Waffe zu benutzen. Den Bestand auszurotten sei aber nicht das Ziel. Das sei laut Patricia Brandbeck auch überhaupt nicht möglich.
Wir konzentrieren uns auf sogenannte Hotspots, die konfliktträchtig sind. Also sogenannte Mensch-Wildtier-Konflikte. Etwa, wenn Kinder in der Nähe sind oder bestimmte Hygienebereiche, oder Hotspots, die aus Artenschutzsicht relevant sind.
Die Falle von Pusch war heute leer. Das passiere hin und wieder. Er hat Wildschweine im Verdacht, die in der Nacht gegen die Falle gelaufen sein könnten und sie damit eventuell ausgelöst haben. Generell gingen dem Jäger in letzter Zeit aber deutlich mehr Waschbären in die Falle.
Waschbären in Baden-Württemberg mittlerweile fast flächendeckend verbreitet
Laut des aktuellen Wildtierberichts des Ministeriums für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz aus dem Jahr 2024 war die Ausbreitung zu diesem Zeitpunkt schon beinahe flächendeckend in Baden-Württemberg. Die meisten Sichtungen gab es im Nordosten des Landes. Die Zahlen sind im Vergleich zu Beginn der 2000er Jahre stark gestiegen. Diesen Trend beobachte man auch in Karlsruhe. Vor allem in den letzten Jahren sei die Population laut Patricia Brandbeck massiv gestiegen.
Waschbären gefährden heimische Tierarten
Weil man diesen starken Zuwachs beobachtet, wolle man den Bestand präventiv regulieren. Auch weil Waschbären nicht nur für den Menschen gefährlich werden können, sondern auch für heimische Tiere, die man unter anderem schon aktiv schützt. Denn sie sind Allesfresser. Auf ihrem Speiseplan stehen deshalb auch Vögel, Fledermäuse und Amphibien. In Karlsruhe schützt man zum Beispiel gezielt Gelbbauchunken. Für die Froschlurche wurden in der Vergangenheit etwa Teiche angelegt.
Schütz für gefährdete Vogelarten in Karlsruhe wird derzeit getestet
Waschbären sind hervorragende Kletterer, erzählt Patricia Brandbeck. Mit Folgen für die Tiere, die in den Bäumen leben. Wie man etwa gefährdete Vogelarten und Fledermäuse vor den Waschbären schützen kann, wird derzeit in den Karlsruher Rheinauen aktiv erprobt. An ausgewählten Bäumen wird ein sogenannter Überkletterungsschutz angebracht. Eine Baummanschette aus Metall, die Waschbären daran hindern soll, auf die Bäume zu klettern und die dortigen Vögel und Fledermäuse zu fressen oder sich in Baumhöhlen einzunisten.
Dabei bekommt Brandbeck Hilfe von Hannah Hückelhoven. Sie studiert Biodiversität und Umweltbildung an der Pädagogischen Hochschule in Karlsruhe. Für ihre Masterarbeit wertet sie gerade die ersten Ergebnisse mithilfe installierter Wildtierkameras aus.
Das Projekt läuft noch bis in den Herbst. Sicherlich könne man nicht jeden Baum mit einem Überkletterungsschutz ausstatten. Wie bei der Bejagung könne man sich aber vorstellen, die Maßnahme in Hotspots einzusetzen, um den Bestand damit gezielt zu regulieren.
Waschbären sind gekommen, um zu bleiben
Die gezielte Regulierung sei die einzige Möglichkeit, gegen die Waschbären vorzugehen. Die Tiere komplett zu vertreiben oder gar auszurotten, sei weder gewollt noch möglich. Auch aus rechtlicher Sicht sei das weder vorgesehen noch zulässig. Bei all den Maßnahmen, die man betreibt, um Schäden und Konflikte zu vermeiden, ist es Brandbeck wichtig zu betonen, dass der Waschbär immer noch ein Lebewesen ist, mit dem man respektvoll und sorgsam umgehen müsse.