Vor zwei Jahren, am 7. Oktober 2023, hatte die Terrororganisation Hamas das schlimmste Massaker in Israels Geschichte angerichtet. Rund 1.200 Menschen wurden getötet, mehr als 250 entführt. Seit dem Überfall ist für die Jüdische Gemeinde in Mannheim vieles anders. Die Gemeinde leidet mittlerweile unter einer zunehmend feindlichen Stimmung in Mannheim, erzählt die Erste Vorsitzende Heidrun Deborah Kämper im Interview mit SWR Aktuell.
SWR Aktuell: Fangen wir mit Mannheim an. Hier gibt es einen großen Anteil muslimischer Bevölkerung, viele sympathisieren sehr mit der palästinensischen Sache. Es gibt viele Demonstrationen und die Jüdische Gemeinde steht unter Druck. Wie gehen Sie damit um?
Deborah Kämper: Das ist natürlich ein Problem seit zwei Jahren. Wir haben regelmäßig auf dem Marktplatz am Schabbat, also an unserem Ruhetag, Demonstrationen und Märsche durch die Fußgängerzone. Wie gehen wir damit um? Wir sind bedrückt, dass es so ist. Einzelne Mitglieder stellen sich dort den Akteuren und diskutieren. Man kommt natürlich nicht zusammen. Die Positionen sind ganz klar. Man kann sich nicht gegenseitig überzeugen, dass die eigene Position die richtige ist.
Seit dem 7. Oktober verfolgen wir verstärkt die Politik, dass wir ein offenes Haus sind.
Als Jüdische Gemeinde, als Ganzes, verfolgen wir seit dem 7. Oktober 2023 verstärkt die Politik, dass wir ein offenes Haus sind. Wir waren es immer schon und jetzt erst recht. Wir machen unsere Führungen, wir machen Veranstaltungen, öffentliche Veranstaltungen und Lesungen, Konzerte etc. Und natürlich das religiöse Leben. Das passiert alles und das ist uns ganz besonders wichtig. Das ist unsere Antwort, dass wir kulturell, religiös da sind. Das ist unsere Antwort auf das, was da passiert.
Natürlich haben wir unsere Sicherheitsvorkehrungen verstärkt, wir haben unser Personal aufgestockt, die Polizei ist bei Veranstaltungen verstärkt vor Ort.
SWR Aktuell: Einmauern, Abschotten ist also nicht die Methode, sondern eher Offenheit, Kontakt suchen?
Kämper: Richtig, genau so ist es. "Zaytouna" zum Beispiel, das sind Hauptakteure der Demonstrationen, obwohl diese Organisation vom Verfassungsschutz beobachtet wird, die als terroristisch gilt. "Free Palestine" ist eine weitere große Organisation und die Nahost-Gruppe, das sind die Akteure. Den Kontakt zu diesen Menschen suchen Einzelne aus der Gemeinde, die sich mutig genug und stark genug fühlen, das zu tun, aber nicht als Gemeinde, als Vertreter der Gemeinde, sondern als Einzelperson.
Jahrestag des Überfalls der Hamas auf Israel Erinnerung an den 7. Oktober 2023 in BW: Gedenkveranstaltungen und Pro-Palästina-Demos
Jüdische Organisationen in Baden-Württemberg gedenken am Dienstag des massenhaften Mordes an Menschen in Israel am 7. Oktober 2023. Gleichzeitig gibt es Pro-Palästina-Proteste.
SWR Aktuell: In einer Stadt, die durch Zuwanderung auch zunehmend muslimisch wird, wird ihre Position immer schwieriger?
Kämper: Das ist richtig. Wir haben bis vor zwei Jahren eben in einem sehr guten Einvernehmen miteinander agiert. Wir haben das Forum der Religionen, wir sind hier in einem Stadtteil, der wird Klein-Istanbul genannt, und bis vor kurzem war das kein Problem. Eigentlich, sage ich jetzt mal dazu, ist es auch jetzt kein Problem in dem Sinn. Denn die Akteure, die auf dem Marktplatz unterwegs sind und in der Fußgängerzone, sind aus meiner Sicht, zumindest zum großen Teil, nicht diejenigen, mit denen wir es sonst hier zu tun haben. Das sieht man, das weiß man auch. Das sind nur zum geringeren Teil Mannheimer, die kommen aus Ludwigshafen, aus Karlsruhe, aus dem Odenwald und treffen sich hier in Mannheim. Und deswegen gilt Mannheim ja inzwischen als Hotspot dieser Bewegung.
SWR Aktuell: Wir haben natürlich eine geopolitische Problematik, die hier nach Mannheim reinwirkt. Wir haben den bestialischen Überfall der Hamas vor zwei Jahren auf Israel und die Gegenreaktion, die zunehmend auf Widerstand stößt. Wie erklärt man als Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, was die Regierung Netanjahu heute macht?
Kämper: Wir erklären uns nicht als Jüdische Gemeinde. Wir haben hier in der Gemeinde unterschiedliche Positionen, wie eben in Israel auch. Es gibt Demonstrationen gegen Netanjahu und es gibt viele Befürworter seiner Politik. Wir möchten dazu nicht Stellung nehmen. Als Einzelperson natürlich haben wir unsere Meinung, aber nicht als Institution.
Was wir tun, ist, dass wir uns der Position des Zentralrats anschließen. Also es war, wie Sie es richtig gesagt haben, ein terroristischer, bestialischer Überfall. Die Hamas hat es in der Hand, indem sie die Geiseln freilässt, den Krieg sofort zu beenden. Und die humanitäre Lage natürlich ist katastrophal und da könnte Israel mehr tun. Dem schließen wir uns an.
Wenn wir von Israel sprechen, dann sprechen wir nicht von Netanjahu und seinem Kabinett.
SWR Aktuell: Auf politischer Ebene habe ich den Eindruck, dass die Sache so langsam kippt. Das heißt, die Sympathie für die Menschen im Gaza-Streifen wird immer größer. Und auf der anderen Seite der Überfall, dringen Sie mit Ihrer Position noch irgendwo durch?
Kämper: Es wird zunehmend schwerer, aber wie gesagt, wir halten uns relativ zurück. Was uns wichtig ist, wenn wir von Israel sprechen, dann sprechen wir nicht von Netanjahu und seinem Kabinett. Wir haben sie nicht gewählt und insofern geben wir dazu keine Stellung ab. Wenn wir von Israel sprechen, meinen wir das Land Israel, meinen wir die Israelis und Israelinnen, die dort leben. Das ist unser Fokus, aber nicht die Netanjahu-Regierung.
SWR Aktuell: Wie gehen Sie mit der Angst um, die sich breitmachen kann?
Kämper: Ja, es ist ein ständiges Gefühl der Sorge, dass was passiert. Schlimme Ereignisse wie in Manchester erhöhen die Sorge natürlich. Die Synagoge, das Gebäude und unsere Mitglieder, wenn sie zum Gottesdienst kommen, sind bisher nicht betroffen gewesen. Wir hatten mal vor drei, vier Jahren so einen kleinen Steinwurf, da ist ein bisschen Glas zersplittert, das war es aber auch.
Wir hatten vor zwei Jahren, ziemlich unmittelbar nach dem Massaker in Gaza, ein riesengroßes Hakenkreuz an der Friedhofsmauer in Rot. Aber damit hat es sich schon. Das ist nicht der Punkt. Die Sorge ist immer da, ganz latent, begleitet uns. Aber es ist jetzt nicht so, dass wir in Panik geraten und uns nicht mehr trauen, aus dem Haus zu gehen.
SWR Aktuell: Die Polizei sagt, es habe sich statistisch nicht viel an der Sicherheitslage geändert, trotz der Verschärfung der öffentlichen Auseinandersetzung. Wie nehmen Sie das wahr?
Kämper: Das nehmen wir entschieden anders wahr. Wenn die Polizei von einer unauffälligen Sicherheitslage spricht, dann meint sie damit, dass Personen physisch zu Schaden kommen, Schlägerei, Messerstecherei und so weiter. Das mag sein. Aber worum es uns geht und was eben auch im Zusammenhang mit dem explodierenden Antisemitismus seit zwei Jahren steht, sind Beleidigungen. Mitglieder werden bespuckt, wenn sie da vorbeigehen. Unser Kantor geht immer mit der Kippa und er kann einiges erzählen, was ihm widerfährt. Ihn als Kindermörder zu beschimpfen, das sind Elemente des zunehmenden Antisemitismus.
SWR Aktuell: Von wem wird das reingetragen?
Kämper: Also, sagen wir mal so, es gibt eine ganz grundsätzliche Position von Menschen arabischen Ursprungs, die mit dieser antijüdischen Haltung groß werden. So sind die Schulbücher gestaltet, so wird öffentlich, wird in Familien, wo auch immer, über Israel gesprochen. Es ist eine antijüdische Haltung. Man kann das aber nicht verallgemeinern.
Wir haben Kontakt zu anderen muslimischen Gemeinden, zum Beispiel zu der bosnischen Gemeinde. Die ist ganz anders positioniert. Insofern muss man genau hinschauen. Natürlich spielt es auch eine Rolle, dass wir im Moment mehr Syrer und Syrerinnen in Mannheim haben. Und wie gesagt, der Zulauf, also dass Mannheim als Hotspot gilt bei dieser Thematik, hat eben auch damit zu tun, dass viele aus dem Umland gerade nach Mannheim kommen und sich hier zu solchen Demonstrationen verabreden.