Das gute Abschneiden der AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat bei ihren Anhängern für Begeisterung gesorgt, bei ihren Gegnern für Entsetzen. Auch in Baden-Württemberg gibt es eine intensive Debatte, sowohl in der Politik als auch in der Zivilgesellschaft. Wie aber sehen es Menschen, die in Sachsen-Anhalt leben? Wir haben mit Vicky Schneider gesprochen. Sie kommt ursprünglich aus Sachsen, hat in Mannheim und Tübingen Lehramt studiert und in Stuttgart ihr Referendariat gemacht. Nach 15 Jahren in Baden-Württemberg lebt sie nun in Sachsen-Anhalt, in der Weinregion Saale-Unstrut. Auch hier hat die die AfD deutlich mehr als 40 Prozent der Stimmen bekommen.
SWR Aktuell: Frau Schneider, hat Sie das deutliche Ergebnis für die AfD am Sonntag überrascht?
Vicky Schneider: Nein. Also, ich bin schockiert über das Ergebnis. Aber überrascht hat es mich nicht, weil die Prognosen ja durchaus in die Richtung gezeigt haben. Und ich wohne ja in Sachsen-Anhalt und höre, was die Menschen denken.
SWR Aktuell: Wie geht es Ihnen damit?
Schneider: Ich schwanke zwischen Verzweiflung und Sorge - und dann doch wieder Optimismus und Hoffnung. Das ist ein richtiges Gefühlsbad. Ich frage mich aber vor allem: Warum? Warum haben so viele Menschen gedacht, dass das notwendig ist oder eine Lösung? Damit hab ich Probleme. Denn für mich steht die AfD hauptsächlich für Wut, Hass und Hetze. Ich kann verstehen, dass Menschen verängstigt sind und dass man sich Sorgen macht insgesamt um die Welt. Aber dann Wut, Hass und Hetze als Lösung zu wählen? Das schockiert mich schon.
SWR Aktuell: Sie haben gesagt, es ist nicht so, dass Sie komplett verzweifelt sind, sondern sie schwanken hin und her. Was gibt Ihnen denn Grund zur Hoffnung oder zum Optimismus?
Schneider: Ich wohne in der Region, und ich kenne die Menschen, habe mit vielen von ihnen zu tun. Ich erlebe sie als sehr nett und hilfsbereit. Und immerhin haben mehr als die Hälfte der Menschen etwas anderes gewählt, also nicht die AfD. Das gibt mir dann schon irgendwo Hoffnung, weil ich denke: Die, die AfD gewählt haben, die wussten vielleicht mit ihrer Verzweiflung nicht wohin und haben deshalb eventuell diesen Ausweg gewählt. Außerdem bin ich grundsätzlich Optimist, ich versuche immer das Gute im Menschen zu sehen und darauf zu hoffen, dass irgendwie doch alles am Ende gut wird.
SWR Aktuell: Was denken Sie, sind die Gründe dafür, dass so viele Menschen in Sachsen-Anhalt sich für die AfD entschieden haben?
Schneider: Das ist ja vielfältig, aber was man in Gesprächen viel hört, ist diese Sehnsucht nach etwas Vergangenem. Also: Dass früher alles besser war, es mehr Gemeinschaft gab, mehr für die Orte getan wurde usw. Und zum Teil fühlen die Menschen sich auch einfach verlassen. Sie denken: Die sehen uns da oben ja sowieso nicht, keiner hört auf uns, denen ist doch sowieso alles egal. Und da holt die AfD sie ab, das machen die sehr gut. Die haben ja auch quasi keine Zukunftsvision, sondern die sagen nur, dass alles was jetzt ist, schlecht ist.
Was man in Gesprächen viel hört, ist die Sehnsucht nach etwas Vergangenem. [...] Und da holt die AfD sie ab, das machen die sehr gut.
SWR Aktuell: Ist das aus Ihrer Sicht ein ostdeutsches Phänomen?
Schneider: Nein, absolut nicht. Wir sind ein gemeinsames Deutschland, wir haben ein gemeinsames Problem hier. Viele Menschen sind aktuell sehr wütend und sehr verzweifelt, und ich denke nicht, dass es nur Ostdeutsche sind, die verzweifelt sind, sondern es sind viele. Die AfD hat ja nicht nur bei uns einen großen Anteil, in Baden-Württemberg sind sie auch mit vielen Stimmen in den Landtag gekommen. Daher würde ich sagen, dass es ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, was wir da haben.
Viele Menschen sind aktuell sehr wütend und sehr verzweifelt, und ich denke nicht, dass es nur Ostdeutsche sind, die verzweifelt sind, sondern es sind viele.
SWR Aktuell: Spielt es gar keine Rolle, dass der Verfassungsschutz die Partei als gesichert rechtsextrem einstuft?
Schneider: Ich hab das Gefühl, das ist den AfD-Wählern einfach egal. Es herrscht so die Meinung: "Die da oben" sind sowieso alle Verbrecher - und dann sind die von AfD eben auch Verbrecher. Das wird einfach bagatellisiert. Generell herrscht eine Grundskepsis allem gegenüber, was auf eine Verwaltungsebene geht. So nach dem Motto: Die wollen uns sowieso alle was Böses.
SWR Aktuell: Wie schauen Sie vor diesem Hintergrund in die Zukunft?
Schneider: Direkt nach dem Sonntag ging es mir nicht gut, ich hab gedacht, die Menschheit geht den Bach runter. Aber so kann ich nicht leben. Ich kann mich nicht in ein Loch setzen und jetzt alles blöd finden. Sondern ich muss für mich optimistisch bleiben. Ich habe mich schon länger für meine Gemeinde engagiert und werde das auch weiterhin tun. Und im Gespräch bleiben mit den Menschen. Vielleicht ist das jetzt auch so eine Art Wachruf: Dass man vielleicht noch mehr tun muss. Also sich in seiner Gemeinde stark machen, mehr mit Menschen sprechen. Den Optimismus, den man selber spürt, mehr in die Welt streuen. Und hoffen, dass das vielleicht irgendeinen Effekt hat.