Auswirkungen auf BW

"Labor Sachsen-Anhalt": Was der AfD-Wahlsieg fürs Land bedeuten kann

Das Erstarken der AfD im Osten wirkt sich auch auf Baden-Württemberg aus: Forschende warnen vor mehr Polarisierung, die Zivilgesellschaft hofft und bangt zugleich.

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Von Autor/in Annika Jahn

Apotheker Birger Bär hat gute Laune. Zwei Tage nach dem Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt hofft er, dass sich nun etwas ändert. Auf seinem schwarzen T-Shirt prangen drei goldene Buchstaben "A f D". In diesem Outfit bedient er Kunden in seiner Lörracher Apotheke. Hin und wieder werde er auch mal auf das T-Shirt angesprochen, sagt er. Nicht immer gebe es da Zuspruch. Stören tue ihn das nicht. "Ich möchte die Leute natürlich auch zum Nachdenken anregen", sagt er.

AfD-Mitglied erhofft sich durch Wahlsieg im Osten Verbesserungen

Seit zwei Jahren ist Bär AfD-Mitglied. Vor über 20 Jahren war er mal bei der CDU. Doch das sei lange her. Beim Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt am Sonntag, also dem Landesverband, der vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft ist, war er live in Magdeburg dabei - und hat mitgefeiert. Er fühlt sich bestätigt: "Was wir schon immer kritisiert haben und wo wir uns jetzt Besserungen erhoffen, auch bundesweit." Er hoffe, dass sich jetzt auch in Baden-Württemberg etwas bewege, so sagt er.

Auf dem T-Shirt von Apotheker Birger Bär prangen zwei Tage nach dem Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt drei goldene Buchstaben: "A F D".
Auf dem T-Shirt von Apotheker Birger Bär prangen zwei Tage nach dem Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt drei goldene Buchstaben: "A f D".

Soziologe rechnet mit mehr Polarisierung als Effekt

Dass sich die gesellschaftliche Stimmung auch im Südwesten verändert, damit rechnet Soziologe Alexander Yendell vom Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt. Zusammen mit etwa 200 anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern untersucht er, wie sich der gesellschaftliche Zusammenhalt in Zeiten von Transformation und Krisen in Deutschland entwickelt. Es könne sein, dass die Gesellschaft noch polarisierter werde und sich noch mehr Spaltung zwischen AfD-Gegnern und AfD-Befürwortern zeige. AfD-Wählerinnen und -Wähler fühlten sich "legitimiert" und "bestätigt", so Yendell. "Rechtsextreme oder rassistische Einstellungen zu äußern, wird salonfähiger." In Baden-Württemberg wird die AfD vom Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall beobachtet.

Politische Einstellungen ändern sich langsamer, Verhalten ändert sich schneller

Nach Auffassung von Yendell ist es gleichzeitig möglich, dass die Wahl in Sachsen-Anhalt die Gegnerschaft der AfD mobilisiert. Die Forschung habe gezeigt, dass sich politische Einstellungen nicht unmittelbar ändern. "Da wissen wir sogar aus der Einstellungsforschung, dass rechtsextreme Einstellungen weniger geworden sind in den letzten 20 Jahren, also bundesweit", sagt der Soziologe. Durch äußere Umstände wie Krisen, schlechte Wirtschaftslage und Unzufriedenheit könne sich aber das Verhalten ändern - und demnach auch Parteien wie die AfD mehr Zuspruch erhalten.

Mitglieder von Demokratie-Bündnis besorgt vor AfD-Erstarken

Renate Rack-Weber vom Waiblinger Bündnis für Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechte machen diese Entwicklung und das Wahlergebnis aus Sachsen-Anhalt Sorge. Sie verspüre "Frust und Traurigkeit" und könne nicht nachvollziehen, was in den Menschen dort vor sich geht, dass sie so unzufrieden seien, sagt Rack-Weber. Zu lange hätten die demokratischen Parteien diese Stimmung nicht aufgenommen und der AfD das Feld überlassen. Die habe das clever genutzt. "Das haben die demokratischen Parteien einfach völlig verschlafen", sagt sie.

Zusammen mit ihren Mitstreitern will Rack-Weber als Bürgerin mit den Menschen mehr ins Gespräch kommen und Gründe diskutieren, warum manche die AfD unterstützen. Die Initiative hat sich nach dem Treffen von AfD-Vertretern und Rechtsextremisten in Potsdam gegründet, als die Diskussion um Remigration Fahrt aufnahm. Ihr Ziel: "diese Stimmung im Land wieder in eine andere Richtung zu lenken", sagt Rack-Weber.

Wenige Tage nach der Wahl in Sachsen-Anhalt: Das Waiblinger Bündnis für Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechte trifft sich.
Wenige Tage nach der Wahl in Sachsen-Anhalt: Das Waiblinger Bündnis für Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechte trifft sich.

Wird die AfD in Regierungsverantwortung entzaubert?

Auch Bernd Gröber ist Mitglied des Bündnisses und kommt sogar gebürtig aus Halle in Sachsen-Anhalt. Er rechnet nicht damit, dass es der AfD gelingt, eine wirkliche Alternative zu bieten. Aus der Opposition heraus könne man alles versprechen. Plötzlich Verantwortung zu haben, sei etwas anderes. "Da liegen Welten dazwischen", sagt Gröber. Spätestens dann werde die AfD entzaubert, so seine Prognose. Noch fürchtet er ein weiteres Erstarken der AfD in Baden-Württemberg nicht. Aber wenn Werke schließen, "dann haben sie ja auch 40 Prozent AfD, weil genau das passiert, was die immer sagen, dass die großen Parteien nichts gebacken kriegen", so Gröber.

AfD-Mitglied sieht Sachsen-Anhalt als "Labor"

Apotheker und AfD-Mitglied Bär hofft darauf, dass die "blaue Welle" auch nach Baden-Württemberg überschwappt: "Gerade in diesem Labor Sachsen-Anhalt kann man ja mal sehen, was dann daraus wird." Eine AfD-Regierung könne dort stärker durchgreifen oder auch die Schulpolitik verändern. In Baden-Württemberg dauere dieser Wandel aber noch, schätzt er. Er wünscht sich, dass die Hand in Richtung AfD in Zukunft mehr ausgestreckt wird und andere aufhören, die Partei zu "bashen". Rechtsextreme Tendenzen könne er bei der AfD nicht erkennen. Das gehöre "ins Reich der Märchen" - auch wenn der Verfassungsschutzbericht das belegt.

Wenn ihr eine rechtsextreme Partei wählt, verhaltet ihr euch rechtsextrem.

Hier liege ein wichtiger Schlüssel, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Zukunft zu sichern, meint Soziologe Alexander Yendell. Nicht alle AfD-Wähler seien von Grund auf rechtsextrem eingestellt. Aber: "Man muss ihnen ganz klar sagen, wenn ihr eine rechtsextreme Partei wählt, verhaltet ihr euch rechtsextrem", so Yendell. Auf Bundesebene und auch in Baden-Württemberg müsse man die Unsicherheiten der Menschen ernst nehmen. "Aber gleichzeitig muss man den Menschen auch eine Grenze setzen, um zu sagen, mit Unsicherheiten können wir nicht undemokratisch umgehen."

Vor allem in der Schule könnten Fähigkeiten wie Empathie oder Perspektivwechsel mehr an Kinder und Jugendliche vermittelt werden. "Ich hab manchmal so den Eindruck, dass noch nicht alle Menschen verstanden haben, wie gefährlich diese Situation gerade ist", findet Yendell.

Demokratie-Bündnis fordert mehr Dialog von Politikern

Renate Rack-Weber vom Bündnis für Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechte wünscht sich, dass sich Politiker genau dazu auch mehr unter die Bevölkerung mischen. "Mit den Menschen direkt ins Gespräch kommen, nicht immer nur in ihren Gremien diskutieren, sondern wieder näher an der Bevölkerung dran sind, das Ohr an den Sorgen und Nöten haben." Auch mit ihrem Bündnis hoffen sie, ein Stück weit zu verhindern, dass die AfD hier im Land durch Wahlen wie in Sachsen-Anhalt stärker wird.

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