In den kommenden Monaten sollen in Mannheim alle installierten stationären Kameras in Verbindung mit künstlicher Intelligenz (KI) laufen. Das hat die Polizei Mannheim gegenüber dem SWR bestätigt. 68 Kameras gibt es aktuell in Mannheim. Wenn man Heidelberg hinzuzählt, sind es sogar 91. Beide Städte liegen im Zuständigkeitsbereich des Mannheimer Polizeipräsidiums. Bereits jetzt, Ende 2025, laufen 46 Kameras in Mannheim mit der Software, die eine intelligente Videoüberwachung - einen "Videoschutz", wie es offiziell heißt - ermöglicht.
Kameras an Kriminalitätsschwerpunkten in Mannheim
Auf großen Displays verfolgen Mannheimer Polizistinnen und Polizisten in Echtzeit die Lage. Das Führungs- und Lagezentrum ist ein großer, heller Raum. Alle wichtigen Informationen fließen dort zusammen. Der Ort ist das Gehirn der Einsatzkräfte für die gesamte Region. In Sichtweite sitzen sogenannte Videosachbearbeiter, die Kriminalitätsschwerpunkte mit Hilfe von hochauflösenden Kameras im Blick haben. Zoomen, schwenken, Bildausschnitte auswerten - alles ist nur einen Klick entfernt.
Digitales Skelett und algorithmenbasierte Auswertung
Trotz KI: Die Beamten haben jeweils sechs Bildschirme im Blick. Menschen warten in der Breiten Straße auf die Bahn, gehen über den Bahnhofsvorplatz, schlendern über den Alten Messplatz. Einer der Bildschirme ist allerdings schwarz. Eine KI analysiert hier ständig im Hintergrund und ermöglicht eine algorithmenbasierte, anonymisierte Auswertung. Erst wenn etwas auffällig ist, gibt es einen Hinweis. Dann grenzt das System mit einem rechteckigen Kasten das Geschehen auf einem der Bildschirme ein. Die Technik stammt vom Fraunhofer Institut. Bilddaten werden so verarbeitet, dass Personen zunächst auf ein "digitales Skelett" reduziert werden. Dadurch kann das System Bewegungen und Körperhaltungen analysieren, ohne direkt Gesichter oder Identitäten zu erkennen. Videodaten werden nach 24 Stunden wieder gelöscht. All das läuft im Hintergrund.
KI lernt in Mannheim aus realen Situationen
Im Vordergrund steht zügige Aufklärung: Das ist der Zweck des ganzen Systems. Im Gefahrenfall sind Einsatzkräfte schnell vor Ort. Entweder, weil den Beamtinnen und Beamten vor dem Bildschirm etwas auffällt. Oder: Weil die KI darauf hinweist. Treten, Schlagen, Hinfallen - das sind Auslöser für die KI. Doch weil jeder Tritt, jede Bewegung oder auch jedes Ziehen eines Messers anders aussehen kann, muss die KI immer weiter trainiert werden. Möglicherweise, heißt es von Seiten der Polizei Mannheim, in Zukunft genauso, wie das aus Videospielen oder Kinofilmen bekannt ist: Mit Hilfe von Kugeln, die an Gelenken das menschliche Skelett nachempfinden. So lernt die KI immer schneller, was eine Straftat sein könnte, und was nicht. Doch die KI lernt auch aus realen Situationen.
Polizeiarbeit ohne Videokameras in Mannheim kaum vorstellbar
Genau das ist aber der Knackpunkt: Einerseits fühlen sich immer mehr Menschen durch den Einsatz der Videosysteme sicher. Tendenz steigend, heißt es von Polizeiseite. Andererseits erzeugt eine breitere Videoüberwachung auch das Gefühl, immer beobachtet zu werden.
Videoüberwachung gibt es nicht nur in Mannheim. Beispielsweise setzen auch Heilbronn oder Stuttgart auf Kameras. Am weitesten ist man offenbar aktuell in Hamburg.
Von Seiten der Polizei Mannheim heißt es gegenüber dem SWR: Dass nach 2026 wieder ohne den Videoschutz gearbeitet wird, sei schwer vorstellbar. Anders gesagt: Alles spricht dafür, dass aus der langen Pilotphase, die seit 2018 läuft, ein dauerhaftes Modell wird. Solange sich Eingriff und Datensicherheit die Waage halten. Ein schmaler Grat, heißt es. Noch wird die klassische Überwachung mit automatischer Analyse kombiniert. Die Beamtinnen und Beamten vor den Bildschirmen wechseln sich nach zwei Stunden ab.
Software Palantir-Gotham bislang kein Thema
Doch neuere Systeme könnten in Verbindung mit der Videoüberwachung mehr möglich machen. Stichwort: Palantir-Gotham: Was klingt wie ein Batman-Blockbuster, ist eine Weiterentwicklung des US Software-Herstellers Palantir. Eine "Datenanalyse- und Verknüpfungsplattform", die für die baden-württembergische Polizei wohl ab dem zweiten Quartal 2026 eingesetzt werden kann. Sie zieht Informationen aus vielen Quellen zusammen.
Trotz massiver Kritik an US-Unternehmen Nutzung umstrittener Polizei-Software von Palantir beschlossen
Trotz öffentlicher Kritik und einer Petition hat der Landtag die Nutzung einer Datenanalyse-Software von Palantir beschlossen. Dafür war eine Änderung des Polizeigesetzes notwendig.
In Kombination mit der Videoüberwachung wären dann polizeiliche Datenbanken, Sozialdaten, Mobilfunk- oder Kommunikationsdaten, oder auch Social-Media-Daten mit dem verknüpft, was auf den Bildschirmen in Echtzeit zu sehen ist. Ein viel tiefgreifenderer Ansatz. Aus Datenschutz-Gründen hoch problematisch. Es wäre eine Big Data-Analyse, die so auch nicht vorgesehen ist. Die Polizei Mannheim sagt deshalb bislang klar: Eine Nutzung der Software im Rahmen des Videoschutzes sei nicht vorgesehen.
Rechtliches KI-Neuland
Die Pilotphase ist mit Beginn des vorerst letzten Pilotjahres deshalb auch eine Annäherung an das, was rein rechtlich überhaupt möglich ist. So wurde beispielsweise das Polizeigesetz - nicht zuletzt wegen Palantir-Gotham - angepasst. Erst im November 2025 hatte der baden-württembergische Landtag der sogenannten Experimentierklausel zugestimmt. Durch sie kann die Polizei nach Angaben der Landesregierung wie es heißt erst "moderne und sachgerechte polizeiliche Befugnisse und vor dem Hintergrund der zunehmenden Digitalisierung auch den Einsatz neuer Technologien - unter anderem solcher, die mit KI ausgestattet sind" weiter erproben. Das gilt besonders für den Einsatz von KI.
KI kann in Verbindung mit menschlicher Expertise bisher beides: Einerseits die Zahl der Straftaten senken. Es sei ein Rückgang an den Kriminalitätsschwerpunkten zu verzeichnen, so die Mannheimer Polizei. Andererseits lässt die KI eine anonymisierte Auswertung zu. Vorurteile, beispielsweise durch Racial Profiling, sollen erst gar keine Rolle spielen. Zudem soll die Kameraüberwachung auch dazu führen, Menschen in hilflosen Situationen früher zu unterstützen.
Für den Jahreswechsel sind die Videosachbearbeiter fest eingeplant. Die Silvesternacht ist jedes Jahr fordernd für Polizistinnen und Polizisten, egal in welcher größeren Stadt. Noch schneller vor Ort sein, ist das Ziel. Darüber hinaus wagen selbst Spezialisten keine Prognosen.