Spitzen der Ermittlungsbehörden als Zeugen im Prozess in Stammheim

LKA-Präsident über Messerangriff in Mannheim: "Man ist fassungslos erschüttert"

Im Staatsschutzverfahren gegen Sulaiman A. nach dem tödlichen Messerangriff auf dem Mannheimer Marktplatz haben die Mannheimer Polizeipräsidentin und der LKA-Präsident ausgesagt.

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Von Autor/in Patrick Figaj

Die Mannheimer Polizeipräsidentin Ulrike Schäfer hat am Donnerstag im Prozess um den Tod des Polizisten Rouven Laur als Zeugin ausgesagt. Dabei war sie sichtlich bewegt. Sie schilderte die Vorkommnise des 31. Mai 2024 auf dem Mannheimer Markplatz aus Sicht der Polizei.

Schräg hinter ihr im Oberlandesgericht Stuttgart sitzt als Nebenklägerin Petra Laur, die Mutter des getöteten Polizisten Rouven Laur. Beide haben immer wieder Kontakt zum Austausch abseits des Prozesses, erzählt Schäfer.

Nach dem plötzlichen Tod ihres Vorgängers war sie Anfang 2024 als Polizeivizepräsidentin noch kommissarisch im Amt. Mittlerweile ist sie die Präsidentin des größten Polizeipräsidiums in Baden-Württemberg - mit mehr als 2.700 Beschäftigten. Und der Tod des Mannheimer Polizisten Rouven Laur beschäftigt sie bis heute. Das unterstreicht Schäfer in ihrer Aussage am Donnerstag eindrucksvoll. Noch immer sei die Aufarbeitung ein großes Thema. Für einige auch erst jetzt, mehr als ein Jahr nach der Tat.

Vorsitzender Richter hebt Tragweite der Mannheimer Tat hervor

Der Vorsitzende Richter Herbert Anderer gibt den Aussagen der beiden Spitzenbeamten am Donnerstag einen Rahmen, indem er hervorhebt, welche Ausstrahlung der Fall auf die Stadt, aber auch auf das ganze Land hatte. Es sei eine weitreichende Tat - und um die Tragweite zu begreifen, seien Stenger und Schäfer geladen.


Ulrike Schäfer macht in ihrer über zweistündigen Aussage sehr deutlich, mit welcher Belastung Polizistinnen und Polizisten besonderes in Mannheim konfrontiert werden: Man sei sehr erfahren, so Schäfer. Vor allem im Bereich Versammlungen. Doch die politische Weltlage spiegele sich in Mannheim wider. Mit vielen Einsätzen. Sie hebt etliche Kriminalitätsschwerpunkte hervor. Nicht zuletzt aber den Mannheimer Marktplatz, den Tatort. Der Platz sei Sinnbild der Vielfältigkeit der Stadt Mannheim. "Dass genau an dem Platz eine islamkritische Veranstaltung stattfindet, das kann man schon hinterfragen." Dennoch sei die Versammlungsfreiheit ein hohes Gut.

Mannheimer Polizeipräsidentin kannte Rouven Laur

Schäfer wirkt sehr aufgeräumt. Eine ruhige Frau mit viel Erfahrung im Polizeialltag. Sie beschreibt geordnete Abläufe in Folge der Tat. Aber auch einen Polizeibeamten, den sie selbst vom Einsatzort wegschickt, als sie den Tatort erreicht. Schäfer beschreibt den Abend des 31. Mai. Schon da erfährt sie, dass Rouven Laur den Angriff nicht überleben wird. Die Öffentlichkeit hat erst zwei Tage später Gewissheit. Noch laufen die lebenserhaltenden Maßnahmen. Sie beschreibt aber auch einen immensen Organisationsaufwand, weil so viele Menschen Anteil nehmen wollen. Trauer, Proteste, offizielle Treffen mit dem Bundespräsidenten. Es sind Tage und Wochen, die auch eine Polizeipräsidentin zeichnen.

In einem Punkt ist Ulrike Schäfer aber sehr eindeutig: Die Polizistinnen und Polizisten auf dem Marktplatz haben aus ihrer Sicht richtig und professionell gehandelt. Dennoch spüre sie, dass es Debatten gerade nach dem 31. Mai gab: Verstärkte Messerverbotszonen, die Migrationspolitik, die Ausstattung der Polizei. Man merke schon, "dass das in der Diskussion ist", sagt Schäfer.

Ein Fall wie dieser lässt sich mit all diesen Mitteln aber nicht verhindern.

Rouven Laur kannte Schäfer aus einem beruflichen Gespräch: Er war in einer Auswahl für den höheren Dienst und spätere Führungsaufgaben. Auch Schäfer sagt: Wenn er den Raum betrat, nahm er ihn ein. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters, was ihr selbst wichtig sei nach dieser Tat, sagt sie: Polizistinnen und Polizisten seien auch nur Menschen. Sie würde sich wünschen, dass das nicht nur schreckliche Taten offenlegen. Sie sagt das auch deshalb, weil es nach der Tat eine für sie bislang unbekannte Dimension an Hass und Hetze im Netz gab. Über Social Media habe es "widerwärtige Kritik am Einsatz gegeben." Mit jungen Kolleginnen und Kollegen habe das in der Folge etwas gemacht.

LKA-Präsident über Mannheim: "Multikulturell geprägte Stadt"

Die Dimension an digitalem Hass fasst der baden-württembergische Präsident des Landeskriminalamtes (LKA) Andreas Stenger in einer Zahl zusammen: 900 Fälle werden aktuell vom LKA Baden-Württemberg im Kontext von Hasskriminalität im Umfeld des Messerangriffs von Mannheim bearbeitet. Und auch Stenger beschreibt eine Behörde, die durch den Angriff bis ins Mark getroffen wird. Persönlich habe ihn der Trauermarsch durch Mannheim tief bewegt. Stenger hat einen engen Bezug zu Mannheim. Er war hier Polizist, später Präsident, bevor er zum LKA zurückging. Er schwärmt fast von der Stadt, von den Menschen, der Multikulturalität, die hier so ausgeprägt sei wie sonst kaum in Baden-Württemberg. Gleichzeitig sei Mannheim aus polizeilicher Sicht aber anspruchsvoll.

Mannheim bietet das ganze Kriminalitätsportfolio.

Er beschreibt von außen ein Präsidium, das unter Dauerbelastung steht. Das LKA hatte die Ermittlungen unter anderem übernommen, da ein Mannheimer Polizist den Angreifer mit einem Schuss niederstreckte. In solch einem Fall hat seine Behörde den Hut auf. Dennoch blieb man im Mannheimer Fall eng im Austausch zu kriminalpolizeilichen Ermittlungen.

Sind Taser für die Polizei eine Lösung?

Kritik am Einsatz weist auch Andreas Stenger deutlich zurück. Auf die Frage, ob Taser eventuell einen Unterschied gemacht hätten, sagt Stenger, dass der Gebrauch der Schusswaffe hier zwingend war. Dennoch sagt Stenger auch, dass Werkzeuge wie ein Taser womöglich den Instrumentenkasten der Polizei erweitern könnten. Andere Forderungen nach besserem Schutz der Beamten bewertet er zurückhaltend. Vieles werde nach Anschlägen diskutiert, vieles versande dann aber auch wieder schnell.

Echtzeit-Video von Marktplatz-Attentat veränderte alles

Sowohl Ulrike Schäfer als auch Andreas Stenger haben eine Dimension des 31. Mai 2024 aber deutlich hervorgehoben: Das Video in Echtzeit, das die Tat zeigt, habe den Unterschied gemacht. Erst so habe der Angriff diese Wucht entfalten, die Aufmerksamkeit erhalten können. Alleine dadurch sei deutlich geworden, sagt Stenger, welche Gefahr von Messern ausgehe. Das Bewusstsein dafür sei enorm gestiegen.

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Nebenkläger lässt sich auf Vergleich ein

Noch sind nicht alle Zeugen gehört, alle Plädoyers gehalten. Ein Urteil könnte es Mitte September geben. Das psychiatrische Gutachten über Sulaiman A. steht ebenfalls noch aus. Einen Abschluss hat das Verfahren am Donnerstag allerdings schon mit sich gebracht: Eines der Opfer, Paul Z., ging über seinen Anwalt einen Vergleich mit der Verteidigung des Angeklagten ein. Sulaiman A. muss ihm 8.000 Euro zahlen und die Prozesskosten für ihn tragen. Sollte er jemals wieder die finanziellen Mittel dazu haben. Er nimmt all das reglos zur Kenntnis.

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Autor/in
Patrick Figaj
SWR Journalist Patrick Figaj