Nach dem DFB-Pokalspiel in Mannheim am Freitag hat die Polizei Ermittlungen unter anderem wegen verschiedener Körperverletzungsdelikte, Sachbeschädigungen und Verstößen gegen das Sprengstoffgesetz eingeleitet. Bei dem Spiel wurden 35 Polizistinnen und Polizisten leicht verletzt, zudem mussten 85 weitere Personen medizinisch versorgt werden.
Fan-Verband kritisiert Vorgehen der Polizei
Nach den Ausschreitungen am Freitag kritisiert der Fan-Dachverband "Pro Waldhof" zwar das Verhalten zahlreicher Fans, aber auch das der Polizei. In einer Stellungnahme heißt es, dass man Aktionen, die den Ablauf eines Fußballspiels stören oder Menschen in Gefahr bringen, strikt ablehne. Gleichzeitig sieht der Verband aber auch bei der Polizei Klärungsbedarf.
Ja, die Polizei hatte einzugreifen, Leute haben auf dem Platz nichts zu suchen. Andererseits ist es eine Frage des Wie. Und das war dann doch eine Nummer zu heftig.
Die Einsatzkräfte haben aus Sicht von "Pro Waldhof" nicht deeskalierend gehandelt. Stattdessen habe der Einsatz von Schlagstöcken und Pfefferspray die Situation auf der Fantribüne unnötig verschärft.
Südwest-Derby im DFB-Pokal Raketen, Platzsturm, Unterbrechung: Eskalation bei Waldhof Mannheim gegen den FCK
Pyrotechnik, Unterbrechung und ein Platzsturm: Das Pokalspiel zwischen Waldhof Mannheim und dem 1. FC Kaiserslautern geriet beim Übergang in die Verlängerung außer Kontrolle.
Polizeigewerkschaft verteidigt Vorgehen der Einsatzkräfte
Thomas Mohr, Vorsitzender der Polizeigewerkschaft (GdP) Mannheim, verteidigt dagegen das Vorgehen der Einsatzkräfte. Im Interview mit dem SWR sagte er am Montag, wenn die Polizei anders gehandelt hätte, wäre die Situation vielleicht weiter eskaliert. Die Fans, die in solchen Momenten den Platz stürmen, seien zum Teil sehr gewalttätige Personen aus der Ultra-Szene. "Wenn man die dingfest machen will, dann muss man auch teilweise so eine Einsatzmaßnahme durchführen."
Wenn es zu solchen krassen Szenen kommt, dann ist es ja ganz offensichtlich, dass das Sicherheitskonzept des Vereins nicht aufgegangen ist.
Ähnlich sieht es baden-württembergs Innenminister Manuel Hagel (CDU). Am Montag teilte er dem SWR schriftlich mit: "Für die Sicherheit in den Stadien sind die Vereine zuständig." Wenn es allerdings zu Szenen wie am Freitag komme, dann sei es "ganz offensichtlich, dass das Sicherheitskonzept des Vereins nicht aufgegangen ist", so Hagel. Die Polizei sei "schnell, konsequent und hart gegen diese Randalierer vorgegangen". Ein "Weiter so!" sei jetzt falsch, viel mehr müsse geklärt werden, wie es möglich war, dass so viel Pyrotechnik ins Stadion geschmuggelt werde konnte. Der Minister will zeitnah mit den Fußballbundesligavereinen darüber sprechen, welche Konsequenzen für künftige Hochrisikospiele gezogen werden können, wie die Vereine ihre Sicherheitskonzepte bei Hochrisikospielen anpassen müssen und was das für die Zusammenarbeit bei den Stadionallianzen bedeutet.
Gewalt und Pyrotechnik - Normalität im Fußballstadion?
Für Thomas Mohr (GdP) ist es nicht überraschend, dass Pyrotechnik den Weg ins Stadion findet, nur von der Menge ist er schockiert. Aus seiner Erfahrung gelangen Sprengkörper beispielsweise zum Teil schon Tage vor dem Spiel ins Stadion - durch Fans, die Zugang hätten. Er sieht hier die Verantwortlichen des Carl-Benz-Stadion in der Pflicht.
Auf die Frage, wie man Pyrotechnik im Stadion künftig verhindern kann, hat Volker Proffen (CDU), Sicherheitsdezernent der Stadt Mannheim, direkt nach dem Spiel keine Antwort. "Wenn ich die Antwort kennen würde, wäre ich bundesweit ein gefragter Mann", sagte er im Interview mit dem SWR am Samstag und verwies darauf, dass das Ganze ein bundesweites Phänomen sei. Es sei "leider in allen Stadien in Deutschland so, dass Pyrotechnik reinkommt". Er schlägt vor, ein bundesweites Konzept zu diesem Thema zu erarbeiten.
Fanforscher: Gewaltproblem im Fußball ist nicht neu
Wieso es immer wieder zu Gewalt in Stadien kommt, erforscht der Sportwissenschaftler Harald Lange von der Universität Würzburg. Er spricht im Zusammenhang mit dem Spiel am Freitag von einem "erneuten Tiefpunkt" - neu sei das ganze Thema nämlich nicht.
"Was mich irritiert, ist, dass im Nachgang immer die gleichen Routinen in der Auswertung stattfinden." Passieren würde dann aber häufig nichts, niemand habe ein langfristiges Konzept. So würden beispielsweise Strafen für die Vereine nur bedingt Wirkung zeigen. Denn die Vereine hätten selbst oft "gar keinen Zugriff auf ihre Fans", erklärt der Forscher. Die zentrale Frage in seinen Augen müsse also heißen: Wie erreichen wir die Fans, damit so etwas zukünftig nicht mehr stattfindet?
Für die Gewerkschaft der Polizei in Mannheim wäre es ein wichtiges Zeichen, wenn sich Vereine künftig an den Einsatzkosten von Hochrisikospielen beteiligen müssten. Der Vorsitzende Thomas Mohr schätzt, dass der Einsatz am Freitag etwa eine Million Euro gekostet haben könnte.
Fanforscher Harald Lange von der Universität Würzburg über den richtigen Umgang mit Pyrotechnik und Gewalt im Stadion:
SV Waldhof Mannheim: Ermittlungen nach Pokalspiel dauern an
In Mannheim und Kaiserslautern ging der Trainingsbetrieb zwischenzeitlich regulär weiter. Der SV Waldhof Mannheim wollte sich am Montag nicht erneut zur Sache äußern. In einem Statement vom Samstag heißt es: "Was gestern im Carl-Benz-Stadion passiert ist, darf nicht Teil unseres Fußballs sein. Pyrotechnik, die gezielt in Richtung anderer Menschen eingesetzt wird, das Überwinden von Absperrungen und das Betreten des Innenraums sind durch nichts zu rechtfertigen." Man müsse das Ganze aber erst einmal "selbst aufarbeiten", teilte ein Vereinssprecher auf SWR-Anfrage am Montag mit. Man führe derzeit viele Gespräche und die Ermittlungen liefen. Auch der 1. FC Kaiserslautern äußerte sich am Montag nicht weiter zu den Vorfällen.
Fans beider Lager warfen beim DFB-Pokalspiel am Freitag Böller auf das Spielfeld, vereinzelt wurden auch Raketen auf die Haupttribüne und Einsatzkräfte geschossen. Daraufhin stürmten einige Fans den Platz. Die Polizei stellte sich den Fans entgegen, teilweise beritten und mit Hunden. Außerhalb des Stadions kam es laut Polizei zu keinen größeren Zwischenfällen. Dort ging das Sicherheitskonzept offenbar auf.